Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 22 die^elt 701 O ({□ OQQOQ o FEUILLETON o □□□□□□ Jjo - -Jj O Der alte Judenfriedhof in Wien Von N. M. Nathan Inmitten des neunten Stadtbezirkes von Wien, der einstigen Vorstadt von Wien Roßau, liegt der älteste Eegräbnisplatz der Wiener Judenheit, von Bauten umgeben, die ihn den Augen der Vorübergehenden entziehen. Die Mitglieder zweier verschiedener Judensiedlungen haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden; die Katastrophe, welche die Nichtbelegung des Friedhofes während einer längeren Reihe von Jahren verursachte und so an dieser Stätte einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, war die Vertreibung der Juden aus Wien im Jahre 1670, die David Kaufmann in einer eingehenden Abhandlung näher geschildert hat. Neben einer größeren Reihe urkundlichen Materials bilden die Inschriften des Wiener Judenfriedhofes die wichtigste Quelle zur Geschichte der Juden in Wien und Oesterreich überhaupt, und schon verhältnismäßig früh, im Jahre 1855, widmete ihnen Frankl eine Studie, die, abgesehen von unvermeidlichen Fehlern und Irrtümem, den heutigen Ansprüchen längst nicht mehr genügt. Es war der bereits erwähnte David Kaufmann, der die Notwendigkeit einer neuen Bearbeitung unter Zugrundelegung und Zuhilfenahme der modernen Mittel der photographischen Aufnahmen und der Anfertigung von Abklatschen der Grabinschriften ausgesprochen und auf dessen Veranlassung die historische Kommission der Wiener Kultusgemeinde diese Arbeit in Angriff genommen hat. In ihrem Aufträge hat Dr. Bernhard Wachstein, nachdem er seine Befähigung für diese große Aufgabe in einer in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften erschienenen Schrift über „Wiener hebräische Epitaphien" dargetan, die Bearbeitung des Inschriftenmaterials übernommen und im vergangenen Jahre den ersten Band, der die Inschriften von der Begründung des Friedhofes bis zum Jahre der Vertreibung der Juden aus Wien (1670) enthält, der Öffentlichkeit übergeben*). Es ist ein Band von nahezu 700 Seiten, der nicht nur äußerlich in seiner Ausstattung und durch die vortreffliche Wiedergabe von etwa 250 Grabdenkmälern, sondern auch und ganz besonders durch die gewissenhafte Kleinarbeit, durch welche der Herausgeber fast eine jede Grabschrift zur Bedeutung einer geschichtlichen Urkunde erhoben hat, Bewunderung und uneingeschränktes Lob verdient. Denn in ihrer Bedeutung für die Geschichtsforschung, für die Erkenntnis der einzelnen Persönlichkeiten und ihrer Schicksale wie für die Kenntnis der Geschicke der Gemeinde, ihres äußeren und inneren Erlebens beruht der Wert der Gesamtheit der uns vorliegenden Inschriften. Gewiß werden wir auch an dem allgemein Menschlichen, das ein jeder Grabstein uns bietet, an dem Einzelschicksal, das unter ihm beschlossen liegt, nicht teilnahmlos vorübergehen — denn auch das ist eine Aufgabe der Geschichte, und nicht ihre letzte, in allem zeitlichen Geschehen uns das Ewige aufzuweisen. Darum findet die Klage der Eltern um ihre Kinder, die Zier und die Hoff¬ *) Die Inschriften des alten Judenfnedhofes in Wien. Im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien bearbeitet u>n Dr. Bernhard Wach st ein. Mit 202 ^xtabb'Iäungen 15 Tafeln und einem Friedhofsplane. 1. Teil. 1d40 (•) - 1670. Wien und Leipzig, Wilhelm Braumuller, k. u. k. noT- und Universitäts-Buchhändler. 1912. nung ihres Lebens, die Trauer der Kinder über die Führer und Freunde ihrer Kindheit, der herbe Schmerz der Gatten um den Gemahl der Jugend unser volles Verständnis, stehen wir voller Ergriffenheit vor dem Doppelgrab der beiden Schwestern, die in jungfräulicher Unschuld dem Tode ihren Tribut zollen mußten, und beugen uns, unserer menschlichen Ohnmacht bewußt, vor der Gewalt der unbekannten Katastrophe, der Mutter und Kind zum Opfer fielen und deren Erinnerung das Grab erhalten hat, das sie im Tode vereint. Aber, wie gesagt, der Wert der Inschriftensammlung liegt in ihrer Bedeutung für die Geschichtsforschung, in dem Beitrage, den sie zusammen oder jeder einzelne Stein bzw. jede einzelne Inschrift zu unserer Kenntnis vergangenen Lebens beisteuern. Und da interessieren uns natürlich in erster Reihe die Menschen, deren Andenken Grabstein und Inschrift wach erhalten soll. Es war daher Wachsteins Aufgabe, möglichst bei jedem einzelnen Grabstein die Persönlichkeit des Toten festzustellen, dem der Stein gewidmet worden ist. Das ist ihm naturgemäß nicht bei allen 695 Steinen gelungen, teils weil die Inschriften der Steine nicht mehr zu entziffern gewesen sind, teils auch, weil sonstiges Material zur Identifizierung des Toten nicht vorhanden war und die Inschrift selbst keine Anhaltspunkte für die Feststellung bot. Immerhin aber ist die Identifizierung bei den meisten der Inschriften, die im vorliegenden Bande vereinigt sind, gelungen. Diese Arbeit war um so leichter, je eingehender der Tote in der Inschrift charakterisiert oder je mehr die Persönlichkeit aus anderen historischen Quellen schon bekannt war. Ich nenne von diesen Quellen das Totenprotokoll der Stadt Wien, das über einen Zeitraum von 20 Jahren (1648 bis 1669) sich erstreckt und die Erkennung der Toten sehr erleichtert, die Verlassenschaftsakten des Wiener Oberhofmarschallamtes, das in vielen Fällen Aufschluß über den Toten, seine Familien- und Vermögensverhältnisse gewährt, sowie von neuerdings erst bekannt gewordenen Quellen die jüdischen Privatbriefe aus dem Jahre 1619, die Wachstein selbst vor zwei Jahren erst zusammen mit dem verdienten Wiener Gelehrten Landau herausgegeben hat. Dank dieser mühevollen Kleinarbeit, deren Größe nur der richtig zu beurteilen und deren Verdienstlichkeit nur der recht zu schätzen vermag, der sich selbst schon mit ähnlichen Studien befaßt hat, kennen wir jetzt eine stattliche Anzahl der Juden, die während eines Zeitraumes von mehr a's 100 Jahren in Wien gelebt haben, ihre Rabbiner und ihre Gelehrten ebenso wie die großen Kaufherren und Fürsprecher bei den Mächtigen dieser Welt, wie nicht minder ihre Frauen und Kinder. Aber die eigene Art der Namenführung, deren sich die Juden bis vor etwas weniger als einem Jahrhundert noch überall und heutzutage noch in der Synagoge bedienen. ermöglicht es, wenn man erst die einzelnen Persönlichkeiten kennt, sie in ihren Familienzusammenhang einzureihen, mit anderen Worten, die Familien gewissermaßen zu rekonstruieren. Es ist allgemein bekannt, daß bei uns Juden der Brauch herrscht, die Namen der Vorfahren in den Enkeln wieder aufleben zu lassen. So war es sehr häufig leicht, die Zusammengehörigkeit mehrerer Personen und ihr verwandtschaftliches Verhältnis auf Grund ihrer Namen festzustellen und die einzelnen Glieder einer Familie nicht nur selbst durch ein Jahrhundert zu verfolgen, sondern auch die neuen verwandtschaftlichen Beziehungen aufzufinden, die sie im Laufe der Jahre untereinander anknüpften. Mit voller Absicht sei