Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 22 (30.5.1913)
- Date
- 1913-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVll JAHRQ. BERLIN, 30. Mai 1913 umhy? "t//Dnn 'x 1"X y'3 ,T?"Q I NI H AI T RL : >IauscheI redivivus — WELTCHROXIK — Die finnländische Juden frage — REVUE DER PRESSE UN 1 1AL1 . _ PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG - SPRECHSAAL — FEUILLETON: N- M. Nathan: Der alte Jndenfriedhof in Wien — Geschäftl. Nachrichten — Mitteilungen des Hanptbnreans des J. N F. MAUSCHEL REDIVIVUS Kein wahrer Jude kann Antizionist sein, nur Mauschel ist es. Herzl. Vor längerer Zeit wurde an dieser Stelle von der Begründung eines antizionistischen Komitees in Berlin Mitteilung gemacht, und eiji vertrauliches Zirkular veröffentlicht, welches das baldige Erscheinen zweier gegen den Zionismus gerichteter Broschüren ankündigte. Nunmehr ist die erste dieser Broschüren erschienen und in 100 000 Exemplaren unter den deutschen Juden verbreitet worden. Es ist klar, daß wir an diesem Ereignis nicht stillschweigend vorübergehen können. Ein nicht unbeträchtlicher Haufen von Kommerzien-, Sanitäts- und Justizräten hat den Aufruf des „antizionistischen Komitees“ unterzeichnet, welcher der Broschüre beigefügt wurde. Dabei freut es uns, feststellen zu können, daß kein im Judentum hervorragender Mann den Aufruf unterzeichnet hat: insbesondere haben es die Leiter der großen jüdischen Organisationen sichtlich vermieden, ihren Namen zu dieser Sache herzugeben, denn wenn sie auch in jüdischen Fragen nicht durchweg sehr bewandert sind, so hat ihr Instinkt ihnen doch verboten, sich vor der jüdischen Nachwelt lächerlich zu machen. Nur die Leiter der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland“ haben unterzeichnet (sind sie doch zugleich die geheimen Oberen des antizionistischen Komitees) und neben ihnen eine Reihe jener wohlbekannten „Notabein“, deren Unwissenheit in allen jüdischen Angelegenheiten sie der Verantwortung für ihre Handlungsweise zu entheben scheint und keine Bedenken in ihnen aufkommen läßt. Aufrufe gegen den Zionismus unterzeichnen diese Leute mit derselben fröhlichen Leichtigkeit, mit der sie etwa gegen den Mädchenhandel oder für die Bekämpfung der Tuberkulose demonstrieren würden, wenn man es von ihnen verlangte. So hat z. B. auch Herr Rudolf Mosse, der Verleger des „Berliner Tageblatt“, das klingende Gewicht seine? Namens gegen den Zionismus in die Wagschale geworfen. Auch ihn entschuldigt Unwissenheit: nimmt ihn doch die Erziehung des deutschen Volkes so sehr in Anspruch, daß er sich um das jüdische unmöglich kümmern kann. Wenn es nach diesen ahnungslosen Herrschaften ginge, so wäre der Tempel nun wohl zum drittenmal zerstört. Sie möchten gar zu gerne die nationale Zukunft des jüdischen Volkes unmöglich machen, möchten wie der Engel mit dem Schwert vor den Toren des Paradieses das zurückkehrende Volk von der Schwelle der Heimat verjagen. Wird es gelingen? Wird die Geschichte einst zu melden wissen, wie die Juden sich zum letzten verzweifelten Kampf um ihre Heimat erhoben, wie ihnen aber aus den eigenen Reihen grimmigster Widerstand erwuchs, der ihre Absichten zunichte machte? Und wird sich einst, vom Schein der geschichtlichen Erinnerung umflossen, neben Nebukadnezar, neben Titus, die Gestalt des Herrn Justizrat Veit Simon — ausgerechnet! — in fürchterlicher Attitüde emporrecken? Der Ausgang des Kampfes, der hier gegen uns geführt wird, kann ja nicht zweifelhaft sein. Seit dem Beginn der zionistischen Bewegung ringen wir gegen die Gleichgültigkeit und die Torheit jener Juden, die, scheinbar am Judentum festhaltend und für das Judentum interessiert, an der Auflösung des nationalen Zusammenhanges und damit am Untergang des Judentums arbeiten. Was sie treibt, ist keine Idee, sondern ein vorübergehendes Tagesinteresse: Sie wollen den anderen Bürgern gleich sein, wollen zu ihren gleichen Pflichten nicht nur gleiche Rechte erkämpfen, sondern alles in ihrer Erinnerung tilgen, was ihnen den behaglichen, ungestörten Genuß dieser Rechte beeinträchtigen könnte. Daher gebärden sie sich als „deutsche Männer“, brüsten sich auf Schritt und Tritt mit ihrer deutschen Gesinnung und suchen auf diese Weise sich selbst und die spöttisch blinzelnde Umgebung davon zu überzeugen, daß es nichts, aber auch gar nichts gebe, was sie von ihren christlichen Mitbürgern unterscheidet. Sie unterdrücken in sich systematisch diejenigen Empfindungen, die sie mit dem Judentum der ganzen Welt verbinden müßten, denn nichts lebt in ihnen, als nur der Wunsch, den anderen völlig gleich zu sein oder zu scheinen. Wie ward diesen Helden, als der Zionismus auftrat und die Forderung erhob, die Juden sollten sich