Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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694 Nr. 22 DIE3|kuT eine solche Teilung der Nationen und Bürger nicht eingehen wird. Eine gemeinsame Arbeit ist nur auf Grund derjenigen Prinzipien möglich, die der verehrte Senator heute in seiner Rede so begeistert verteidigt hat. Ihnen und nur ihnen gehört die Zukunft; auf diese Prinzipien und auf ihren baldigen Triumph erhebe ich mein Glas." Darauf sprach Fürst Paw. D. Dolgorukow, der etwa folgendes ausführte: Er begrüße die offene und ehrliche Art, mit der der Vertreter der jüdischen Nationalität hier gesprochen habe. Er sei der Ansicht, daß ein so aufrichtiger und offener Meinungsaustausch bei einer ernsten politischen Unterhaltung zwischen Personen, die einander mit gleichem Vertrauen und Achtung begegnen, immer am Platze ist. Er sei überzeugt, daß die fortschrittliche russische Gesellschaft die Lösung der nationalen Frage in Rußland ausschließlich im Sinne der freien Selbstverwaltung und der Gleichberechtigung aller Nationen für möglich halte. Dieser Grundsatz muß für alle Nationen ohne Ausnahme gelten. Der Redner bedauert die Abwesenheit der Vertreter Polens auf dieser Versammlung und spricht die Hoffnung aus, daß das Gesagte auch zu ihren Ohren dringen wird. Seinen hochverehrten Freund, Senator Mechelin, bitte er aber, den Freunden in Finnland mitzuteilen, daß sie nur unter der Bedingung auf das Mitgefühl und die Mitarbeit der fortschrittlichen russischen Gesellschaft rechnen können, wenn für die Gleichberechtigung aller Nationen, darunter natürlich auch der jüdischen, gekämpft würde. Denn nur auf der Grundlage des Rechtes und der Gleichheit können wir uns die normale Entwicklung Rußlands und die Erfüllung der Hoffnungen Finnlands denken. Stürmischer Beifall von allen Teilnehmern des Banketts begleitete diese Rede. Zum Schluß ergriff noch Senator L. Mechelin, der Vertreter Finnlands, zur Erklärung und Verteidigung das Wort. Finnland sei nicht das einzige Land, in dem die Judenfrage noch nicht gelöst wurde. Man dürfe nicht die ganze Schuld auf sein Volk schieben. Es hätte oft genug den Willen gezeigt, die Gleichberechtigung der Juden durchzuführen. Man müsse nicht vergessen, daß die gesetzgeberische Initiative des Sejms von Petersburg abhängig sei; und das äußere sich überall, nicht nur in der Judenfrage. Er hoffe, daß, wenn die Bedingungen, unter denen der Sejm arbeitet, sich ändern werden, auch die Juden ihre Gleichberechtigung erlangen würden. Leider ging Herr Mechelin nicht weiter auf den letzten Beschluß des Sejms ein, in dem sich doch die prinzipielle Stellung des finnländischen Volkes zur Judenfrage gezeigt hat. Die Versammlung war jedenfalls sehr eindrucksvoll und es wurde allseitig mit Befriedigung konstatiert, daß das Bankett Gelegenheit geboten hatte, die nationale Frage in Rußland, die für uns Juden von so großer Bedeutung ist, offen und freimütig zu diskutieren. REVUE DER PRESSE I Die „Deutsche Levante-Zeitung“ hatte in ihrer Nr. 7 einen Aufsatz veröffentlicht, der die spaniolisch-jüdischen Kaufleute und Kommissionäre des Orients, namentlich Konstantinopels, in gehässigster Weise angreift und ihre Geschäftsgebarung als unredlich hinstellt. In ihrer Nr. 10 bringt nun das genannte Blatt eine Reihe von Zuschriften, die sich entschieden gegen jene Anwürfe wenden und der sephardischen Kaufmannschaft der Türkei volle Gerechtigkeit widerfahren Ein in der „Levante-Zeitung" nicht näher bezeichntes Jaffaer Bankhaus, das jedoch, wie wir erfahren, die Anglo- Palestine Company ist, schreibt dem Blatte: „Am Schlüsse des Artikels „Exporteure und Agenten" in der Nr. 7 Ihrer geschätzten Wochenschrift fordern Sie Ihre levantinischen Leser auf, zu der darin berührten Frage der spaniolischen Kaufleute und Kommissionäre Stellung zu nehmen. Gern kommen wir dieser Aufforderung nach, indem wir mit größtem Nachdruck Verwahrung einlegen gegen die Äußerungen Ihres Gewährsmannes, der einen nach Zehntausenden zählenden, in der ganzen Welt geehrten Kaufmannsstand in der schlimmsten Weise verdächtigt. Wenn Ihr Gewährsmann versichert, daß „bei den Spaniolen, die ja als tätig, unermüdlich und überhaupt kaufmännisch hervorragend begabt bekannt sind, die Ehrlichkeit nicht auf der Höhe ihrer Fähigkeit stehe, ja, bei vielen die Moral überhaupt durch Abwesenheit glänze", so halten wir uns für verpflichtet, demgegenüber folgendes zu erklären: Während der zehnjährigen Tätigkeit unseres Bankinstituts im Orient im allgemeinen und in Syrien im besonderen haben wir sowohl in Jaffa, Jerusalem, Beyruth, Haifa, Saffed und Hebron, wo sich unsere Niederlassungen befinden, als in allen anderen Städten, wo wir geschäftliche Verbindungen unterhalten, mit den spaniolischen Kaufleuten, Agenten und Bankiers immer in der angenehmsten Weise gearbeitet und die Erfahrung gewonnen, daß diese Geschäftsleute, die für das kommerzielle Leben des Orients geradezu unentbehrlich sind, was Ehrlichkeit und Rechschaffenheit betrifft, nicht nur hinter keinem anderen Elemente im ganzen Orient zurückstehen, sondern im Gegenteil geradezu als vorbildlich bezeichnet zu werden verdienen. Die Insinuation, daß die hiesigen Banken einfach falsche Auskünfte geben, „da die meisten dortigen Bankdirektoren ebenfalls Spaniolen seien, die jenen Agenten, in der Regel Verwandten von ihnen, hülfen, wo sie nur könnten", verdient keine Antwort. Zum Schlüsse möchten wir noch bemerken, daß wir die Zurückhaltung Ihrer Redaktion, die die ganze Verantwortung für die gerügten Ausführungen ihrem Gewährsmanne überläßt, wohl zu schätzen wissen, daß wir es aber trotzdem außerordentlich bedauern, daß derartige falsche Darstellungen in einem so verbreiteten und angesehenen deutschen Blatt überhaupt Aufnahme gefunden haben. Die guten Beziehungen der deutschen Exporteure zu den spaniolischen Kaufleuten, auf die jeder Exporteur, der im Orient arbeiten will, direkt oder indirekt angewiesen ist, werden sicher darunter leiden.“ Die Mai-Nummer (Nr. 5) des „Echo Sioniste“ bringt an erster Stelle die herrliche Gedenkrede Dr. N o r d a u s gelegentlich der kürzlich abgehaltenen großartigen Bilu-Feier in Paris. Dr. Jacobson beschäftigt sich in seiner Chronik mit der bekannten Rede Dr. Marmoreks und dem alten Thema „Politischer und praktischer Zionismus". Nach ihm ist es ein Irrtum, zu glauben, es gäbe zwei verschiedene Arten von Zionismus, einen politischen und einen praktischen. Diese Begriffe, geschaffen durch theoretisierende Verallgemeinerungen und die Sucht, Kategorien zu erfinden, stiften bloß Verwirrung. Der Zionismus müsse politisch und praktisch zugleich sein. Der politische Führer H e r z 1 war es ja, der die praktischen Finanzinstitutionen gegründet hat. Der politische Zionismus braucht die praktische Arbeit einmal, wen dieselbe „das mächtigste Propagandamittel darstellt", und dann