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Die Welt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 721 Nun gehört Palästina zum türkischen Staat und dieser hat über das Land zu verfügen, aber die Verhältnisse liegen da eigenartig, sie sind türkisch wie die Verhältnisse in Amerika amerikanisch sind. Die Türkei nimmt oft gern den Rat einer anderen Macht in wichtigen schwierigen Fragen an. Die Türkei könnte auch unsere Mitarbeit sehr gut brauchen und die Bevölkerung Palästinas könnte durch uns ungeheuer viel gewinnen. Die Türkei hat zu einer Zeit, als es noch keinen politischen Zionismus gab, Verordnungen getroffen, die die Einwanderung und ein gedeihliches Fortkommen der Juden in Palästina zumindest sehr erschweren. Die Aufhebung dieser Beschränkungen und die Schaffung von günstigen, die jüdische Einwanderung fördernden gesetzlichen Verordnungen sind schon für den Anfang jeder Erfolg versprechenden Aktion unerläßlich. Diese Begünstigungen an Stelle der Beschränkungen sind nur zu erreichen durch geschickte, konstante politische Arbeit. Die in Frage kommenden Machtfaktoren müssen dauernd über unsere Sache unterrichtet und dafür interessiert werden. — Daß eine solche politische Arbeit nur von sehr wenigen, besonders dazu geeigneten Personen gemacht werden kann, ist jedem klar, der jemals den Geist des Herzischen Zionismus begriff. Daß die Propaganda parallel mit dieser politischen Arbeit zu gehen habe, ist ebenso klar. — Der Zionismus bedeutet die Renaissance des innerlich noch immer gesunden, entwicklungsfähigen jüdischen Volkes, er will den allen Gefahren der Unterdrückung und der Assimilation ausgesetzten Juden die Befreiung von physischer und seelischer Not bringen. Dieses Ideal hat uns Juden im Golus endlich das Dasein in schönerem Licht gezeigt, ein neues Leben, das gelebt zu werden wert sei. Dieses Ideal, das uns die Freiheit verheißt, hat uns dem Judentum erhalten, dem Judentum zurückgebracht. Unsere Aufgabe ist es, das Uebel, welches in unserer anomalen rechtlosen Lage, in der Zerstreuung begründet ist, zu beseitigen. Wir müssen alle lebenden Kräfte im jüdischen Volk sammeln, um mit vereinten Kräften das große Ziel der Selbstbefreiung zu erreichen. — Die Tatsache, daß Herzl nicht in einigen wenigen Jahren den erwarteten politischen Erfolg, den „Charter“ bringen konnte, entmutigte viele in unseren Reihen; wir erlebten die Entwicklung einer rückläufigen Argumentation, und zwar: Die Mächte wollen uns nicht helfen, die Türkei keinen Charter geben, der eine große Führer konnte keine politischen Erfolge bringen. Die Begünstigungen sind nicht zu erreichen, die Beschränkungen vorläufig nicht aufzuheben. Palästina gehört der Türkei; wir können ihr keine Bedingungen stellen, kein Versprechen von ihr erlangen. Die Türkei hat gar nicht auf den .Rat anderer Mächte zu achten, sie tut was sie will. Ein Verbot besteht zwar, aber man gestattet uns doch die Einwanderung. So gehen wir denn ins Land, arbeiten wir praktisch, zeigen wir der Türkei, was wir können und sie wird uns achten und lieben lernen. Die Bedingungen sind ungünstig, die Beschränkungen erschwerend, wir werden die Schwierigkeiten zu überwinden wissen, denn wir streben mit allen unseren Kräften nach diesem Lande. Diese Kräfte sind gering, sie werden bei der Arbeit wachsen. — Das Nationalbewußtsein müssen wir durch eine beständige, systematische große Agitation heben, wir müssen das Volk aufrufen und durch besondere Pflege und Verbreitung der hebräischen Sprache und jüdischen Wissens, durch intensive Beschäftigung mit unserer Geschichte, mit der neuhebräischen und jüdischen Literatur, durch Vertiefung und Verinnerlichung nationaljüdischer Gedanken die zionistische Weltanschauung schaffen und einwurzeln. Wir können nicht müßig warten, wir müssen ein Machtfaktor in Palästina werden, unsere Massen können nicht mit bloßen Ideen hingehalten werden, sie wollen greifbare Arbeit sehen. — Organisation der Judenheit in der Diaspora und praktische Arbeit in Palästina sind unsere Hauptaufgaben. — Das ist die Anschauung, die man im Gegensatz zur rein politischen die praktische nannte. Man hätte auch die eine die „politisch logische“ und die andere die „praktisch heroische“ nennen können. Die Argumentation der Praktischen erzeugte auch Auswüchse. Man sagte: Ueberall, wo wir wohnen, können wir mit nationalen Forderungen für Gleichberechtigung als eine besondere Volksgruppe auftreten. — Eine Lösung der Judenfrage ist durch mühevolle, politische Arbeit, die auf das Hauptziel allein ihr Augenmerk konzentriert, nicht zu erreichen. Die Judenfrage ist in Wirklichkeit ein Komplex von Fragen. Jede Teilfrage muß separat ins Auge gefaßt und ihre Lösung versucht werden. Es ist verlorene Mühe, den unerreichbaren Sympathien der Mächte nachzulaufen, alle diplomatische Tätigkeit ist wertlos. — Das Baseler Programm — nun, mancher machte auch da nicht Halt und meinte: es ist nicht notwendig, dieses stets in Erinnerung zu rufen, übrigens stammt es nicht vom Berge Sinai'. Wenn es sein muß, kann dies oder jenes geändert werden. Wir sind keine Sklaven unserer eigenen Gesetze, wenn wir erkennen, daß diese abänderungsbedürftig sind. — Ich weiß wohl, man kann an meiner Darstellung dieser beiden Anschauungen manches aussetzen, denn das eine oder andere angeführte Detail kann von einem Anhänger der betreffenden Anschauung nicht akzeptiert werden, während eine andere Einzelheit für beide Anschauungen Gültigkeit hat. Es sind dies Nuancen, die der individuellen Auffassung entsprechen. Ich erhebe auch nicht den Anspruch auf Unfehlbarkeit, Vollständigkeit und Präzision. Es gibt berufenere Vertreter des politischen Zionismus, welche dieser Aufgabe besser als ich gerecht werden können, ich nehme hier ja nur gezwungenerweise das Wort. — Jedenfalls stehen zwei verschiedene Auffassungen im Zionismus gegeneinander, und jeder Versuch, diese Gegensätze zu leugnen, ist ein vergebliches, müßiges Bemühen. Es ist begreiflich, daß ein Anhänger der politischen Theorie über wichtige Schritte im Zionismus anders urteilt, als ein Anhänger der praktischen Theorie. Nun ist seit Jahren eine Synthese der beiden Richtungen erstrebt worden. Bei diesem Streben ist folgendes Resultat zutage getreten. Wenn die Politischen früher jede unsichere Arbeit in Palästina grundsätzlich ablehnten und ihr Augenmerk nur auf die Errichtung politischer Rechte lenkten, so wollten die Praktischen nur die tatsächlichen Verhältnisse in Betracht ziehen und nicht politische Möglichkeiten. Und wenn jetzt die Politischen das Prinzip der Palästina-Arbeit nicht mehr bekämpfen, so wollen die Praktischen auch Politik treiben. Die reinen Theorien werden beiderseits nur noch von sehr wenigen konsequent vertreten, infolgedessen wissen die meisten Zionisten nicht recht, was politischer, was praktischer Zionismus ist, sie verstehen den Streit überhaupt nicht mehr, sie sind alle politisch-praktisch und praktisch-politisch, sie halten nicht mehr zäh an einem politischen Ideal innerhalb des Zionismus fest, sondern schließen sich opportunistisch heute dieser, morgen jener Maßnahme an. — Eine Synthese, eine Klärung ist nicht geschaffen worden, sondern eine Verwirrung der verschiedensten Begriffe. Die alten Praktischen, die sich jetzt auch Politische nennen, machen angestrengte Versuche, ihre Politik als die richtige hinzustellen und folgern: da unsere Politik die richtige ist, sind wir die politischen Zionisten. Viele, die früher rein politische Zionisten waren, verlieren sich jetzt in Diskussionen über praktische Arbeit und glauben, wenn die praktische Arbeit nur nach kaufmännischen Prinzipien gut gemacht würde, was allerdings absolut notwendig ist, so wäre damit schon dem politischen Zionismus Genüge getan. —

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