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Die Welt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 DIEl^ELT 691 Es ist sogar eine Merkwürdigkeit, daß gerade in der englischen Metropole, wo das moderne Zeitungswesen so hoch entwickelt ist, eine Zeitschrift von solch primitiver Art wie der „Hajehudi“ ihre armselige Existenz fristen konnte. Aber nur ein Mann von der Zähigkeit und Anspruchslosigkeit Suwalskys konnte überhaupt in London eine hebräische Zeitung ganze sechzehn Jahre hindurch erhalten. Nunmehr wird wohl das einzige hebräische Organ in England sein Erscheinen einsteilen müssen. Das Leben Isak Suwalskys, der nur ein Alter von etwas über 50 Jahren erreichte, war voll von Leiden und Entbehrungen. Als er vor etwa sieben Jahren in England eintraf, erhoffte er als bekannter Verfasser des hebräischen Werkes „Das Leben der Juden nach dem Talmud“ überall eine liebenswürdige Aufnahme und bereitwillige Förderung. Doch bald sollte er enttäuscht werden. Er mußte ein äußerst armseliges Leben im East End Londons fristen, wenig gekannt und beachtet. Er war Zionist, aber er ging auch hier seine eigenen Wege. Nur im Tode wurde er gewürdigt. An dem Leichenbegängnis, das von der großen Philpot Street Synagoge aus erfolgte, nahm eine große Menge teil. In der Synagoge sprach in warmen Worten der Anerkennung Dt. Gaster, sowie auch Dajan Feldman, und am Grabe wurden Hespedim von Dajan C h a i k i n, Rabbi Rabbino witz und Dr. S a 1k i n d gehalten. Begnadigung verurteilter Pogromkelden (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. In Iwanowo-Wosnesensk fanden vor kurzem die Gerichtsverhandlungen in Sachen des Pogroms vom Jahre 1905 statt. Mehrere „Patrioten“ wurden dabei zu Zuchthausstrafen verurteilt, allein das strenge Urteil gelangte nicht zur Vollstreckung. Der Vorsitzende der Wosnesensker Ortsgruppe des „Verbandes des russischen Volkes“ ging nach Petersburg und seinen vom Minister des Innern tatkräftig unterstützten Bemühungen gelang es, für die V e rurteilten die völlige Begnadigung zu erwirken. Dieser Tage fand nun aus diesem Anlaß in den Räumen des Wosnesensker Kreisgerichts eine Versammlung der glorreichen „Verbändler“ statt. Nach einem feierlichen Dankgottesdienst anläßlich des glänzenden patriotischen Sieges und einer ebenso feierlichen Rede des siegreichen Vorsitzenden, führte ein Mitglied der Versammlung, Herr Konstantinow, etwa folgendes aus: „Wir haben immer für unsere Leistungen vom Jahre 1905 irgendwelche Auszeichnung erwartet, einer unserer Freunde hoffte zuversichtlich, einen Orden zu erhalten. Nun wurden wir gar mit Zuchthaus bedroht! Es muß nun Klarheit in der Sache geschaffen werden, damit man uns in Zukuntt bei Wiederholung ähnlicher Aktionen nicht vor Gericht schleppt.“ Der Redner beantragte deshalb, sich beim Justizminister und dem Minister des Innern dahin zu verwenden, daß Pogrome gegen Juden als straflos erklärt Der ebenso einfache wie geistreiche Vorschlag wurde unter großer Begeisterung einstimmig angenommen . . . Zur Beilis-Affaire Petersburg. Die Gutachten westeuropäischer Gelehrter zum Fall J u s t - schinsky haben den Anklagebehörden nicht geringe Verlegenheit bereitet. Die Herrschaften, die sich in ihrem beschränkten Beamtendünkel über die Meinung der forschrittlichen Kreise Rußlands voll Ueberhebung hinwegsetzen, genieren sich eben doch ein klein wenig vor Europa. Zunächst wurde also die „patriotische“ Presse in Bewegung gesetzt, die ihren Lesern nach bewährten Mustern klarzumachen suchte, daß die Koryphäen der europäischen Wissenschaft, die an den famosen Gutachten der Sikorski, Tufanow und Odo- Ion s k y vernichtende Kritik geübt hatten, samt und sonders Juden oder von den Juden bestochen seien. Da dieses törichte Märchen aber in der (-Öffentlichkeit keinen Glauben fand, griff man, um die große Blamage wettzumachen, zu kleinlichen Repressalien. Der Redakteur der „Kiewskaja Mysl“ und sein Mitarbeiter Atschkasoff wurden angeklagt, daß sie vor der Hauptverhandlung Teile der in der Sammlung enthaltenen Untersuchungsakten veröffentlicht hätten. An Stelle der zweiten Anklageschrift wird nunmehr wohl eine dritte treten. Leicht dürfte es jetzt den bestellten Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern nicht fallen. Da wird wohl noch unter Vorsitz des Justizministers S t s c h e g I o w i t o w der große Kriegsrat nochmals tagen und die Frage beraten, wie man nach den Gutachten von Forel, Bleuler, Meyer Haberda, Ziemke, Lacassagne, Pepper u. a. die „Ritualmordaffäre“ noch zu retten vermag. Vorläufig hat Beilis die Anklageschrift noch immer nicht erhalten, wenn auch Gerüchte im Umlaufe sind, daß das Gericht wiederum zu seinen Ungunsten entschieden hätte. Jedenfalls wird die Verhandlung wohl kaum vor dem Herbst stattfinden; vielleicht bringt es die amtliche Verschleppungstaktik sogar fertig, den armen Beilis noch bis zum nächsten Frühjahr in Untersuchungshaft schmachten zu lassen. General v. Rennen kam pf und die Wilnaer Juden Wilna. ln letzter Zeit häufen sich die Massenausweisungen von Juden aus verschiedenen Gebieten des russischen Reiches. Ein soeben erlassener Befehl des Kommandierenden des Wilnaer Militärbezirks Generals v. Rennenkampf bietet einen Beweis für die Tatsache, daß die Judenverfolgung auch aut anderen Gebieten gegenwärtig in Rußland mit Hochdruck betrieben wird. Der General verbietet den Offizieren, sich auf der Straße sowie in öffentlichen Lokalen in Gesellschaft jüdischer Bekannter zu zeigen. Ueber die strenge Durchführung dieser Verordnung haben der Stadtkommandant und seine Adjutanten zu wachen. Dieser Befehl hat unter den Offizieren selbst große Empörung hervorgerufen. Herr Bernfeld Als kürzlich der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gegen den Zionismus Sturm lief, besann sich Herr Dr. Simon B e r n f e 1 d , einer der bedeutendsten Vielschreiber der Gegenwart, auf seine publizistischen Pflichten gegen das jüdische Volk und schrieb im Kölner „Israelitischen Gemeindeblatt“ einen Artikel, in dem er darlegte, welche interessante Stellung er — Dr. Simon Bernfeld — zum Zionismus einnehme. Als wir diesen Artikel gelesen hatten, waren wir sehr befriedigt: Wir hatten also recht daran getan, diesen Herrn, der in früherer Zeit wiederholt Artikel in unserem Blatte veröffentlicht hatte, in den letzten Jahren nicht mehr zur .Mitarbeit aufzufordern. Wir hatten also Herrn Dr. Bernfelds Zionismus, den er in den dazu geeigneten Organen so gefällig auszubreiten wußte, richtig zu bewerten gewußt und haben uns nicht von einem Manne düpieren lassen, der die erste Gelegenheit benutzt, um durch gehässige Entstellungen unsere Bewegung herabzusetzen. Was Herr Dr. Bernfeld in seinem Artikel ausführt, zeigt, daß er vom Zionismus keine Ahnung hat. Er behauptet, die Gründung der zionistischen Organisation sei ein Fehler gewesen, eine Behauptung, die von gewissen jüdischen Journalisten mit Vorliebe aufgestellt wird. Daß die Begründung der Organisation die Bewegung mächtig angefacht, den jüdischen Volksgedanken und die Idee der Renaissance popularisiert hat — daß die zionistische Organisation das Westjudentum revolutioniert, große jüdische Organisationen entscheidend beeinflußt, die jüdische Jugend begeistert und durch ihre Institu-

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