Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 693 &IE3§![ELT-- Die finnländische Judenfrage Eine Rede Dr. Am 27. April fand in Moskau unter der Leitung des Fürsten Paw. D. Dolgorukow die Jahresversammlung der Moskauisdhen Abteilung der „Friedensliga“ statt. An dieser Versammlung nahmen der bekannte Führer der finnländischen Liberalen Senator L. Mechelin und der Professor der Helsingforser Universität Korph teil. Die fortschrittliche Moskauer Gesellschaft veranstaltete zu Ehren des Vertreters des finnländischen Volkes ein Bankett, das vom Fürsten Dolgorukow mit einer Ansprache eröffnet wurde, in der er den Wunsch ausdrückte, die Lösung der nationalen Fragen in Rußland möchte durch die Aufhebung aller Unterdrückungsmaßregeln und die Selbstverwaltung aller Völker Rußlands erreicht werden. Bei dem Bankett war auch unser hervorragender Gesinnungsgenosse Dr. Tschlenow zugegen und dieser beleuchtete die Situation der Juden Finnlands in folgender Rede, die großes Aufsehen machte: „Ich habe immer ein Gefühl größter Hochachtung vor dem finnländischen Volk gehegt. In einem armen Lande hat es eine hohe Stufe der Kultur erreicht und ohne Gewalttaten, aber auch ohne Konzessionen seine Rechte lind Freiheiten trotz ungünstiger äußerer Verhältnisse erkämpft. Als ich verschiedene Orte Finnlands aufsuchte und das Leben, die Kultur, die Menschen näher kennen lernte, erfüllte mich das Gefühl der Achtung und des Staunens in steigendem Maße. Aber eine grausame Enttäuschung harrte meiner, als ich meinen Paß vorzeigen mußte, da ich die Absicht hatte, längere Zeit an einem Orte zu weilen. Das mir so gut bekannte Wort „mit Ausnahme der Juden“ tauchte wieder in meinem Gedächtnis auf. Wie sich herausstellte, übertrifft Finnland sogar das gegen uns Juden so unfreundliche Rußland. Hier habe ich als Mann mit höherer Bildung doch irgendwelche Rechte, dort — gar keine. Keinen einzigen Tag darf ein fremder Jude auf dem Boden Finnlands weilen. Es gibt dort zwar ein winziges Häuflein Juden, die man sozusagen als Einheimische gelten läßt; aber ihre rechtliche Lage ist ein Muster der Rechtlosigkeit und Erniedrigung. Jedes halbe Jahr muß der Jude sich auf der Polizei melden, um wieder für ein halbes Jahr das Wohnrecht zu erlangen. In dieser Genehmigung heißt es, daß er mit fertiger Konfektionsware und mit Schuhwaren handeln, daß er aber auf keinen Fall eine Buchhandlung oder Apotheke besitzen darf. Ein Jude hat kein Recht, ein Mädchen aus Rußland zu heiraten, denn dadurch würde die Zahl der „Privilegierten“ vergrößert werden. Ich will nicht noch mehr Beispiele anführen; ich glaube, die erwähnten genügen ... Ich hatte natürlich auch schon vorher eine Vorstellung von der rechtlichen Lage meiner Brüder in Finnland. Aber die nahe Berührung mit allen diesen Einzelheiten, die mit einer den Finnländern eigenen Festigkeit und Entschiedenheit in der Praxis durchgeführt wurden, übte auf mich einen niederdrückenden Eindruck aus. Eine Erklärung für all das suchend, knüpfte ich mit einigen Finnländern eine Unterhaltung darüber an. Sie erklärten, daß sie die Anomalie dieser Gesetze, die einen Ueberrest des Mittelalters bilden, wohl erkennen; diese Gesetze müßten abgeschafft werden, aber solange sie existieren, sind sie heilig, und es ist die Pflicht eines jeden, sich vor ihnen zu beugen. . Ich habe diesen herrlichen Erdenwinkel mit bedrückenden Gefühlen verfassen. Gleichzeitig aber mußte ich ein Volk achten, daß seine Gesetze so hochhalt. Dura lex, sed lex sagte ich mir. Es ist nur notwendig, Tschlenows daß das Volk das ungeheure Unrecht, das darin liegt, einsieht, und es wird damit aufräumen. Die Frage muß nur klar und ernst auf die Tagesordnung des Sejms (Landtag) gestellt werden. Und jetzt, noch zu unserer Zeit, ist dieser Augenblick gekommen. Der Sejm hat den Gesetzentwurf wegen der Rechte der russischen Bürger in Finnland besprochen. Es wurden Reden gehalten, die den Ernst dieser Frage richtig beleuchteten. Und nun? Das Gesetz wurde angenommen, aber mit dem verhängnisvollen Zusatz „mit Ausnahme der Juden“. Diese Tatsache wird noch fürchterlicher, wenn man folgendes überlegt: Als der Gesetzentwurf wegen der Rechte der Russen in Finnland in der Kommission der dritten Duma geprüft wurde, bestanden die Parteien der Rechten auf die Erweiterung der Privilegien für die Juden. Sie taten das natürlich nicht aus Liebe zu den Juden, sondern aus dem Wunsche, auch den Finnländern etwas einzubrocken. Die Vertreter meines Volkes in der Duma verzichteten darauf, ihre Reckte aus so schmutzigen Händen zu empfangen. Sie hielten diese Aufdringlichkeit für ihrer und des finnländischen Volkes unwürdig. Außerdem glaubten sie an das Rechtsbewußtsein der Finnländer für den Fall, daß diese Frage dem Sejm vorliegen würde. Und nun hat der liberale Sejm eines liberalen Volkes, das für die Rechte einer schwachen Nation kämpft, die schon bestehende Rechtlosigkeit der Juden gesetzlich genehmigt. Was bedeutet das? Wie soll man die begeisterten Worte des hochbejahrten und infolge seiner Verdienste hochgeehrten Vertreters des finnländischen Volkes mit diesem Beschlüsse der anderen Vertreter desselben Volkes, die im Sejm gestimmt haben, in Einklang bringen? Ich kann nur eine Erklärung geben. Dieselbe nämlich, die Senator Mechelin hier vorgebracht hat, als er die herrschende Politik der letzten Jahre erklären wollte. Sie bedeutet einen krankhaften Zustand, sagte er, sie ist ein Produkt, das pathologisch erklärt werden muß. Sie ist deswegen anormal, weil sie nicht den Interessen derjenigen entspricht, die sie vertreten. Worauf stützen sich in der Tat die Hoffnungen Finnlands? Worin besteht überhaupt die Kraft der einzelnen nationalen Gruppen? Das Schicksal meines Volkes gibt die beste Antwort. Politisch am schwächsten, bleibt es doch gleichzeitig unbesiegbar und wird immer unbesiegbar bleiben. Warum? Weil nichts in der Welt es von seinem Glauben abbringen kann, von den ewigen Grundlagen des Rechtes und der Moral, die es bei seinem Erscheinen auf der historischen Arena verkündet hat. Nur in der unerschütterlichen Standhaftigkeit und Treue den Grundlagen des Rechtes und der Gerechtigkeit gegenüber besteht die Kraft der Schwachen. Sobald Finnland anfängt, die Rechte der Bürger je nach Nation und Art zu verteilen, untergräbt es das, was seine einzige Stütze und Hoffnung ist. Und deswegen glaube ich, daß dies ein krankhafter Zustand ist, der nicht lange anhalten kann. Ich glaube an die Zukunft Finnlands, an die Erfüllung seiner Hoffnungen. Aber diese ist mit den Schicksalen der anderen Nationen, die zum mächtigen Rußland gehören, eng verbunden. Es ist eine einheitliche Arbeit der intelligenten Kräfte aller Nationen notwendig, um diejenigen Prinzipien zur Herrschaft gelangen zu lassen, die in sich auch die Erfüllung der Hoffnungen Finnlands bergen. Durch seinen letzten Beschluß hat der Sejm diese Arbeit nur erschwert; denn ich bin überzeugt, daß die fortschrittliche russische Gesellschaft auf