Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316596--57504-3375966
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

702 DIE LT Nr. 22 auf diesen Umstand hier besonders hingewiesen. -In den letzten Jahren regt sich.auch.unter den- Juden, insbeson- - dere unter den Juden in. den Ländern deutscher. Zunge, der Wunsch, den Zusammenhang mit den vergangenen Geschlechtern wiederherzustellen und die Familiengeschichte zu pflegen. Das Wachsteinsche Werk bietet nun erneut den Beweis, welch große Rolle bei diesen Bestrebungen die Grabsteine zu spielen berufen sind (und wie sehr, nebenbei bemerkt, es daher einer systematischen Pflege und Erforschung der Grabsteine bedarf, die aber beide noch sehr im argen liegen und deren sich bisher keine der großen Gesellschaften und Organisationen, welche wissenschaftlichen Zwecken dienen, angenommen hat). Denn hier begegnen uns in bunter Folge die Namen einer großen Anzahl von Familien, die heute noch zu den geachtetsten der ganzen Judenheit zählen, die Rapoport, Auerbach, Goldschmidt, Theomim, Munk, Maor Katan, Spira, Meisl, Luria, Walich, Horowitz, Sekl, Aschkenasi, Libermann, Margulies, Heller, Chalfan (Wechsler), Delbanco u. a. m., so daß die Behauptung nicht zu gewagt ist, daß bei uns Juden Grabsteinforschung und Familiengeschichte nicht zu trennen, ja vielfach gleiche Begriffe sind. Aber auch noch für einen anderen Zweig der jüdischen Geschichtsforschung sind die Grabsteine — und das zeigt sich gleichfalls erneut bei den Wiener Grabinschriften — eine Geschichtsquelle ersten Ranges. Wir Juden sind von jeher ein Wandervolk, sind es im Mittelalter — und für die Juden hat das Mittelalter erst sehr spät aufgehört — mehr gewesen denn je, und mit vollem Rechte hat vor kurzem ein jüdischer Tagesschriftsteller gesagt, daß die Juden Wanderung seit den Tagen des Unterganges des jüdischen Staatswesens bis heute noch nicht zum Stillstand gekommen sei. Da sind nun die eben erwähnten Familiennamen, insbesondere im Verein mit einem Umstande, den wir jetzt gleich erwähnen wollen, eine wichtige Quelle zur Erforschung der Herkunft und der Wanderungen der einzelnen Familien. Trotzdem nämlich die Juden gewissermaßen ihren Wanderstab stets zur Hand haben mußten — waren sie doch jeden Augenblick ihrer Ausweisung gewärtig — besaßen sie ein lebhaftes Heimatsgefühl, so daß sie bekanntlich vielfach ihrem Namen den Namen ihres Heimatsortes beifügten. Der Mangel eines festen Familiennamens ist nicht immer die Ursache hierfür gewesen; die eben erwähnten Familiennamen sind der beste Beweis hierfür. So sind wir denn über die Herkunft eines großen Teiles der Familien unterrichtet, deren Mitglieder auf dem Roßauer Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, und können uns so ein Bild von der allmählichen Entstehung der Wiener Gemeinde bilden. Naturgemäß sind es in großer Zahl Juden aus den Ländern der österreichisch-ungarischen Krone, aus Linz, Nikolsburg, Wallerstein, Austerlitz, Prag, Krakau, Eisenstadt, Brod, aus den verschiedensten Gegenden des Gebietes des heutigen deutschen Reiches, Oettingen, Nördlingen, Worms, Braunschweig, Frankfurt a. d. Oder und Frankfurt a. M., Bacharach, Glogau, Hildesheim, ja auch Italien (Venedig) und Frankreich (Nantes) sind an der Bildung der Wiener Judengemeinde des 16. und 17. Jahrhunderts beteiligt — von dem Königreich Polen, dem schier unerschöpflichen Reservoir der damaligen Judenheit, ganz zu schweigen. Wenden wir uns von dem, was sich aus den Grabinschriften gewissermaßen für den äußeren Rahmen der Geschichte der Wiener Gemeinde ergibt, zu dem, was wir aus ihnen über ihr Innenleben erfahren. Naturgemäß muß die Ausbeute in dieser Beziehung viel reichhaltiger sein, weil ja die Inschriften nicht als Geschichtsquellen geschaffen wurden, sondern vor allem höchst persönliche Dokumente sind, von dem einzelnen Hinterbliebenen, der einzelnen Familie-oder, höchstens von der Gemeinde dem Vater, der . Mutter, dem Gatten, dem Kinde oder dem Führer gewidmet.. Auch wenn wir. hier, wie schon Wachstein ganz richtig bemerkt, mit einer gewissen Kritik an den Inhalt der Inschriften herangehen, da die Liebe und die Dankbarkeit oft das Lob des Toten .über Gebühr vergrößern, erhalten wir dennoch einen ergreifenden Einblick in die gewaltige Summe von Idealismus und sittlicher Hoheit, die die damaligen Generationen erfüllt hat. Wachstein hat in der Einleitung eine größere Auswahl von Inschrifttexten zusammengestellt, die vor Augen führen soll, „welche Tugenden und Ideale dieser Zeit vorgeschwebt haben". Es hält schwer, aus dieser Auswahl in einem kurzen Aufsatze wieder eine kleine Auslese zu veranstalten, wenn man nicht Gefahr laufen will, Wichtiges zugunsten von Unwichtigerem beiseite zu lassen. Da wird einem Toten nachgerühmt, daß er die größten und strengsten sittlichen Anforderungen an sich selbst wie an andere gestellt habe; vielfach begegnen wir Inschriften, welche dem Toten das rühmende Zeugnis ausstellen, daß er die im Judentum allezeit hochgeschätzte Pflicht der Ehrerbietung vor Vater und Mutter in schönster Weise erfüllt habe. Die Pflicht der Ausstattung armer Bräute wird schon in der Mischnä neben anderen als eine der Pflichten bezeichnet, für deren Erfüllung ein Teil des Lohnes auf dieser Welt, der größere aber im Jenseits verheißen wird; so wird denn zum Lobe eines Toten gesagt, daß er von seinem im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Vermögen armen Waisenmädchen die Mitgift gegeben habe. Wieder einem anderen wird das Lob gezollt, daß er in Redlichkeit Juden und Nichtjuden gegenüber seinem Berufe nachgegangen sei. Ganz modern mutet der Nachruf eines Mannes an, der vom Dorfe in die Stadt gezogen sei, um hier seinen religiösen Pflichten besser als auf dem Lande gerecht werden und an dem Gemeindegottesdienst teilnehmen zu können. Mehr als einmal finden wir Inschriften, die von der Errichtung eines Gotteshauses aus privaten Mitteln zu berichten wissen, während anderen wieder das Lob gespendet wird, daß sie jahraus, jahrein den Wein für Kiddusch und Hawdolo für das Gotteshaus gespendet haben. Zwei Inschriften, welche Vorstehern der Gemeinde gewidmet sind, seien ihrem vollen Wortlaut nach hierhin gestellt, weil jedes einzelne Wort verdient, wiedergegeben zu werden: „Ein Vater an Jahren und an Weisheit, alt und angesehen, ein Haupt und Pfleger, führte er sanft seine Gemeinde. Kein falsches Wort kam über seine Lippen, sein Vermögen verwandte er zu guten Werken, redlich war er in Handel und Wandel, und nie hat er seine Mitmenschen übervorteilt. Seinem Vater und seiner Mutter kam er mit Verehrung entgegen. — An die Spitze gestellt, war er Israel wie Tau. Er führte die Gemeinde ruhmvoll und scheute kein Opfer an Person und Vermögen, seine Herde zu weiden. Mutvoll machte er sich auf den Weg, den Angelegenheiten der Gesamtheit zu dienen, Fürsprache zu tun und Schutz zu erlangen. Ein Panzer, ein Schild, ein Lenker des Schiffes." — ln immer neuen Wendungen wird das Lob der Gelehrten, der Rabbiner, der Gemeinderichter und der Aerzte gesungen; auch hier nur ein Nachruf auf einen, der, seinem großen Vorgänger Maimonides gleich, Rabbiner und Arzt zu gleicher Zeit gewesen ist: „Er war der Herr der Lehre, ein mächtiger Stab, eine herrliche Stütze in seiner reinen Gottesfurcht und seiner geradsinnigen Frömmigkeit. Scharfsinnig in Mischna, Hagada und Gemara, richtete er nach Billigkeit alle Söhne meiner Gemeinschaft. Durch sein Wort stiftete er JFrieden zwischen Mensch und Mensch sowie Mann und Frau. Als mitfühlender Bruder besuchte er die Kranken und spendete Trost den Leid-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.