Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3316567-3316596--57492-3375954- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Burgas 1× ep/1044292
OCR text
690 Nr. 22 DIE3^ELT Abschluß der Friedenspräliminarien erfährt, haben eine Beschleunigung dieser Aktion nahegelegt. Ganz unabhängig von einander haben sowohl die Konstantinopler wie die Sofioter Hilfskommission dementsprechende Anträge an die Union der jüdischen Hilfsorganisationen gestellt, die sodann zum Beschlüsse führten, die Emigranten aus Adrianopel, Kirkküsse und den übrigen Städten des heute bulgarischen Thraziens in ihre Heimat zurückzubefördern. Die Sanitätsbehörden von Burgas haben auf Order aus Sofia die Sperrung des Hafens gegen Konstantinopler Provenienzen wegen angeblicher Choleragefahr aufgehoben, und so konnten denn dieser Tage nach einem komplizierten Depeschenwechsel zwischen Konstantinopel, Berlin, Sofia, Burgas und Adrianopel die ersten dreihundert Flüchtlinge in ihre Heimat zurückbefördert werden. Die Einschiffung geschah an Bord des österreichischen Schiffes „Euterpe“, das sich bereit erklärt hat, die Rückwanderer gegen sehr stark ermäßigte Fahrtpreise aufzunehmen. In Burgas wird die Ankömmlinge eine dort gebildete Lokalkommission erwarten und auf Extrazüge bringen, die sie in freier Fahrt oder unter Ermäßigungen nach Adrianopel überführen wird. Dort ist für den Empfang der Heimkehrenden alles vorbereitet. Die Abfahrenden haben noch für den Weg den Betrag eines vollen Wochengeldes von der Konstantinopeler Kommission mitbekommen, so daß es ihnen sicherlich erspart bleiben wird, unterwegs irgendwelchen Mangel zu leiden. Auch die hier für sie gekauften Hausgeräte, wie Bettstellen und Bettzeug, nehmen sie mit sich, so daß sie daheim, selbst wenn sie ihre Hausstätten verwüstet vorfinden sollten, nicht ganz hilflos dastehen. Es war ein höchst interessanter und feierlicher Anblick, die Versammlung der hunderte Obdachloser, die vom Generalinspektor der hiesigen Kommission in die sephardische Synagoge von Galata zusammenberufen wurde, um die Schiffskarten entgegenzunehmen. Jeder, der sein Billet erhalten, nimmt froh Abschied, und alle übrigen rufen ihm ein „Va te alla buena ora!“ („Geh zu guter Stunde!“) nach. Und so ziehen sie denn in endloser Prozession vorüber, die Sultana, Behora, Hanumca und Estre'ia mit ihren Tschelebis, Nachumicos und Benzions. Sie wissen zwar auch heute noch nicht alle, welches Schicksal sie erwartet, wie das Heim ausschauen wird, das sie in überstürzter Flucht vor vollen sieben Monaten verließen, wie sie sich und ihre Kleinen in Zukunft ernähren werden; aber sie sind gleichwohl voll zuversichtlicher Hoffnung. Sie wissen, daß eine jüdische Solidarität existiert, die sie nicht zugrunde gehen läßt, die das angefangene Hilfswerk auch an den verwüsteten Heimstätten zu gutem Ende führen wird. In rührender Weise kommen diese Empfindungen in einem Dankschreiben zum Ausdruck, das die im Vororte Kuskundschuk installierten Flüchtlinge der Kommission übermittelten und das sodann die Runde durch die hiesige Presse gemacht hat. Die stärkste Note darin ist die außerordentliche Hebung des nationalen Bewußtseins und Einheitsgefühls, die die Hilfsaktion in den Seelen der Betroffenen zur Folge gehabt hat. Aus der Konstantinopler Gemeinde Die Durchlegung des jüdischen Friedhofes in Hasköj, die die Regierung der hiesigen Gemeinde aufzwingt, wird nunmehr trotz aller Gegenaktionen zur Tatsache. Nach den letzten offiziellen Schreiben, die dem Großrabbinate zugingen, scheint es unmöglich geworden zu sein, sich der Maßregel noch länger zu widersetzen. Es heißt eben, die Straße sei eine Heerstraße und habe eine strategische Bedeutung. Gegen dieses Argument gibt es keinen Einspruch. Das Rabbinatskollegium der Gemeinde hat nunmehr zur Bedingung für die Ausführung der Arbeiten gestellt, daß der Friedhof zu beiden Seiten der durchzulegenden Straße auf Regierungskosten solide Mauern erhalte und daß bei Ausgrabung der Gebeine nach allen Vorschriften der jüdischen Religion verfahren werde. Die Wahlen zum Großen Rate, dem Medschliß Umumi, sind immer noch nicht ganz abgeschlossen. Der Vorort Balat hat es durch seine Proteste erreicht, daß das Großrabbinat ihm, wie früher Hasköj, feierlich eine Erhöhung seiner Mandate bei der nächsten Wahl versprach, ' und schreitet nun ebenfalls zur Wahlhandlung. Die Einlösung des Versprechens bedeutet für die Zukunft eine weitere Vermehrung der nationalen Mandate in dieser Körperschaft, in der jetzt schon die nationale Partei eine gesicherte Majorität hat. Der Kleine Rat, der sogenannte Dschismani, bereitet sich auf die demnächst erfolgende Einberufung des Umumi vor, der fast die Hälfte des Gemeindevorstandes zu ersetzen haben wird. Konstantinopel hat diese Woche einige Männer von Ruf als Pilgerfahrer ins Heilige Land entsendet. Es sind dies Rabbi Jizchak S c h a k i, der Kanzleidirektor des Großrabbinats, der im Aufträge desselben die Jerusalemer Jeschiboth besuchen und die Militärverhältnisse der an ihnen Studierenden regeln soll, und unser Gesinnungsgenosse Herr David Elnecave, der Herausgeber der spaniolischen Zeitung „El Judio“. Die nationale Jugend unserer Stadt erholt sich allmählich von den Wunden des Krieges und seiner Begleiterscheinungen und beginnt eine intensivere Tätigkeit zu entfalten. Der „Makkabi“ hat in Balat seine neue Turnhalle eingeweiht, die ihm in dem neugegründeten Gan Jeladim geboten wurde, und rüstet sich auf den 1. Juni zu einem seiner großen allgemeinen Sommerfeste. Der nationale Verein „Bene Israel“ reorganisiert sich und wird dieses Werk wahrscheinlich durch ein Abkommen, das ihn enger mit dem „Makkabi“ zusammenschließt, aber ihm doch seinen eigenen Charakter als Bildungsverein bewahrt, vollenden. Auch der durch die langdauernde Schließung der Universität eine Zeitlang völlig gelähmte national jüdische Studentenbund „Agudath Hamithlamdim“ nimmt seine Kampagne wieder auf. Er organisiert ein Sommerfest, das ein sehr interessantes Programm enthält, und dessen Erträge zur Gründung einer wissenschaftlichen Studentenbibliothek verwandt werden sollen. Die Schaffung dieser Bibliothek ist ein ebenso wichtiges wie schwieriges Kulturwerk für unsere hiesige studierende Jugend; und es wäre sehr im nationalen und humanitären Interesse zu wünschen, daß das Unternehmen auch vom Auslande her durch Gaben an Büchern, in erster Linie von akademischen Lehrbüchern sämtlicher Fakultäten, unterstützt werden würde. Kleine Nachrichten Zur bevorstehenden Jahresinspektion der türkischen Reichsfinanzen sind unter anderen auch drei Juden ernannt worden: Zia Bej Matalon für eine Inspektionstoumee im Wilajete Bassorah, Ferid Bej Asseo für den Bezirk Wan-Bitlis, und Zeki Bej Hayon erhielt den Auftrag zur Reorganisation und Leitung des Personaldienstes am Ministerium der Posten und Telegraphen. Die Volkszählung auf der Insel Rhodus, die der italienische General A m e g 1 i o vornehmen ließ, hatte das interessante Ergebnis, daß es die Tatsache der relativen Majorität der jüdischen Bevölkerung in der Stadt Rhodus feststellte. Es wurden nämlich gezählt: 3890 Muselmanen, 4290 Juden, 4246 Griechen und 1418 Katholiken. Von der Gesamtbevölkerung der Insel dagegen machen die Juden ungefähr ein Siebentel aus. | Isak Suwalsky | (Von unserem Berichterstatter.) London. Das Ableben Isak Suwalskys, des Redakteurs der Londoner hebräischen Wochenschrift „Hajehudi“, hat eine Lücke hinterlassen, die wohl kaum ausgefüllt werden wird. Es soll nicht damit gesagt sein, daß „Hajehudi“ einen bedeutenden Platz in der hebräischen Publizistik eingenommen hat.