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Die Welt · 1913-05-30 · 22 (30.5.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
22 (30.5.1913)
Date
1913-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 686 DIE3^ELT zu ihrem Volke bekennen, um es zu erhalten! Die Zionisten sprachen es aus, daß Bürgergleichheit gut, die Existenz des Judentums aber notwendig sei, daß die Gleichheit nicht durch Lüge, nicht durch Verleugnung der eigenen Art, nicht durch Preisgabe der ureigenen tausendjährigen Hoffnungen erkauft werden dürfe — und sogleich schlug die Indifferenz gegenüber der jüdischen Idee bei einem erheblichen Teil der Judenheit in erbitterte Gegnerschaft um. Der Appell an die jüdische Welt, der nationale Weckruf des jungen Judentums wurde als empörender Störungsversuch des angenehmen Assimilationsprozesses empfunden. „Mauschel ist Antizionist.“ Wohlgemerkt! Wir können begreifen, daß nicht alle Juden Zionisten sind. Wir rechnen mit der Tatsache, daß der Weg zum Zionismus für viele der Assimilation verfallene Juden versperrt ist. Wie aber können Juden den Zionismus bekämpfen? Wie ist Mauschel möglich? Seine Bedenkenfreiheit stammt zweifellos aus der Unkenntnis, aber seine vollständige Entfremdung von allen höheren sittlichen Ideen, wie sie die Geschichte lehrt, ist das Resultat der emsigen Bemühungen, dem Anähnelungsprozeß an die Umgebung alle anderen Interessen und Gefühle zu opfern. Mauschel bekämpft uns, aber der Ausgang des Kampfes ist nicht zweifelhaft. Man kann uns hemmen, kann unsere Arbeit verzögern, kann uns die Mittel verweigern, die wir brauchen. Doch das macht uns nur stärker. Wir sind die Träger einer Idee, die nicht getötet werden kann. Ewig wie unser Volk ist auch sein nationales Wollen, und ehe nicht der letzte Jude gestorben ist, wird Zion uns nicht verloren sein. Mauschels Seele ist von keiner Idee bewegt. Er sucht nicht Menschheitsziele, sondern den Vorteil des Tages. Er hat auch Ideale — wenigstens versichert er es auf das bestimmteste — aber sie sind dem äußeren Vorteil (dem, was Mauschel für Vorteil hält) ganz vortrefflich angepaßt. Will Mauschel uns nun bekämpfen, so ist er freilich in der schwierigsten Lage. Wie soll die völlige Ideenlosigkeit dem Ideal beikommen? Wie soll Herr Kommerzienrat X., zu dessen Wohlbehagen eine geregelte Verdauung und das sonnige Bewußtsein gehört, ein „guter Jude“ und ein „guter Deutscher“ zu sein — wie soll er nach Börsenschluß mit dem Zionismus fertig werden? Es gelingt ihm nicht — aber er möchte es gern, und zu diesem Zweck tritt er dem antizionistischen Komitee bei und beteiligt sich an den Unkosten für eine Broschüre, die nunmehr unter dem verheißungsvollen Titel „Zionistische Taktik“ das Licht der Welt erblickt hat. Wir haben nicht die Absicht, uns mit dieser Schrift ausführlich auseinanderzusetzen, deren Inhalt bedeutungslos ist und nur als Symptom interessieren kann. Diese Broschüre ist der empirische Beweis für Mauschels geistigen Bankerott, für die gänzliche Ideenlosigkeit der Antizionisten. Kein Satz steht in dieser Schrift, der eine Anschauung über geschichtliche Entwicklungen und Perspektiven verriete. Was ist Judentum, was Zionismus? Der Verfasser ahnt es nicht, er ist völlig blind für alles Wesentliche. Statt die Ansichten und Absichten der Zionisten zu bekämpfen, begnügt er sich mit einer kläglichen Wortstreiterei. Ein Meer, ein Tintenmeer von Langerweile ergießt sich aus den 32 Seiten dieser Schrift. Ein nicht endenwollendes Geschwätz über dies und das, eine grämliche Wortklauberei — das ist der Inhalt. Man konnte uns wirklich geschickter bekämpfen. Wenn unseren verehrten Gegnern schon alle höheren Gesichtspunkte fehlen, so hätten sie uns doch mit den bewährten Mitteln des politischen Kampfes angreifen sollen. Man konnte unsere Erfolge verkleinern, unsere Mißerfolge vergrößern, konnte innere Differenzen, die es bei uns so gut wie bei anderen Organisationen gibt, geschickt gegen uns ausnützen. Aber auch dazu hätte eine Kenntnis unserer Sache gehört, die dem anonymen Verfasser offenbar abgeht. Er hat überhaupt keine Vorstellung von der zionistischen Bewegung. Er hat, wie er selbst versichert, einige Broschüren und die Jahrgänge der „Jüdischen Rundschau“ gelesen. Auf Grund dieses Materials „widerlegt“ er nun den Zionismus, indem er zu zeigen sucht, wie widerspruchsvoll die zionistische Taktik sei. Beweis: Herzl schrieb im Judenstaat, das jüdische Volk benötige eine Heimstätte. Dann aber wurde die Palästinaidee in den Vordergrund gestellt, und heute spricht man nicht mehr vom Judenstaat, sondern von allmählicher Kolonisation. Vermutlich glaubt der antizionistische Taktiker, uns mit dieser Feststellung etwas Neues gesagt zu haben. Wäre ihm die Geschichte des Zionismus bekannt, so wüßte er, daß Herzls „Judenstaat“ niemals zionistisches Programm war, daß Herzl, der dieses Buch als ein Ahnender unabhängig von der zionistischen Bewegung in Paris schrieb, später in einem berühmt gewordenen Ausspruch erklärt hat, er sei als „Judenstaatler“ zu seinem Volke gekommen und dann Zionist geworden. Von alledem weiß der Herr Verfasser nichts. Es kommt ihm niemals der Gedanke, was denn nun eigentlich am Zionismus das Wesentliche sei, er begreift nicht, daß eine Bewegung sich entwickeln muß, er steht fassungslos vor der Tatsache, daß der Zionist X in der „Jüdischen Rundschau“ eine andere Auffassung von dieser oder jener Frage bekundet hat, als der Zionist Y, und konstatiert mit kindischem Vergnügen, daß Herzl den Begriff „jüdisches Volk“ anders definiert hat als Dubnow: „Man sieht, die Handhabung des Begriffes „das jüdische Volk“ macht dem zionistischen Taktiker die ungeheuersten Schwierigkeiten.“ Ja, ja, wir haben bisher gar nicht gewußt, worin eigentlich unsere wahren Schwierigkeiten bestehen. Es mußte so ein antizionistisches, liberales Richtliniengehirn kommen, um es herauszufinden. Auf diese Art geht es weiter. Soll man den gröbsten Unverstand, die dürrste Rabulisterei kritisch widerlegen? Soll man die — zum Teil sehr spaßhaften — Irrtümer aufdecken, denen der Herr Verfasser beim Studium der „Jüdischen Rundschau“ anheimgefallen ist? Dieser Geduldsprobe wollen wir unsere Leser nicht unterwerfen. Schließlich handelt es sich doch um den Zionismus, das heißt tun eine die Welt umspannende Organisation, tun eine Bewegung, die der moderne Niederschlag tausendjähriger Hoffnungen und Gedanken ist. Wir haben ja — schon um uns selbst zu kontrollieren — unaufhörlich erörtert, was wir wollen. Wir wollen eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Wir wissen, daß ein so großes Unternehmen nicht von heute auf morgen zustande kommen kann, daß wir also nicht den 12 Millionen Juden sogleich eine Heimat bereiten können. Aber Palästina hat Raum für mehrere Millionen, es wird einst auch die ersehnte Massenhilfe bringen, und spätere Generationen werden — mit den Sorgen ihrer Zeit belastet — prüfen müssen, was zum Segen des jüdischen Volkes weiterhin zu geschehen habe. Uns genügt das Bewußtsein, den Grundstein zu legen, Palästina wiederum zur Heimat des jüdischen Volkes zu machen und so die nationale Zukunft unseres Volkes zu sichern. Der Verfasser der „Zionistischen Taktik“ begreift von alledem nichts. Wie ein Maulwurf gräbt er im Dunkeln, schnüffelt an Begriffen, knabbert Definitionen und glaubt so allen Ernstes, unserer Sache Abbruch tun zu können. Wir sagten, diese Broschüre mit ihrem Mangel jeglichen historischen Verständnisses, jeder höheren sittlichen Betrachtung sei der empirische Beweis für die

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