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Die Welt · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 D1E3^ELT .Warschauer Zeitungen berichten übrigens, daß die Warschauer Gerichtskammer dieser Tage von Petersburg die Anfrage erhalten hat, ob man nicht die Verhandlung gegen Beilis nach einem der Kreisgerichte des Königreichs Polens verlegen könnte. In Polen gibt es nämlich keine Geschworenengerichte. — Wir haben bereits berichtet, daß der gewesene Chef der Kiewer Geheimpolizei Myschtschuk, der in der Knabenmordaffäre private Recherchen anstellte, seines Amtes enthoben wurde und sich daneben noch vor Gericht zu verantworten hatte, weil er angeblich die Untersuchung wissentlich auf falsche Fährte geleitet hätte. Zum ersten Male — vor ca. drei Monaten — waren jedoch die Bemühungen des Herrn Staatsanwalts vergeblich. Die Gerichtskammer konnte ihm bei bestem Willen nicht den Gefallen erweisen, das „Verbrechen" festzustellen und so wurde denn Myschtschuk, wie erinnerlich, einstimmig freigesprochen. Auf den Einspruch des Herrn Staatsanwalts annullierte aber der regierende Senat den Freispruch der Kiewer Kammer und ordnete ein neues Verfahren gegen Myschtschuk an. Dieser Tage fand nun die erneute Verhandlung in der Charkower Gerichtskammer, der diesmal die Angelegenheit übertragen wurde, statt. Der Gerichtshof tat diesmal seine Pflicht. Trotzdem die Haltlosigkeit der Anklage jetzt genau so klar war, wie 655 damals, wurde jetzt Myschtschuk zu einem Jahre Zuchthaus verurteilt... Die Verurteilung Myschtschuks wird in weiten Kreisen als charakteristischer Prolog zur bevorstehenden Gerichtstragödie angesehen. Neue Massenausweisungen russischer Juden In letzter Zeit haben namentlich in den Westgebieten des Reiches Massenausweisungen von Juden stattgefunden. Neuerdings sind aus Kiew 20 jüdische Familien ausgewiesen worden, die bereits seit 22 Jahren ungehindert dort ihren Wohnort hatten. Die Reichsdumaabgeordneten erhalten aus verschiedenen Gegenden des Reiches die telegraphische Bitte jüdischer Bewohner, sie von der drohenden Ausweisung, die in den meisten Fällen ihrem vollständigen Ruin gleichkommt, zu schützen. In den Beschwerden führen die Juden die Tatsache an, daß in vielen Fällen ihr Wohnrecht bereits vor Jahren vom Senat bestätigt worden sei, worauf die Gouvemementsbehörde bei ihren Ausweisungsbefehlen indes nicht die geringste Rücksicht nimmt. Die Kadettenfraktion beabsichtigt, in dieser Angelegenheit eine Anfrage an die Regierung zu richten. (T II PALASTINA-RUNDSCHAU <F J (Von unserem Berichterstatter.) Der Kampf gegen die Mission Langsam, aber mit um so größerer Klarheit hat das palästinensische Judentum die Notwendigkeit des Kampfes gegen die Mission erkannt — und hat ihn entschlossen aufgenommen. Es ist der Zustand der Notwehr, in dem wir uns befinden. Wir Juden haben stets trotz aller Drangsale an der Heiligkeit unseres Glaubens und des jüdischen Namens all die Jahrhunderte hindurch festgehalten. Und nun müssen wir es erleben, daß die Mission und die ihr wesensverwandten Anstalten sich in unserem Lande an unsere Jugend heimtückisch heranschleichen. Denn der Seelenfang wird nicht etwa in öffentlicher Predigt oder in Volksversammlungen betrieben, wie es den Aposteln einer auf das Seelenheil der „Ungläubigen" bedachten Glaubenslehre geziemte, sondern es werden recht häßliche Schleichwege betreten, indem den ganz armen Kindern ein Paar Schuhe, den besser situierten eine angeblich bessere Erziehung geboten wird, — wobei der eigentliche Zweck diplomatisch verschleiert wird. Diesen Proselytenmachern scheint offenbar die Empfindung dafür zu fehlen, wie unmoralisch diese Methode ist und wie sie dadurch das Christentum nicht weniger als das Judentum profanieren. Wenn* irgendwo, so gilt besonders im Erziehungswesen der Satz: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Insbesondere muß man daran denken, daß in Palästina jede christliche Schule eo ipso Missionszwecke verfolgt. Es ist festgestellt worden, daß die jüdischen Schüler und Schülerinnen in den Jesuitenschulen dem christlichen Religionsunterricht und den christlichen Gebetsstunden beiwohnen müssen. Auch beim Geschichtsunterricht usw. wird „objektiv" das Judentum herabgesetzt und das Christentum verherrlicht. Es wird den Kindern systematisch beigebracht, daß Israel alle Hoffnung auf ein selbständiges und nationales Leben verloren habe. Die jüdischen Schüler, die im katholischen Katechismus nicht Bescheid wissen, erhalten eine schlechtere Note. Ist dies alles nicht Seelenfang schlimmster Art? Fehlt es etwa an guten jüdischen Schulen, die der heranvachsenden Generation jenes Maß von weltlichen Kenntnissen vermitteln können, das im Lebenskampf unentbehrlich ist und das in den christlichen Schulen geboten wird? Durchaus nicht. Im Gegenteil: es gibt eher ein Zuviel als ein Zuwenig an jüdischen Schulen. Das jüdische Volk geizt nicht mit seinen Pfennigen, wenn es sich um die Ausgestaltung des jüdischen Schulwesens in Palästina handelt. Die jährlichen Budgets unserer palästinensischen Schulen belaufen sich auf mehrere hunderttausende Francs. Und was die Qualität des Unterrichts betrifft, so wird keiner behaupten können, daß unsere modernen Schulen mit ihren reichen Hilfsmitteln den Missions- und verwandten Schulen, in denen es doch hauptsächlich auf den Glaubensdrill ankommt, nachstehen. In der Tat: Versucht man der Sache auf den Grund zu gehen, so stellt sich als des Pudels Kern die bekannte Galuthpsyc h o 1 o g i e heraus, deren Grundzug darin besteht, daß alles Nichtjüdische wahllos und ohne Prüfung dem Jüdischen vorgezogen wird. Also ein Erbstück der unseligen Assimilation auf dem Boden Palästinas, inmitten des aufblühenden neuen jüdischen Lebens! So erleben wir denn ein seltsames Schauspiel. Während einerseits hunderte jüdische Eltern in Rußland und anderen Ländern ihre Kinder nach Palästina zum Besuch der jüdischen Schulen schicken, finden sich in Palästina selbst orthodoxe Juden, ja jüdische Rabbiner, ferner Beamte jüdischer und selbst nationaler Organisationen, die ihre Kinder christlichen Schulen mit offener oder versteckter Missionstendenz anvertrauen. Es ist zu unserer Schmach festgestellt worden, daß selbst Lehrer jüdischer Schulen, ja selbst jüdische Schulleiterebenso verfahren. Diese Zustände sind auf die Dauer unhaltbar. Und wenn die zuständigen ausländischen Instanzen sich weigern werden, in dieser Frage der jüdischen Selbstachtung ein Machtwort zu sprechen, so wird die palästinensische Jud-enheit selbst über kurz oder lang in sehr nachdrücklicher Weise Abrechnung Anzeichen dafür sind bereits vorhanden. Es wirkt erfrischend, daß an der Spitze des Kampfes gegen die Mission unsere Jugend steht. Namentlich der Turnverband „Makkabi", der immer mehr an Bedeutung gewinnt, macht Emst mit dieser Angelegenheit. Auf seine Veranlassung fand u. a. dieser Tage in Jaffa eine Versammlung statt, die über diese Frage

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