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Die Welt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 22 695 um „finanzielle und ökonomische Realitäten zur Stütze der nationalen Forderungen zu schaffen“. Aehnlich verhält es sich mit der praktischen Arbeit. Zunächst müsse dieselbe zwei Bedingungen erfüllen: eine Bedeutung für die Allgemeinheit haben und auf solider finanzieller Grundlage aufgebaut sein. Wo diese beiden Bedingungen nicht zutreffen, müsse die Bewegung die Aufgabe der Privatinitiative überlassen. Aber auch die besten Resultate, erreicht von der Bewegung oder von Privaten, bleiben nur Stückwerk ohne sorgfältige politische Vorarbeit. Der Artikel schließt: „Im Zionismus sollten alle einig sein über die Notwendigkeit, politische und praktische Arbeit nebeneinander zu leisten. Beide verlangen die äußerste Vorsicht, Verständnis für die historische Lage, Geradheit und Offenheit in der Ausführung unseres Programms“. — Rabb. Liber schreibt den Schluß seiner Artikelserie über „Zadoc Kahn und der Zionismus“, der wohl der interessanteste Teil ist. Wir erfahren, wie sehr der französische Rabbiner mit den zionistischen Bestrebungen sympathisierte (eine französische Zeitung, die ihn interviewt hatte, glaubte seine Schlußfolgerungen unterdrücken zu sollen!), und daß nur die Rücksicht auf seine offizielle Stellung ihn verhinderte, einen tätigeren Anteil an der Bewegung zu nehmen. — Desgleichen schließt A. Spire seine Studie über James Darmeste t e r, der, wie J. Salvador, gern von einer Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina träumte. Sehr ergreifend sind die Schilderungen des „Russischen Briefes“ von der 300-Rubelstraße, dem Monstreprozesse von Tula und Smolensk und der Beilis-Affäre. Auch der Nachrichtenteil ist diesmal reichlicher ausgestaltet, was sicher der Verbreitung dieser in jeder Beziehung ausgezeichneten Zeitschrift nur dienlich sein kann. Unsere Gesinnungsgenossen in Tunis unternehmen die Herausgabe einer Monatsschrift in jüdisch-arabischem Dialekt, „Kol-Zion“, deren erste Nummer soeben erschienen ist. Dieselbe enthält u. a. ein Geleitwort, Das Werk Herzls von R.-A. V a 1 e n s i, Sokolow in Amerika, Das jüdische Leben in Palästina usw. Die Leitung des Blattes liegt in Händen der Gg. F. Baranes, V. Koskas und M. T a i e b. Die Zeitschrift wird für die Propaganda unter den arabisch sprechenden Juden Nordafrikas gute Dienste leisten. PALÄSTINA-RUNDSCHAU (Von unserem Berichterstatter.) Eine Rede Dr. Chissins Wie bereits gemeldet, fand bald nach Peßach in der Kolonie Gederah die 30jährige Jubelfeier der Bilu statt. Es sind nämlich genau 30 Jahre her, daß die Mitglieder der Bilu in Jaffa ans Land gingen. Außer den ehemaligen Bilu- Mitgliedern fanden sich zahlreiche Gäste ein. Anläßlich dieser denkwürdigen Feier wurden viele Ansprachen gehalten, in denen die Leiden und Freuden der jungen Akademiker, die vor 30 Jahren ihre Karriere aufgaben, um in Palästina Landbau zu treiben, geschildert wurden. Auch Dr. Chaim Chissin, der palästinensische Vertreter der Chowewe- Zion, ergriff das Wort. Seine Rede übte einen nachhaltigen Eindruck. Dr. Chaim Chissin gehörte zu den führenden Geistern der Bilubewegung. Seine damaligen Publikationen in russischer Sprache erschöpften fast den ganzen Gehalt der Stimmungen jener tief bewegten Zeit. Die Briefe aus Palästina, die er bald nach seiner Ankunft schrieb, haben noch heute ihren Reiz nicht eingebüßt. Es ist bezeichnend für die Lage, in der sich die Bilumitglieder nach ihrer Ankunft in Palästina befanden, daß dieser geistreiche Akademiker zunächst Kutscher wurde. Noch gab es damals keinen Eisenbahnverkehr zwischen Jaffa und Jerusalem und so lenkte der ungemein begabte junge Mensch lustig die Pferde im judäischen Gebirge, dessen Herrlichkeiten er frohen Mutes in seiner Seele aufnahm. Seither ist schon eine geraume Zeit verflossen. Chissin nahm später die unterbrochenen Studien wieder auf und fungiert auch seit mehreren Jahren, wie bereits erwähnt, als Vertreter des Odessaer Komitees. Er ist kein besonders redegewandter Mann. Er ist ein stiller Mann der Praxis geblieben, der geräuschlos seine Arbeit tut und sich auch des Schaffens der andern freut. Ergreift er aber einmal das Wort, so sind seine Darlegungen im hohen Grade beachtenswert, denn sie beruhen auf reichen Beobachtungen und Erfahrungen eines genauen Kenners unseres Landes. Chissin führte in seiner Bilu-Rede u. a. aus: „Sie alle wissen wohl, daß nur zu oft ein gewisser Pessimismus bei unseren führenden Männern Platz greift, der sie vor die bange Frage stellt: Was haben wir erreic t, welche Bedeutung hat die bis jetzt in Palästina geleistete Arbeit? Das Kolonisationswerk läßt ja noch gar so viel zu wünschen übrig usw. Wenn man aber erst einmal m eine pessimistische Stimmung hineingerät, dann übersieht man auch, was wirklich geleistet wurde. Wir alten Biluleute aber, die wir vor 30 Jahren hierher kamen, können mit Genugtuung auf das bisher Erreichte zurückblicken. Als wir unsere Fahne entfalteten, herrschten noch bezüglich der Zukunft des Judentums andere Ziele und andere Wege. Jetzt aber gibt es kaum mehr prinzipielle Gegnerschaft gegen den palästinensischen Kolonisationsgedanken. Jetzt sind nicht bloß diejenigen Zionisten, die in den Ländern der Zerstreuung leiden, sondern auch die dort in Freiheit leben und es gut haben. Erez Israel ist jetzt die Sehnsucht des Volkes geworden. Es ist kein Zweifel, daß wir sehr viel weiter gekommen sind. Die Pessimisten unter uns weisen auf die verschiedenen Störungen hin, denen unsere Arbeit ausgesetzt ist. A c h a d H a a m, der einige Mal Palästina besuchte, kehrt immer mit einer neuen Wahrheit heim, die darin gipfelt, daß wir die Kolonisation nicht in jenem Maßstabe durchführen können, wie wir sie uns dachten. Ich meine jedoch, daß er es nicht vermochte, zu jener Höhe der Betrachtung emporzusteigen, von der aus erst ein richtiges Bild unserer Zukunft sichtbar wird. Als die Bilu-Leute kamen, war die Lage geradezu trostlos. Man ließ uns nicht einmal landen. Abdul Hamid verbot gleich die Einwanderung ausländischer Juden. Sind nun etwa darum keine Kolonien entstanden? Hat sich unser Werk nicht gewaltig vergrößert? Ist unser Einfluß im Lande nicht gestiegen? Die maßgebenden Kreise der Türkei erkennen heute bereits die Notwendigkeit unseres Werkes und wissen auch unsere bisherigen Leistungen zu würdigen. Es gibt jetzt nur eine schwierige Frage: die der Arbeit. Achad Haam glaubt nicht an die Möglichkeit eines wirklichen jüdischen Bauernstandes und meint, daß wir bloß jüdische Farmer haben werden. Nun, ich freue mich auch der Farmer, da sie die Hoffnung auf die Heranzüchtung wirklicher Bauern eröffnen. Jede Kolonisation braucht Zeit. Vergessen wir nicht, daß unsere Farmer, unsere „Boase“, wie sie Achad-Haam in Anspielung auf den biblischen Boas, den Gatten der Ruth, nennt, früher Kaufleute und Krämer waren. Wenn sie es also so weit bringen konnten, anerkannt gute Farmer zu werden, dann dürfen wir mit gutem Grund hoffen, daß ihre Kinder auch gute Bauern sein werden. Hierzu möchte ich noch einiges sagen: Vor dreißig Jahren haben wir die Biluparole: „Auf nach Zion!“ („Beth Jaakob l’chu w'nel'ehah“) ausgegeben. Damals war es nötig, das Volk für den Palästinagedanken

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