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Die Welt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 723 DIE^TELT Leitung genau weiß, in welchem Verhältnis die Palästinaarbeit zur politischen Tätigkeit steht. Herr Fischer — und vermutlich auch seine näheren Freunde — sind anderer Meinung. Sie glauben, die Leitung habe nicht das richtige Verständnis für die Bedeutung der politischen Arbeit und die Art, in der wir Palästinaarbeit treiben müssen. Diesen Beweis will Herr Fischer Ln seinem nächsten Artikel in konkreter Weise erbringen. Sein heutiger Aufsatz enthält neben vielen allgemeinen Ausführungen, denen niemand widersprechen wird, den interessanten Versuch, die Spaltung in „politische“ und „praktische“ Zionisten auch heute noch als sachlich (d. h. durch theoretische Gegensätze in der Auffassung) begründet hinzustellen. Wenn nun Herr Fischer sagt: „Oie reinen Theorien werden beiderseits nur noch von sehr wenigen konsequent vertreten“, so ist dies recht unklar. Fast klingt es wie ein Vorwurf, und in der Tat meint er, die Folge davon sei, daß die meisten Zionisten nicht recht wissen, was politischer, was praktischer Zionismus bedeute. Dies müssen wir entschieden bestreiten. Unter den „reinen Theorien“ versteht Herr Fischer doch offenbar einerseits die ursprüngliche Chartertheorie („keine praktische Arbeit vor Erreichung der rechtlichen Garantien“) und andererseits die Theorie der Praktischen („keine Diplomatie, nur praktische Arbeit“.) Man bezeichnet diese beiden Standpunkte wohl besser nicht als „Theorien“, denn es sind im Grunde nur Einseitigkeiten, die sich rasch überlebt haben. Herr Fischer will aber durchaus nicht anerkennen, daß die gewaltige Mehrheit der Zionisten zu einer Synthese beider Standpunkte und damit wirklich zu einer brauchbaren „Theorie“ gelangt ist. Um zu beweisen, daß es noch immer wohlbegründete, gegensätzliche Auffassungen über die Politik im Zionismus gibt, schreibt er: „Die bewußten, politischen Zionisten, die Opposition, verlassen nicht den Boden des politischen Zionismus, sie erstreben die Lösung der Judenfrage durch die Verwirklichung des Baseler Programms.“ Damit will Herr Fischer also offenbar sagen, daß die „Praktischen“ etwas anderes wollen. Das ist nun wirklich eine merkwürdige Behauptung. Freilich, ein Schlagwort kann verschieden interpretiert werden. Aber Herr Fischer will doch auch nicht behaupten, daß unter der „Lösung der Judenfrage“ die plötzliche Auswanderung von 12 Millionen Juden nach Palästina zu verstehen sei? Er meint doch wohl auch, daß wir in Palästina kolonisieren müssen und daß dort eine allmähliche Einwanderung stattfinden soll? Wenn er aber dies meint, so begreifen wir nicht, welchen theoretischen Gegensatz er zwischen seiner und unserer Auffassung konstruieren zu können glaubt. Wir wollen eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, er will das gleiche. Wie groß die Heimstätte sein wird, wie viele Juden dort leben werden, wann das aus den Verhältnissen des Landes sich ergebende Maximum an Bevölkerungszahl, Reichtum, politischen Rechten erreicht sein wird — darüber läßt sich zahlenmäßig nichts sagen. Aber Herr Fischer darf überzeugt sein, daß wir in diesem Punkte nicht bescheidener sind, als er selbst. Ueber das Ziel also — soweit man bei der unaufhörlichen Entwicklung eines Volkes und seiner Heimat von einem Ziel reden kann — gibt es heute auch nicht den geringsten Unterschied zwischen einer sogenannten praktischen und einer politischen Auffassung. Nun einiges über den Weg zum Ziel. Herr Fischer will wiederum beweisen, daß es eine theoretische Differenz hierüber gibt und er schreibt: „Die Besiedlung Palästinas ist nur möglich, wenn wir erst die Bedingungen für eine gedeihliche Arbeit schaffen, d. h. die politischen Beschränkungen und Hindernisse aus dem Wege räumen.“ Was heißt das nun wieder? Steht Herr Fischer auf dem Standpunkt der alten Charterpolitik: Erst rechtliche Konzessionen — dann Beginn der Kolonisation? In diesem Falle unterschiede sein Standpunkt sich allerdings theoretisch von dem unseren. Denn dies war ja der Kernpunkt des alten Streites, in welchem die „Praktischen“ schließlich gesiegt haben. Es ist unsere durch alle Erfahrungen der letzten Jahre bestätigte politische Ueberzeugung, daß ein Volk, das keine Kanonen und keine Panzerschiffe besitzt, „Rechte“ nicht einfach durch „Politik“ vorwegnehmen kann, sondern aus den tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnissen des Landes heraus entwickeln muß. Wir glauben nicht an eine „do ut des“- Politik in dem Sinne, daß uns zunächst große Konzessionen gemacht werden, deren Rahmen wir dann durch praktische Arbeit ausfüllen, vielmehr glauben wir, daß wir in jedem Zeitpunkt immer nur diejenigen Erleichterungen (durch kluge Politik) erstreben müssen, die dem sofortigen, unmittelbaren Fortschritt unserer Arbeit dienen. Dabei übersehen wir nicht, daß unsere Politik dem allgemeinen Gang der Geschichte folgen muß und auch mit ferneren Möglichkeiten rechnen soll. Diese Rechnung kann zu politischen Anknüpfungen führen, kann aber nicht in feste Verträge oder Konzessionen umgegossen werden, solange wir und das Land ihrem Inhalt noch nicht entsprechen. Aber auch die dringend nötige Beseitigung derjenigen Beschränkungen, die wir gegenwärtig als besonders hinderlich empfinden, darf für unsere Palästinaarbeit keine conditio sine qua non sein. Sonst geraten wir in den von den Chovvewe Zion der allerersten Zeit begangenen Fehler, unsere Sache ganz und gar von den wechselnden Sympathien oder Antipathien wechselnder Beamter abhängig zu machen, d. h. wir tun gar nichts und sind vielleicht nach 20 Jahren soweit wie heute. Ist Herr Fischer nicht unserer Meinung, hält er am eigentlichen Charterismus fest, so müßte er ein Gegner der praktischen Arbeit sein, bevor größere Konzessionen erreicht sind. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein, denn gleich darauf erklärt er die Palästina-Arbeit für unbedingt notwendig. Also wollte er offenbar nur sagen, wir müßten uns unaufhörlich bemühen, die Beschränkungen zu beseitigen und Erleichterungen unserer Arbeit zu erlangen? Aber dann sind wir ja wieder vollständig einig! Denn die politische Tätigkeit unserer Leitung ist auf nichts anderes gerichtet, als auf eben dies. Daß, wie Herr Fischer schreibt, die politischen Bedenken und Erwägungen stets an erster Stelle stehen müssen, — dies wollen wir weder bestreiten noch bejahen. Es kommt auf die Wichtigkeit der jeweiligen „praktischen“ oder „politischen“ Arbeit an. Will Herr Fischer sagen, daß man niemals die politischen Wirkungen einer zionistischen Aktion — sei sie nun kolonisatorischer oder propagandistischer Art — aus dem Auge verlieren dürfe, so stimmen wir ihm wiederum vollständig bei. Daß die fähigsten Männer mit der politischen Arbeit zu betrauen sind — das ist eine Selbstverständlichkeit, über die man nicht diskutieren kann. In Personenfragen läßt sich nur von Fall zu Fall entscheiden. Vermutlich hält Herr Fischer die jetzige Leitung nicht für fähig, Politik zu machen, sondern will andere Männer dafür haben. Das ist vielleicht für ihn ein Grund, die jetzige Leitung zu bekämpfen, aber es hat mit theoretischen Gegensätzen (mit denen allein wir uns im Augenblick beschäftigen, weil Herr Fischer diese beweisen will) nichts zu tun. Nun wendet sich Herr Fischer von der Politik zur Palästina-Arbeit, und will auch hier zeigen, daß es gegensätzliche Auffassungen gibt, die nicht überbrückt sind. Hier müssen wir nun zwischen Herrn Fischer selbst und den anderen Mitgliedern der Oppositionsgruppe unterscheiden. Letztere scheinen wirklich theoretische Gegner der Palästina- Arbeit zu sein. Sie interessieren sich nämlich für die Palästina- Arbeit sehr wenig. Sie tun nichts dafür, beteiligen sich nicht an palästinensischen Unternehmungen, besitzen kein Stückchen Land in Palästina, obwohl sie zum Teil mit Mitteln reich gesegnet sind, üben aber fortgesetzt eine überaus heftige und unsachliche Kritik an allen praktischen Unternehmungen. — Ganz anders Herr Fischer! Er interessiert sich für die Palästina-Arbeit, beteiligt sich aktiv an der Palästina-Arbeit, ja, er erklärt, wir müßten praktische Palästina-Arbeit in tau-

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