Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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688 Nr 22 DIE^ELT protestiert, die längst von uns abgefallen sind. Er verlas eine Solidaritätskundgebung der Brünn er jüdischen Studentenschaft und ein Schreiben des Universitätsprofessors I)r. E h r m a n n , der sein Fernbleiben entschuldigte und betonte, daß er sich durch die Ehrloserklärung der jüdischen Studenten seitens der Waidhofener Korporationen mit verletzt fühle und an der Seite seiner studierenden Glaubens- und Stammesgenossen stehe. Inspektor Ing. Emil Fried wies in seinem Referate auf die Geschichte des deutschen Judenhasses hin. In allen nationaldeutschen Gauen, also auch in der Wiener Leopoldstadt (lebhafte Heiterkeit), werde das Befreiungsjahr 1S13 gefeiert. Cie französischen Geschütze waren aber anno 1813 noch nicht über der Grenze, als bereits die deutschen Sieger, vor allem aber die deutschen Studenten, sich gegen die Juden wandten. Er erinnerte an die blutigen Judenverfolgungen des Jahres 1819 und kennzeichnete den eigentlichen Beweggrund, der den Waidhofener Beschluß herbeiführte. Wie die russischen Hooligans gehen die wehrhaften „Waidhofener“ zu Werke. Sie wollen den Juden verhöhnen, verunglimpfen, in Rudeln den einzelnen jüdischen Studenten räuberisch überfallen — aber sie wollen dabei nichts riskieren: deshalb der famose Beschluß der Satisfaktionsunfähigkeit. Die jüdischen Bürger, welche jene zahlreichen antisemitischen Professoren, Staatsbeamte und Parlamentarier, die aus der Schar der Waidhofener Ehrabschneider hervorgehen, als Steuerzahler miterhalten, werden ihre Söhne in dem gerechten Kampfe für die Ehre des Judentums unterstützen. Stuuent Grünbaum: „Wir laufen nicht Sturm gegen den deutschen Geist der Universität, wirstürmen gegen den G eist, derdem Deutschtum Schande macht. Wir suchen nicht Händel, wir sind froh, wenn wir ungeschoren unserem Studium obliegen können und mit den Ehrabschneidern, die wir verachten, nicht in Berührung kommen. Aber die Ehre unseres jüdischen Volkes, das wir über alles lieben, lassen wir nicht beschmutzen. Wenn der Rektor uns nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt, wird es keinen ruhigen Tag mehr geben, bis der letzte jüdische Student rele- Dr. Fritz Löhner charakterisiert mit beißendem Spotte die Feigheit und Hinterhältigkeit der „Waidhofener“. Die jüngsten Vorgänge haben einen politischen Hintergrund. In Graz haben die deutschnationalen Studenten die katholischen, klerikalen Kommilitonen überfallen. Es bestand die Gefahr, daß sich die deutschnational-klerikale Keilerei auf der Wiener Aula wiederholen werde. Das mußte aber mit Rücksicht auf die Verbrüderung der Nationalverbändler mit den Christlichsozialen hintertrieben werden. Deshalb wurden die antisemitischen Radaubrüder auf die Juden losgelassen. Redner ruft die jüdische "Bürgerschaft auf, unseren wackeren, schwer bedrängten Studenten das geplante Wiener Studentenheim bauen zu helfen. Der Präsident des „Zionistischen Verbandes ehemaliger Akademiker“, Dr. Alfred L ö w y, legte der Versammlung nachstehende, von dem genannten Verbände unterbreitete Resolution vor, die unter stürmischen Kundgebungen einstimmig beschlossen wurde: „Die am 24. Mai versammelten jüdischen Bürger Wiens sprechen dem akademischen Senat wegen seiner parteiischen Stellungnahme gegen die akademischen Bürger jüdischer Nation ihre Mißbilligung aus. Der akademische Senat hat durch 17 Jahre durch sein Schweigen gegenüber dem empörenden Waidhofner Beschlüsse: Juden sind durch ihre Geburt jeder Ehre bar11, sowie dadurch, daß er jüdische Studenten, die zur Ehrennotwehr griffen, unnachsichtlich mit Relegation bestrafte, anstatt ihnen den Milderungsgrund des unwiderstehlichen Zwanges zuzubilligen, den Terrorismus der deutschnationalen Studenten begünstigt und großgezogen. Die Versammlung fordert die Unterrichtsverwaltung auf, die von ihr theoretisch anerkannte Gleichberechtigung ehestens in die Tat umzusetzen, anstatt, es gut zu heißen, daß jüdische Studenten, die ihre Ehre verteidigen, doppelt und dreifach bestraft werden. Die versammelten jüdischen Bürger sprechen den jüdischen Studenten für ihre maßvolle Haltung die Anerkennung aus und werden sie in dem gerechten Kampfe bis zum äußersten unterstützen.“ Unter Absingung zionistischer Lieder löste sich die imposante Versammlung auf. Zur Charakterisierung der öffentlichen Meinung seien Wiener Blätterstimmen angeführt. In der „Wiener Sonn- und Montagszeitung“ schreibt „Die Juden sind der Ehre bar und können ritterliche Satisfaktion weder fordern noch erhalten.“ Gegeben zu Waidhof e'n an der Ybbs im Jahre 1896. Die wehrhaften Leiber der strammen deutschnationalen Studenten waren damals von blauen Flecken, Schmissen und Schrammen, die sie sielt von ihren jüdischnationalen Universitätskollegen geholt hatten, derart übersät, daß sie keinen anderen Ausweg mehr wußten, als den Juden die Ehre und die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen. Aus purer Bequemlichkeit, die sich in Ehrenangelegenheiten allerdings nicht viel von der Feigheit unterscheidet. Die Furcht, ganz verprügelt und verhauen zu werden, hat das berüchtigte Waidhofner Programm gezeitigt, jenes Programm, das von der national bewußten jüdischen Studentenschaft als der ärgste Schimpf empfunden werden mußte, weil es sie einfach in ihrer akademischen Laufbahn gesellschaftlich degradiert und sie zu akademischen Bürgern niederen Grades stempelt.“ Der Artikel verweist darauf, daß in Deutschland Burschenschaften und Verbindungen, die sich auf den Boden des Waidhofener Programms stellen, grundsätzlich aufgelöst werden, und schließt mit den Worten: „Wenn von nun ab an die Stelle einer einseitigen Einmengung die objektive, gerechte Beurteilung tritt, muß den jüdischen Studenten in Hinkunft jede Demütigung erspart bleiben. Ein Kollegium von Männern, die die höchste Bildung und Kultur im Staate repräsentieren, darf Tendenzen nicht fördern oder auch nur stillschweigend dulden, die dem staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Prinzip der Gleichberechtigung aller Bürger dieses Staates zuwiderlaufen. Hier muH Abhilfe Einsetzen, und zwar ehestens, damit sich aus dieser unerquicklichen Keilerei, die sich jetzt Tag für Tag wiederholt, nicht Konsequenzen ergeben, die für die Betroffenen und für die gesamte national bewußte jüdische Studentenschaft von unheilvoller Wirkung sein könnten. Wir haben in Oesterreich nicht einen solchen Ueberfluß an Intelligenz, daß wir uns den Luxus erlauben dürfen, eine große Zahl ehrlich Strebender von der Wissenschaft auszuschließen.“ Im „M orgen“ wird ein Beispiel des geradezu bestialischen Vorgehens der Deutschnationalen gegen die Juden geschildert: Während sich die antisemitische Uebermacht bei den Krawallen in der Aula schichtenweise ablöste, standen die Zionisten, von ihren Gegnern zusammengepfercht und mit faulen Eiern beworfen, stundenlang in einer verpesteten Atmosphäre. Als ein jüdischer Student ohnmächtig wurde, nahm ihn ein Kollege auf die Schultern, um ihn hinauszutragen. Die Antisemiten machten eine Gasse und hieben mit Knütteln und Ochsenziemern auf den Bewußtlosen und auf den Juden, der ihn auf dem Rücken trug, erbarmungslos ein. Eine Beschwerde der ungarischen Kaufmannschaft (Zur Frage der Behandlung jüdischer Geschäftsreisender in Rußland.) (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Wie bereits gemeldet, hat sich auch der Ungarische Kaufmännische Landesverband in einer Eingabe wegen der Vexution jüdischer Reisender und Kaufleute in Rußland bei der Regierung beschwert. Das Handelsministerium leitete die Eingabe an das gemeinsame Ministerium des Aeußeren, dieses