Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Nr. 23 DIEIqKELT Wenn die Leitung und die Herren von der Majorität behaupten : es gäbe heute keine Differenzen, denn sie sind selbst politische Zionisten, so wäre ja dies einerseits als Sieg der Idee des politischen Zionismus freudig zu begrüßen, aber nun fragt es sich, wie die Majorität den politischen Zionismus versteht und handhabt. Man ginge ja vielleicht gar nicht fehl, wenn man heute schon voraussagt: die Entwicklung im Zionismus strebe unaufhaltsam zurück zur reinen Herzischen Auffassung. Vorläufig sind wir noch nicht so weit. Folgende kurze Darlegung der Denkweise der heutigen Opposition wird genügen, um zu beweisen, daß tatsächlich tiefe Differenzen bezüglich der Arbeitsmethode und folglich auch in der Grundanschauung nach wie vor bestehen. Die bewußten politischen Zionisten, die Opposition, verlassen nicht den Boden des politischen Zionismus, sie erstreben die Lösung der Judenfrage durch die Verwirklichung des Baseler Programms. Die Besiedlung Palästinas ist nur möglich, wenn wir erst die Bedingungen für eine gedeihliche Arbeit schaffen, d. h. die politischen Beschränkungen und Hindernisse aus dem Wege räumen. Dieses können wir nur durch Arbeit politischer Natur erreichen, deshalb haben die politischen Bedenken und Erwägungen stets in erster Reihe bei allen Beschlußfassungen ausschlaggebend zu sein. Deshalb haben wir die fähigsten Männer unter uns,.auch wenn sie nicht zur Majorität und zur Leitung gehören, die aber die Prinzipien des politischen Zionismus vertreten, mit der politischen Arbeit zu betrauen. Die Zionistische Organisation als solche hat sich mit der Organisierung der Judenheit und allen erforderlichen Arbeiten zu dem einzigen großen Zweck zu beschäftigen, um den Herzischen Zionismus zu verwirklichen. Die praktische Arbeit in Palästina, deren Notwendigkeit anerkannt ist, haben wir als Zionisten nach Möglichkeit zu leisten, in tausendmal höherem Maße als es bis jetzt geschehen ist. Als Zionisten haben wir in Palästina zu arbeiten, zu riskieren, zu verdienen, zu verlieren. — Leisten doch erfreulicherweise ernstliche praktische Arbeit in Palästina so viele Juden, die sich zum Zionismus gar nicht bekennen. — Für die Organisation als solche steht sie erst in zweiter Reihe. Die Organisation kann und soll alle Palästina-Unternehmungen unterstützen, hat sie aber in keinem Falle selbst zu machen. Nur Institute großen Stils, wie die A. P. C., eine Agrarbank und ähnliche Dinge, welche die Besiedlung des Landes durch Juden ermöglichen, kräftig fördern können, kommen für uns als Organisation in Betracht. Viele Gründungen, die wir unter dem Druck der praktischen Richtung als Organisation unternommen, gehörten nicht zu uns, und — das ist wie die Ironie des Schicksals — noch dazu aus rein praktischen Gründen, weil es unmöglich ist, daß sie, geleitet durch eine Administration, die unserer Organisation untersteht, gedeihen sollen. Und man bedenke: Jahrelang haben wir alle unsere Energie für diese nach unserer Ueberzcugung verfehlten Unternehmungen verwendet. Wir haben ohne große Kapitalien die Fehler wiederholt, die wir bei andern zu tadeln uns für berechtigt hielten. Alle unsere Kräfte hätten wir einsetzen müssen, um das Kapital der Bank von zwei Millionen Pfund zu vervollständigen, unablässig für dieses politische Instrument zu arbeiten, das war unsere Aufgabe. Zur selben Zeit, als wir Hunderttausende für praktische Unternehmungen aufbrachten, mußten wir viele Millionen für politische Zwecke aufbringen, Millionen, die gut angelegt und verzinst werden mußten. Die Bank durfte nicht für allerlei Sachen und für Spesen der Organisation herangezogen werden, sondern unbarmherzig verschlossen bleiben; so wäre es möglich gewesen, die Bank überhaupt zu einem großen, gewinnbringenden Institut heranzubilden. — So wäre es möglich gewesen, in einem gewissen wichtigen Moment aktionsfähig zu sein. Der Nationalfonds darf in Palästina nur arbeiten, wenn er mit seinen Statuten in Einklang ist, ein Uebergriff ist nicht gestattet — denn die erschwerenden Statuten sind wissentlich gemacht worden, um dem jüdischen Volke ein dauerndes Erbe zu hinterlassen. — Aehnlich steht es mit den Kulturbestrebungen. Wir haben sie als Zionisten kräftigst zu fördern, zu unterstützen. Aber sie können nicht den Hauptbestandteil unserer Bestrebungen als Organisation ausmachen, denn wenn sämtliche Juden der Welt Hebräisch sprächen, was in der Diaspora unmöglich bleibt, so hätten wir zwar an Kraft ungeheuer viel gewonnen, aber die rechtlose Lage des jüdischen Volkes in der Welt wäre damit noch nicht verbessert. Eine jungjüdische Kultur, die diesen Namen verdient, werden wir nur in unserem Lande schaffen können. Der politische Zionismus hat sich zum Ziel gesetzt, dem jüdischen Volke radikale Hilfe zu bringen, ihm normale Daseinsbedingungen zu schaffen im eigenen Lande, wie sie andere Völker haben. Dies ist nur durch politische Mittel zu erreichen. — Ich glaube, daß die Leitung und die jetzige Majorität diese hier entwickelten Grundsätze nicht glatt unterschreibt; die prinzipielle Differenz ist also erwiesen. Da hier aber nichts neues gesagt wurde, darf man fragen, warum die Differenz hartnäckig geleugnet wird, warum fortwährend behauptet wird, die Opposition wolle nicht verraten, was sie eigentlich verlange und schlage nichts Positives vor. Es ist weit gekommen, wenn die Vertreter der Herzischen Ideen in der Zionistischen Organisation die Opposition, die lästige Opposition bilden. In einem folgenden Artikel soll die angewendete Arbeitsmethode der Leitung und der Majorität und die Haltung der Opposition, das Positive ihrer Vorschläge, erörtert werden. Die Opposition hat das Wort! In Nr. 20 unseres Blattes vom 14. Mai haben wir uns mit der „Opposition“ innerhalb des Zionismus beschäftigt. Der unmittelbare Anlaß dazu waren öffentliche Reden der Herren Marmorek und Cowen, deren Inhalt sich kurz dahin zusammenfassen läßt, daß die jetzige Leitung, die jetzige Majorität der Organisation, die „große Idee“ des Zionismus verleugne, daß sie den Zionismus kleiner, enger, einseitiger mache und daß der Leitung diejenige politische Einsicht mangele, die zur Führung der Bewegung nötig sei. Diese Grundstimmung der „Opposition“ teilt auch Herr Jean Fischer. Wir begrüßen es nun sehr lebhaft, daß die „Opposition“ den Versuch macht, ihren Standpunkt in der Öffentlichkeit nicht durch allgemeine herabsetzende Redensarten, sondern sachlich zu begründen. Herr Fischer spricht zwar nur in seinem eigenen Namen, aber er ist tatsächlich der „Sachlichste“ unter der Gruppe der Oppositionellen. Wir haben daher seinen Ausführungen sehr gern den gewünschten Platz in unserem Blatte eingeräumt und erwarten mit Spannung seine weiteren Ausführungen. Auf diese wird es bei seiner Beweisführung vor allem ankommen, denn was er im vorstehenden Artikel ausgeführt hat, rechtfertigt nicht die heftige Opposition, die er und seine Freunde der Leitung machen. Herr Fischer erhebt selbst keinen Anspruch darauf, die Gruppierung in „Praktische“ und „Politische“ vollständig und genau beschrieben zu haben. Aber darauf kommt es gar nicht an. Im großen und ganzen hat er die Sachlage vor dem X. Kongreß ziemlich treffend geschildert. Es gab wirklich zwei Strömungen, die in den bekannten Kongreßkämpfen, namentlich in den Jahren 1903—1909, zutage traten. Dann wurde, wie Herr Fischer selbst ausführt, der Versuch einer Synthese gemacht. Wir — die Majorität von heute — glauben, daß die Synthese gelungen ist, daß die Anschauungen einigermaßen geklärt sind und daß die