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Die Welt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 687 gänzliche Ideenlosigkeit der Antizionisten. Der Beweis konnte nicht vollständiger sein. Die Welt wird aufs neue verteilt, frische Völker treten auf den Plan der Geschichte, die asiatische Menschheit gerät in Bewegung, eine mächtige Welle trägt das versunkene Nationalbewußtsein des jüdischen Volkes empor, es durchdringt alle Kreise und Schichten des über die Erde zerstreuten Volkes, es schafft mächtig wirkend in Palästina ungeahntes blühendes jüdisches Leben — und in Berlin, der Stadt der Intelligenz, unterschreiben drei Dutzend jüdische Kommerzien-, Sanitäts- und Justizräte Aufrufe gegen den Zionismus. R. L. WELTCHRONIK □□□□□□ Die Emigrationskonferenz in Wilna und das Ende der Ito Berlin. Am 15. Mai wurde in Wilna die Emigrationskonferenz eröffnet, zu der die Emigrationsbureaus in Petersburg, Libau, Warschau^ Odessa, Kiew, Minsk, Kowno, Lodz, Bialystock, Grajewo, sowie die Jewish Territorial Organisation (Ito) Vertreter entsandt hatten. Im Aufträge des Ministeriums wohnte Rabbiner Dr. Kreps den Verhandlungen bei. Die Konferenz wurde mit einer Begrüßungsrede des Vorsitzenden des Zentralkomitees, Herrn Warschafski aus Petersburg eingeleitet, worauf man zu den Wahlen des Präsidiums schritt. Wie aus dem Bericht des Zentralkomitees hervorgeht, werden zurzeit an mehr als 440 Plätzen in Rußland Emigrationsbureaus erhalten. Die Zahl der Emigranten, die 1911 die Hilfe dieser Vermittlungsstellen in Anspruch nahmen, betrug 44 051, zu denen die nach vielen Tausenden zählenden Auswanderer kommen, die sich auf schriftlichem Wege von den Bureaus Rat geholt haben. Besonderes Augenmerk richteten die Bureaus auf den Gesundheitszustand der Auswanderer und standen in enger Verbindung mit den Augenärzten der betreffenden Städte. Die Emigranten wurden von diesen im Aufträge der Ica daraufhin untersucht, ob der Zustand ihrer Augen den amerikanischen Einwanderungsgesetzen entspricht und, wo nötig und zweckmäßig, von ihnen unentgeltlich in Behandlung genommen. In vielen Fällen konnte von den Ica-Bureaus eine Ermäßigung der Seefahrt erzielt werden. Die größte Sorge bereitete die Beschaffung von Auslandspässen für die Auswanderer. Diese Frage nahm in den Beratungen einen hervorragenden Platz ein. Geber das von England ausgehende Projekt einer Emigrationsbank sprach sich die Konferenz ablehnend aus. Von besonderem Interesse ist die Meldung, daß die 11 o ihre Tätigkeit, die bisher in der Fürsorge für die nach Galveston Auswandernden bestand, wegen Geldmangels einstellt. Diesen Zweig der Emigrantenfürsorge wird von nun an die Ica übernehmen. Man muß sagen, daß von den stolzen Träumen der Ito-Leute recht wenig übrig geblieben ist. Erst hieß es, man wolle für das jüdische Volk ein Land suchen. Als die Ländersuche keinen Erfolg brachte, wandte man sich den Emigrationsfragen zu und organisierte die Auswanderung nach Galveston. Das war ein ganz nützliches Werk, wogegen auch vom zionistischen Standpunkt nichts einzuwenden war: sind wir »ns doch dessen bewußt, daß der Zionismus, der das jüdische Volkstum in Palästina neu aufzurichten strebt, den wandernden Massen in ihrer Gesamtheit nicht rasche Augenblickshilfe zu bringen vermag. Mit dem ursprünglichen Programm der Ito, das wir stets als utopisch betrachtet haben, hatte diese Emigrantenfürsorge freilich wenig zu tun. Nun ist diese Tätigkeit — die einzig praktische Tätigkeit, die die Ito je entfaltet hat — der Ica übertragen worden und es erhebt sich die Frage: Was wird die Ito jetzt tun? Wird sie den Mut haben, ihren Zusammenbruch zu bekennen, oder wird sie — wie dies in Ungarn versucht wird — neue Anhänger für den „Gedanken des Territorialismus“ suchen? Die Vorgänge an der Wiener Universität (Eine Deputation beim Unterrichtsminister. — Die Protest Versammlung der jüdischen Bürgerschaft. — Die öffentliche Meinung. (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Die zionistischen Studenten führen den Kampf gegen die antisemitischen Ehrabschneider und gegen die Maßregelungen jüdischer Akademiker, die gezwungen waren, zur Ehrennotwehr zu greifen und deshalb relegiert wurden, mit Ernst und Würde weiter. Sie versammeln sich täglich in anderen von Juden bewohnten Stadtteilen und veranstalten lautlose Demonstrationsumzüge, die großen Eindruck machen. Am 21. d. M. sprach eine zionistische Deputation zunächst beim Rektor Hofrat Weichselbaum, dann beim Unterrichtsminister Dr. v. Hussarek vor. Sie bestand aus dem Präsidenten des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich Dt. Alfred Pol 1 ak und aus den Vorstandsmitgliedern des zionistischen Verbandes ehemaliger Akademiker Dr. Alfred L ö w y und Inspektor Ing. Emil Fried. Sie wiesen auf die Folgen des Waidhofener Beschlusses hin, der die Juden „der Ehre bar“ erklärt, auf den unerhörten Terrorismus der deutschnationalen Studenten gegenüber den jüdischen Kommilitonen und auf das ungerechte Vorgehen des akademischen Senates, der zwar gegen Vereine, die den Waidhofener Beschluß in ihre Satzungen aufgenommen haben, keine Stellung nimmt, aber unnachsichtlich jüdische Studenten relegiert, die von dem Rechte der Ehrennotwehr gezwungenermaßen Gebrauch machen. Keine Palliativmittel könnten die Ruhe auf der Universität wiederherstellen. Der Minister wolle Einfluß nehmen, daß der akademische Senat seine bisherige Stellungnahme aufgibt und das Recht der Minorität wahrt. Der Unterrichtsminister, der sich bezeichnenderweise über Sinn und Wesen des Waidhofener Beschlusses nicht informiert zeigte, erklärte auf dem Standpunkte unbedingter Gleichberechtigung aller Universitätshörer zu stehen und zu beharren, teilte mit, das Ministerium sei bemüht, Maßnahmen zu treffen, die eine Störung des Prinzips der Gleichberechtigung hintanhalten sollen und versprach, sich mit dem Gegenstände des ihm überreichten Memorandums eingehend zu befassen. Ein überaus eindrucksvoller Protest der jüdischen Bürgerschaft Wiens war die Massenversammlung im Hotel Continental, die am 24. Mai stattfand. Die zionistischen Studenten, mehr als 1000 an der Zahl, hatten sich in den historisch denkwürdigen Räumen des einstigen Kongreßbureaus in der Türkenstraße versammelt, in welchen H e r z 1 die wichtigsten zionistischen Beratungen leitete und in denen gegenwärtig die jüdische akademische Lesehalle ihren Sitz hat, und marschierten in geschlossenem Zuge zum Versammlungssaale. Der Andrang der Bürgerschaft war derart groß, daß die Studenten, um den zuströmenden Bürgern Platz zu machen, den Saal verließen und mit den Massen, die nicht mehr eingelassen wurden, in der Taborstraße Aufstellung nahmen. Dr. Alfred P o 11 a k eröffnete die Protestversammlung. Es sei hoch an der Zeit, daß sich die jüdische Bürgerschaft zu den Studenten stelle, denn es haben sogar schon Männer

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