Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 23 (6.6.1913)
- Date
- 1913-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 DIE LT 719 theose des Zionismus folgt. Den Leitern der „Freistatt“, die sich auf der ersten Seite mit dem einleitenden Aufsatz (er heißt „Die Erstarkung der westlichen Jüdischkeit“ und ist von F. M. Kaufmann) identifizieren, kann höchstens der erste Teil Klatzkins behagen, die Feststellung, daß jüdisch alles ist, was der historischen jüdischen Gemeinschaft angehört. Das ist aber auch alles, was dieses „Alljudentum“ überhaupt an Grundlagen anerkennt. Weitere Form en, in denen sich die historische Gemeinschaft darstellen und differenzieren, in sich verfestigen, konsolidieren soll, stellt es nicht auf; wie vor bald zwei Jahren in einer Besprechung des Birnbaumschen Alljudentums gesagt wurde, will es alles Jüdische erhalten, was sich nur selber erhalten kann, zu dem Ziele, um jüdisches Wesen in dieser oder jener Form zu erfüllen. Einen anderen einheitlichen Zielgedanken, — ein „Ideal“ — darf es nicht geben. Der jüdische Baum wächst aus einer Wurzel in viele Aeste; sie kommen aus gleicher Vergangenheit und streben in verschiedene Zukunft. Daß sie der gleiche Saft emporgetrieben hat, das macht sie jüdisch. Das Alljudentum läßt die Zweige wachsen, wohin sie wollen; was sich erhalten kann, wird jüdisch sein, ob es nun Oliven trägt oder Tannen- Dieser Auffassung des Judentums (F. M. Kaufmann sagt: der Judenheiten) als eines gewaltigen, riesenhaften, urzeitlichen Organismus, als einer Gesamtheit jüdischer Wirklichkeiten, die allesamt bejaht werden müssen, von der Ausgangs- und Zielpunkt aller jüdischen Erkenntnisse und Voraussetzungen genommen werden müssen, dieser Auffassung kontrastiert seltsam der wütende Eifer, mit dem gegen das verderbte Westjudentum losgeschlagen wird; es wird charakterisiert als trüber Klüngel der volksfremden Intelligenz, desorganisierte innerlich volksfremde Bourgeoisie, die grauenvoll dem Götzen Partei opfert; und nur eine Möglichkeit bleibt ihm, zu gesunden: daß es den Weg zum Volke geht, den die Leute der „Freistatt“ ihm durch alles Gestrüpp und die dornigen Hecken seiner Parteien schlagen. Wesentlich finden wir, daß auch hier wieder für den „gewaltigen, riesenhaften, urzeitlichen Organismus des Judentums“ (nebenbei gesagt: eine denkbar unklare, unechte und verworrene Vorstellung) ein ganz bestimmter Weg vorgeschlagen wird; es tritt an die Stelle des Zionismus mit seiner Verneinung der Galuthgegenwart und seiner Aufstellung bestimmter Formen (Land, Sprache) für die Realisierung des jüdischen Nationalismus und die Neuschöpfung der jüdischen Gemeinschaft, die Bejahung der jüdischen Wirklichkeiten, d. h. der Galuthgegenwart; für die Formen des Zionismus weiß das Alljudentum keinen Ersatz, der für alle Teile der Judenheit gleich gälte (deswegen spricht es auch lieber von einer Mehrzahl der Judenheiten); die jüdische Gemeinschaft neuzuschaffen, hält es für unnötig, da sie ja nicht zerstört sei. F. M. Kaufmann wundert sich, daß von allen Strömungen des neueren Judentums einzig die zionistische den Westen für sich gewann. Dies kommt nicht daher, wie Kaufmann meint, daß sie die mechanischste, rationalste der an sich schon einfachen Kolonisationsbewegungen war. Vielmehr war sie die seelenhafteste, irrationalste aller Bewegungen und ist und wird es noch immer mehr. Sie hat das Alljudentum verdrängt, das vor ihr da war und das die „Freistatt“ wiederherstellen möchte. Damals ließ man alle Teile des Judentums ihre Wege gehen und hielt sich an den Judaismus, der im Grunde Kaufmanns „Jüdischkeit“ völlig wesensgleich ist (De 1nitionen kann er so wenig geben wie die Vertreter des „Geistesjudentums“). Der Zionismus verlangte für das nationale Kriterium die scharfe klar ausgesprochene Form. Land und Sprache, Negation des Galuth. Daß der Zionismus im Westen seine Form fand, ist leicht begreiflich, da die gemeinschaftsvernichtende Macht des Galuth im Westen viel klarer am Tage lag und schon viel furchtbarere Opfer gefordert hatte als im Osten. So ist der Zionismus keineswegs, wie F. M. Kaufmann meint, ein erster affektvoller Schritt der westlichen Bourgeoisie hin zum Volk, sondern das endgültig, ein für allemal absagende Nein des Volkes an die zerflatternde Gegenwart, ist die Verneinung des Galuth, die für den Osten genau ebenso unumgänglich ist wie für den Westen; denn dieselben Kräfte, die die Jüdischkeit des Westens längst zersetzt haben, sind am Werke, um auch die Jüdischkeit des Ostens zu zersetzen, und da hilft alle jiddische Dichtung nicht; vielmehr ist diese Dichtung ein Gut, dessen sich nicht der Besitzer, sondern erst sein Erbe erfreuen wird. Da der Zionismus nicht im Einträufeln von Jüdischkeit besteht, sondern im Aufrollen der großen Entscheidungsfrage um Ja oder Nein, so muß er eine Partei sein, die Partei des Ja gegen alle Arten der Neinsager. Daß wir uns dieser unserer Interessiertheit bewußt sind, macht uns nicht, wie F. M. Kaufmann meint, zu Schamlosen, sondern — wir wollen über unsere Gegenwart hinaus — zu Schamhaften. F. M. Kaufmann wirft dem Zionismus vor, er rede vom Wollen des Unmöglichen und habe doch nicht einmal das Mögliche und Nötige vermocht. Wer das Unmögliche will, Herr F. M. Kaufmann, der will nicht das Mögliche, der verabscheut das Mögliche und das Nötigste, da es ihn an der großen und einzig erheblichen Entscheidung verhindert, und überläßt, das Mögliche und Nötigste zu tun, denen, die es für etwas Erstrebenswertes halten. Ohne mich bei einer Reihe abfälliger Bemerkungen über den Zionismus aufzuhalten, die entweder nicht recht verständlich sind oder mit dem Hauptgedanken nicht unmittelbar Zusammenhängen, setze ich F. M. Kaufmanns These, die er auf Seite 12 der „Freistatt“ ausspricht: „Der Westen muß zur Bejahung der jüdischen Wirklichkeiten kommen“ (im Osten scheint ihm alles in Ordnung), die von Klatzkin gegenüber, die auf Seite 28 derselben „Freistatt“ nicht formuliert, aber unverkennbar dargelegt ist: „Das ganze Judentum muß die Galuthgegenwart verneinen, muß sich an der nationalen Zukunft unseres Landes und unserer Sprache, an diesem Seinsollen, das noch kein Sein darstellt, orientieren.“ Freilich gehe ich über Klatzkin noch hinaus. Wenn ich selbst sagte, daß nach meiner Meinung in keinem von uns rein und unvermischt das urjüdische Blut fließt, so hat sich doch in uns, durch das jahrtausendlange Wohnen in dem Werke und Erbe des Urjudentums, ein jüdisches Wesen verkörpert, das bestimmte Züge, bestimmte Tendenzen, das ein Streben nach der Verwirklichung bestimmter Ideen hat. Es ist dies Klatzkins entthrontes „geistiges Judentum“, an der jüdischen Antike orientiert. Diese Gestaltung unseres Geistes ist Klatzkin ein nationaler Wert, nicht aber ein nationales Kriterium. Das ist richtig, und ich teile Klatzkins Auffassung, daß zum Kriterium Formen, nicht Inhalte taugen. Aber sind diese Formen anerkannt, so ist die Gefahr ausgeschlossen, daß die anationale Natur des geistigen Judentums die Gemeinschaft sprenge, so wie das Quecksilber nicht mehr zerläuft, sobald es im Glase aufgefangen ist. Aber das Quecksilber bleibt darum wertvoller als das Glas ist; der Inhalt wichtiger als die Formen, denen er erst die Daseinsberechtigung gibt. Darum glaube ich, daß wir, die wir die Formen vorab bejaht haben, dann auch den Inhalt bejahen müssen. Dieser Inhalt, dieser Geist des Judentums, diese unsere Jüdischkeit ist das jüdische Wesen, wie es aus der jüdischen Antike, aus der Schöpfung des Urjuden-