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Die Welt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
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718 Nr. 23 Alljudentum und Zionismus Von Dr. Hugo Herrmann Schon seit längerer Zeit ist die Gegenüberstellung: Alljudentum—Zionismus in unseren Ehskussionen aufgetaucht. Die Vertreter des „Alljudentums", die sich um Nathan Birnbaum (Mathias Acher) scharen, haben es jetzt für an der Zeit gehalten, eine eigene Zeitschrift, die „Freistatt, alljüdische Revue", zu begründen, deren erste zwei Hefte vorliegen. Ehe ich zur Besprechung des zweiten und damit zu einer zum Teil mich persönlich nahe betreffenden Debatte komme, möchte ich den Grundirrtum des „Alljudentums" feststellen, yrozu die „Freistatt" selbst durch einen Aufsatz ihres ersten Heftes Gelegenheit gibt. Dieser Aufsatz ist betitelt „Judaismus und nationales Judentum" und ist im wesentlichen ein Referat von Nach um Goldmann über einen Aufsatz „Banker schel tekufah" („Der Morgen einer Epoche"), den Dr. Jakob Klatzkin im „H aschi 1 oach" veröffentlicht hat. Klatzkin stellt fest, daß das Kriterium des Judentums vor der Emanzipation die Religion gewesen ist. Wer sich zur jüdischen Religion bekannte, war ein Jude; wer sich zu ihr bekehrte, wurde Jude; wer ihr abtrünnig wurde, hörte auf, ein Jude zu sein. Tatsächlich hat diese Auffassung seit den ältesten Zeiten geherrscht und ist die Ursache, daß wohl in keinem von uns rein und unvermischt das Blut jener Urjuden fließt, die aus der Wüste kamen und Kanaan eroberten. (Nebenbei ein wichtiges Blatt jüdischer Geschichte, woran niemand von uns wird Vorbeigehen können, sind die beiden Kapitel „Syrien" und „Judaea und die Juden" in Mommsens Römischer Geschichte, V. Band; Mommsen ist Judenfeind, was ihn aber nicht hindert, ein großer Historiker zu sein.) Als mit der Emanzipation zugleich die Aufklärung ins Judentum eindrang, geriet die Religion ins Schwanken; an die Stelle des Kriteriums der Religion trat das Kriterium des Geistes. Das Judentum wurde als Geist, als eine Gesamtheit von Ideen erfaßt, die freilich sehr verschieden definiert wurden: Monotheismus, Sittlichkeit, Messianismus, Rationalismus usw. Nunmehr wurde alles, was diesen Ideen entsprach und diente, als Judentum betrachtet; Klatzkin sieht klar, daß diese Ideen nichts spezifisch jüdisches haben, sondern allgemein menschlicher Natur sind, also kein Differenzierungsmoment mehr bedeuten können. So zieht das „Geistesjudentum" die Assimilation notwendig nach sich, die keineswegs Nachahmungssucht oder knechtische Demütigung sei, wie man sie zu verleumden pflege, sondern eine notwendige Folge des geistigen Judentums. Ja, die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft und die vollkommene Verbreitung dieser „Ideen des Judentums" sind unlösbar miteinander verknüpft. Zum Beweis führt Goldmann zum Schluß zwei Stellen aus dem vierten Buche des „Heatid" an, wo David Neumark schreibt: „Judentum ist die Idee des Guten . . . Wenn alle Juden verschwinden sollten, selbst wenn diese Welt vernichtet werden sollte, wird doch das Judentum fortexistieren als unzerstörbare Idee." Und Dr. Kaminka sagt noch unverhüllter: „Die Garantie für die Erhaltung des Judentums besteht nicht in der Konzentration der Juden, sondern darin, daß die Weltanschauung des Judentums allen Völkern bekannt und vertraut werden wird. Dazu ist die Diaspora berufen. Ebenso ist es ja auch mit der Mathematik, deren Existenz nicht durch das Dasein der Mathematiker garantiert wird, sondern durch ihre ewige Wahrheit." Die Generation, die die Folgen des „Geistesjudentums" erblickte und die sich die Fortexistenz des Judentums nach gänzlicher Auflösung und Vernichtung der jüdischen Gemeinschaft nicht vorzustellen vermochte, suchte an Stelle der beiden alten und zu verwerfenden Kriterien ein neues, das die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft sichere und fand es eben in dieser Gemeinschaft selbst: es war das nationale Kriterium. Jude-sein, sagt diese Generation, bedeutet nicht ein Bekenntnis. Wir sind keine Glaubensgemeinschaft und keine Weltanschauungsgemeinschaft, sondern die Glieder einer Familie, die Kinder einer historischen Vergangenheit. Nicht ein subjektives Moment verbindet und differenziert uns, sondern ein objektives, die Gemeinsamkeit einer Geschichte. So stellt die Leugnung der jüdischen Weltanschauung nicht außerhalb des Judentums und das Bekenntnis zum Judaismus macht noch nicht zum Juden. Jude ist, wer zur nationalen, historischen jüdischen Gemeinschaft gehört. (Nur nebenbei streife ich die Hinzufügung Klatzkins: zu der historischen Gemeinschaft müsse noch der Wille zur Gemeinschaft der Zukunft treten, zu dem Moment historischer Gebundenheit noch das Moment historischen Wollens, zu dem geschichtlich gegebenen noch das freie Bekenntnis. Mir scheint dies dem Wesen des nationalen Kriteriums schon zu widersprechen, das ja eben an die Stelle des subjektiven das objektive Moment setzt. Dies wäre sogar im Sinne des „Alljudentums" gesprochen; Goldmann läßt es sich entgehen.) Klatzkin schreitet nun an die Kritik jener Art von Nationalismus, die sich von dem „geistigen Judentum“ nicht freimachen kann. Dieser „Afternationalismus" fordere in seiner besten Form die Verwirklichung des nationalen Gedankens in seinen ureigensten Formen, durch Land und Sprache, aber diese seien ihm doch „bloß“ die nationalen Formen, der nationale Inhalt „aber", um dessent willen jene verwirklicht werden sollen, sei ihm der „Geist des Judentums". Der Inhalt einer Lehre, sagt Klatzkin, könne aber nie ein nationales Differenzierungsmoment bilden, dies vermöge nur die Form. Und schon gar der Inhalt des Judentums müsse seiner Anlage nach im Universalismus enden, sei seiner Natur nach anational, ja antinational. Wahrung und Förderung des Geistes des Judentums, des „Judaismus", bedeute noch nicht Wahrung und. Förderung unseres nationalen Seins; gar oft sei das Wohl dieses Geistes das Wehe unseres Seins. Somit können nur Formen das nationale Kriterium bilden. So besage, endet Klatzkin, der Zionismus, der größte Feind dieses Afternationalismus, die Eliminierung des Inhalts aus dem nationalen Kriterium, das sich nur von Formen, wie vornehmlich Land und Sprache, bestimmen lasse. Nur durch den Zionismus, die strenge Konsequenz der nationalen Erkenntnis, nur durch die Vorwegnahme der erstrebten Zukunft und durch Verneinung der Galuth ge genwart sei die wahre Antwort auf die Frage des Judentums gegeben, der Zionismus bedeute eine neue Epoche. Soweit Dr. Klatzkin in Goldmanns Referat (ich hotte, daß die Gedankengänge in dem zweimaligen Umweg doch im großen richtig wiedergegeben sind). Ich meinerseits nun verstehe schwer, wie die „Freistatt" einem Aufsatz wie der, der sie einleitet, nach sechs Seiten einen solchen wie den-besprochenen folgen lassen kann. Nicht daran stoße ich mich, daß jener den Zionismus als das Verderben des Judentums, als Ablenkung vom Judentum, im besten Falle als eine Utopie und ein Phantom hinstellt, worauf dann bei Klatzkin die Apo-

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