Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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720 Nr 23 tums zu uns spricht, wie wir es in uns selber und in den jüdischen Strömungen der Gegenwart finden. Dieses Wesen innerhalb unserer „Formen“, innerhalb des das Galuth negierenden Nationalismus zu verwirklichen, das erst scheint uns die Erlösung zu bringen. Um dieses Wesen aber verwirklichen zu können, müssen wir uns an das Werk der jüdischen Antike, an die in unserem Blute noch lebenden Kräfte und an die wertvollen jüdischen Strömungen der Gegenwart, somit auch an die Kunst, an die Dichtung, an die Gemeinschaftswerte der Ostjuden, mit wahrer Liebe hingeben. Und ich glaube mir die Bemerkung erlauben zu dürfen, daß dieser jüdische Geist, in seiner Tiefe gefaßt, sich keineswegs auf Monotheismus, Sittlichkeit, Messianismus, Optimismus, Rationalismus oder Handelsgeist reduziert, noch in seinem Wesen anational ist, sondern ein echt jüdischer Geist ist, der von dem Geiste des gebildeten Europa so gänzlich verschieden ist wie die Verneinung des Galuth von seiner Bejahung. So daß Zionismus eine zweifache und doch im Grunde einheitliche, große sittliche Entscheidung ist: die Verneinung des Galuth und Bejahung Palästinas als Form, die Verneinung des europäischen und Bejahung des jüdischen Geistes als Inhalt unserer nationalen Zukunft. Die politischen Zionisten in der Opposition Von Jean Fischer - Antwerpen Bis vor einigen Tagen habe ich meinen engeren Gesinnungsgenossen und Freunden und meinen politischen Gegnern gegenüber den Standpunkt vertreten, daß wir Meinungsverschiedenheiten über politisch-zionistische Maßnahmen unter uns zum Austrag zu bringen haben, daß wir öffentlich als eine einige Schar zielbewußter Zionisten auftreten müssen. In diesem Sinne forderte ich von meinen Freunden Subordination unter die von uns gewählte Leitung und von den Herren, die zur Leitung gehören, gebührende Rücksicht für die Opposition. Dieser Standpunkt scheint also doch falsch zu sein, denn von rechts und links läßt man es an der nötigen Mäßigung öffentlich fehlen. Es ist ganz einerlei, wer die ersten gewesen sind,' die den Streit der Meinungen in die Oeffentlichkeit getragen haben. Nun ist es geschehen. Das Schweigen hat keinen Zweck, die zionistischen Massen müssen unruhig werden, denn wenn die Linke auch nur wenig Gelegenheit hat, ihre Anschauungen bekannt zu machen, da die Presse und die Publikationen in den Händen der Leitung und der Majorität liegen, so müssen die Zionisten sich doch sagen: Wenn fortwährend über die Opposition geklagt und geschimpft, wenn gesagt wird, daß sie zwar heftig opponiere, aber nicht sagen wolle, was sie eigentlich verlange, so muß doch immerhin etwas daran sein. — Und man kann spotten, so viel man will, die Tatsache, daß die besten Namen in unserer Organisation, denen kein Spott und kein Hohn und keine Verdächtigung etwas anhaben können, zur Opposition gehören, ist doch für die zionistischen Massen eine sehr beunruhigende Erscheinung und die Gefahr liegt nahe, sehr nahe, daß diese Massen innerlich geschwächt, in ihrer zionistischen Ueberzeugung irre gemacht werden. Diese Befürchtung veranlaßt mich, hier ausführlich den Angriffen auf die Opposition entgegen zu treten. Es ist bei der jetzigen Sachlage besser, wenn die Oeffentlichkeit ungefähr unterrichtet wird. Ich erwarte nicht, daß morgen die gesamte zionistische Welt die Anschauungen der Opposition teilt, aber ich erwarte bestimmt, daß sie einsehen wird, daß wir als Opposition etwas vertreten, wobei es ein Pro und Contra gibt; man kann dafür und dagegen sein, aber man kann nicht behaupten, daß wir nicht wissen, was wir wollen, daß wir auch nicht „andeutungsweise" verraten (!) wollen, was wir unter „politischem Zionismus" verstehen, daß wir nur „die Leitung befehden", um Opposition zu machen. Wenn ich hiermit aus der. mir auf erlegten Reserve eines disziplinierten Soldaten heraustrete, so trifft die Verantwortung hierfür unsere Leitung. Wiederholt habe ich an die Herren im E. A. C. geschrieben, daß sie sich, wenn sie sich mit den A. C. - Mitgliedern auseinandersetzen wollen, selbst an diese wenden mögen, daß sie Ermahnungen und Verweise an Kollegen im A. C. nicht durch Beamte, nicht durch die Redaktion der „Welt" (die zweifelsohne, nach dem Geiste unserer und jeder Organisation, dem A. C. unter- und nicht übergeordnet ist) ergehen lassen solle. Das E. A. C. hat diesen Forderungen nicht nachzugeben vermocht und so muß ich denn hier u. a. manches sagen, was ich nur sehr ungern vor die Oeffentlichkeit bringe. Denn zweierlei muß ich Vorbringen: Das Prinzipielle, das wir Politischen vertreten und das von den Praktischen teils nicht anerkannt, teils falsch gebraucht wird, und die angewendete Arbeitsmethode der Leitung und der Herren der Majorität. — — Wir Oppositionellen stehen auf dem Standpunkt des reinen politischen Zionismus, wie ihn Herzl geschaffen hat. Die Strömungen, die nachher bei uns Eingang fanden und sogar die Oberhand gewannen, sowie ihre Wirkungen, verlieren wir nicht aus den Augen, sie vermögen aber nicht, unser politisch-zionistisches Ideal zu verwässern oder zu trüben. Wir erstreben die integrale Verwirklichung des Baseler Programms. Wenn man zu anderen Zeiten andere Mittel anwenden zu müssen glaubt, so berühren diese nicht den Kern unseres Programms. Im Baseler Programm ist unzweideutig ausgedrückt, daß wir eine Heimat auf rechtlicher Basis für das jüdische Volk schaffen wollen, die öffentlich als gesichert erscheint. Die politischen Zionisten von der Färbung Herzls glauben, dadurch die Lösung der Judenfrage in der ganzen Welt anzubahnen. Die Schaffung dieses jüdischen rechtlichen Gemeinwesens soll uns die prinzipielle Anerkennung der Gleichberechtigung als Menschen und als Volk seitens der Völker bringen. Ist uns einmal das Recht zugestanden, als Volk auf unserem Boden frei zu leben, und wir erbringen der Welt den Beweis, daß wir unter uns als Volk selbständig leben und gedeihen können, dann haben wir den weit verbreiteten und eingewurzelten Glauben, daß wir nur als Parasiten unter den Völkern leben können, zerstört, und dem Judenhaß seinen eigentlichen Boden entzogen. Den an ihrem Volk verzweifelnden Juden geben wir das Selbstvertrauen, den Juden der ganzen Welt ihre nationale Ehre, ihre Menschenwürde wieder. Der politische Zionismus hat die Judenfrage vor das Forum der öffentlichen Meinung gebracht. Auf unseren Kongressen und auch sonst bei passender Gelegenheit müssen wir immer wieder mit Kraft und vollem Emst den Anspruch auf unsere Rechte als Menschen und als Volk erheben. Wir haben erkannt, daß uns bei unserer Lebensweise in der Diaspora der Untergang droht, und um dem entgegenzuwirken, müssen wir die Heimstätte in Palästina schaffen. Zu diesem Zwecke müssen wir langsam oder schnell, das hängt von den Verhältnissen und unserer Leistungsfähigkeit ab, in Palästina Juden ansiedeln. Juden, die sich mit der Zeit den verschiedensten Berufen widmen. Juden, die in unserer alten Heimat ein neues jüdisches Leben, eine neue jüdische Kultur, ein verjüngtes Judentum erstehen lassen.