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Die Welt · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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654 DIE3$KLT Friedhöfen liegen, seltener noch in irgendeinem Museum aufbewahrt sind — und vielleicht ist es nicht umsonst, zu hoffen, daß Süditalien uns noch viele Schätze jüdischer Inschriften der zweiten Hälfte des Mittelalters und vielleicht auch viel ältere schenken würde; zahlreich ist schließlich die literarische und wissenschaftliche Produktion der Juden in Italien, meistens in. hebräischer, manchmal in italienischer Sprache, die nicht bloß kritischer Forschung harrt, sondern größtenteils erst ans Licht gezogen werden müßte. Und die Resultate, die man mit einer methodischen Arbeit auf diesem weiten Felde erzielen könnte, wären derartig, daß sie den Soziologen wie den Nationalökonomen, den Literarhistoriker wie den Kunsthistoriker, den Philosophiewie den Medizinhistoriker interessieren würden." Die Gesellschaft, die jetzt gegründet worden ist, verspricht viel für die Arbeit auf diesem Gebiete, die im Grunde eine national -jüdische ist, da es sich darum handelt, uns über die Kämpfe unserer Vorfahren für die Erhaltung ihrer nationalen Art Bescheid zu geben und die Annalen der Geschichte des kleinen Bruchteils des jüdischen Stammes, der sich schon seit der Römerzeit hier niedergelassen hatte, zu erhalten. Mitglied der Gesellschaft kann jeder werden, der einen jährlichen Beitrag von 10 Frcs. leistet; lebenslängliches Mitglied, wer einen Beitrag von 200 Frcs., und gründendes Mitglied, wer einen Beitrag von 500 Frcs. zeichnet. Sekretär der Gesellschaft ist Dozent Dr. Umberto Cassuto (Florenz, Via Pilastri, Nr. 8), und an ihn sind die Beiträge zu richten. Auch die Hilfe des Auslandes für diesen Zweck dürfte nicht ausbleiben. Friedrich- Beer-Ausstellung In der „Gail er ia d ' Art e", die sich im historischen Palazzo Strozzi befindet, ist jetzt eine herrliche Ausstellung der künstlerischen Hinterlassenschaft unseres verstorbenen Gesinnungsgenossen Friedrich Beer zu bewundern. Es sei uns gestattet, bei dieser Gelegenheit einige Worte über das Werk Beers zu sagen, da der unvergeßliche Künstler, ein Freund und Berater Herzls, einer der überzeugtesten und begeistertsten Förderer unserer Sache war und Meisterwerke geformt hat, die das tausendjährige Leiden und Hoffen unseres Volkes widerspiegeln: „Die Verheißung", „Im Schweiße deines Angesicht s", „Schema Israel", „Friede n" u. v. a. Beer wurde 1847 in Brünn geboren, wo seine Eltern, die aus Proßnitz in Mähren stammten und Verwandte der in der Wiener Judengeschichte so hervorragenden Familie v. Wertheimer waren, vorübergehenden Wohnsitz genommen hatten. Schon als Schüler der Kunstgewerbeschule in Wien verriet Beer ein außerordentliches Modelliertalent und auf Rat seiner Lehrer wurde er in die Akademie der bildenden Künste geschickt. Im Jahre 1870 ging er auf Vorschlag von Prof. Hansen nach Rom, wo ihm unentgeltlich im Palazzo Venezia ein Atelier für drei Jahre überlassen wurde. Hier hatte er Gelegenheit, sein künstlerisches Talent weiter zu entwickeln und hier arbeitete er an seiner Tegetthoff- Büste, ‘die Kaiser Franz Josef für das Wiener Belvedere erwarb. Im Jahre 1875 ging Beer nach Paris, wo er sich bald den Ruf eines erstklassigen Künstlers errang. Von den vielen in dieser Zeit geschaffenen Meisterwerken seien besonders erwähnt: „Albrecht Dürer als Knabe" (Nationalgalerie, Berlin), „Washington-Irving"-Monument (Zentralpark, New York), „Kolumbus" (Kolumbus- Museum, New York), „M unkäcsy-Büste" (Nationalmuseum, Budapest), „Grabmal Spitzer" (Friedhof Passy, Paris) u. v. a. Während der Pariser Ausstellung von 1889 wurde Friedrich Beer hors concours erklärt und zum Mftgliede der österreichischen Jury und der Jury Superieur ernannt. Im Jahre 1890, während der internationalen Ausstellung von München, erhielt er für die Büste des französischen Malers Nr. 21 C o u r t o i s die Goldene Medaille, im Jahre 1906 wurde er Ehrenmitglied der „S o c i e t ä di Belle A r t i“ von Florenz und während der Mailänder internationalen Ausstellung wurde er zum Mitglied der Jury Superieur und zum Ehrenmitglied der bedeutenden Accademia di Brera ernannt. Als Beer in Paris lebte, ging das tolle Treiben des Dreyf u ß - Spuks los, das jeden Juden, der sich noch einen Rest jüdischen Gefühls bewahrt hatte, tief erschüttern mußte. Damals lernte Beer Theodor H e r z 1 und Max Nordau kennen und ist einer ihrer treuesten Anhänger geworden. Damals besann sich auch unser Beer auf sein jüdisches Selbst und begann bewußt-jüdische Kunst zu schaffen. Aus dieser Zeit stammt jene herrliche Kongreßmedaille „Die Verheißung“. Eine' Statue „Schema Israel" stellt den tausendjährigen Judenschmerz in seiner ganzen Tragik dar; eine andere, die die Arbeit verherrlicht, ist „Im Schweiße deines Angesichts" betitelt. Sie wurde von der Stadt Mühlhausen in Elsaß für einen Monumentalbrunnen angekauft, der auf einem öffentlichen Platz errichtet wurde. „Aehnlich den Künstlern der Renaissance, durch deren frische und gesunde Konzeption er sich auszeichnete, kannte Beer im Bereiche seiner Kunst keine Grenzen", sagt ein italienischer Kunstkenner*); in ihm vereinigten sich in vollkommener Weise Wirklichkeit und Idealismus, von jüdischem Empfinden durchgeistigt, und deshalb konnte er solche Meisterwerke schaffen, wie sie jetzt in der schönen Ausstellung im Palazzo Strozzi die Augen aller Kunstgenießer auf sich ziehen. Bald werden manche Werke unseres nationalen Künstlers den Weg über den Ozean nehmen; und es wäre sehr zu begrüßen, wenn ein kunstliebender Gesinnungsgenosse dafür sorgte, daß wenigstens ein Werk wie Schema Israel dem jüdischen Volke erhalten bleibt. Zur Beilis-Affaire (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Das offizielle „Auskunftsbureau" berichtet: Der Staatsanwalt der Kiewer Gerichtskammer teilt in einem offiziellen Bericht an den Justizminister mit, daß die Voruntersuchung in Sachen der Ermordung des Knaben Andrei Juschtschinskv nunmehr abgeschlossen sei und daß dieser Fall samt der Anklageschrift gegen Menachem Mendel, Sohn des Tobias B e i 1 i s laut § 13 und 3 des Artikels 1453 des Strafkodex ordnungsgemäß der Kiewer Gerichtskammer überwieden wor- Die offizielle Gutheißung der Anklageschrift durch die Kammer scheint somit nur noch eine reine Formalität zu sein, die nicht lange auf sich warten lassen dürfte. Die Verhandlung gegen Beilis hätte demnach noch im Laufe des Monats Mai stattfinden können. Allein unsere Justizbehörden sind in der famosen russischen Verschleppungskunst geradezu unerschöpflich. Wie die gut unterrichtete „Nowoje Wremja" mitzuteilen weiß, dürfte die Verhandlung kaum vor dem Herbst stattfinden. Da man zurzeit das Hauptgewicht auf die wissenschaftlichen Gutachten legt — bekanntlich wird in der neusten Anklageschrift das „religiöse Motiv" ausdrücklich betont, und zwar ist dies, wie nunmehr feststeht, der ausdrücklichen Forderung des J u s t i z m i n i s t e r s zu verdanken — so wollte man das Gutachten von Professor Kos so rot o w nicht entbehren. Dieser wird aber noch einige Zeit brauchen, bis er mit seiner Arbeit fertig ist. Inzwischen geht das Gericht in die Sommerferien und der arme Beilis wird sich darauf gefaßt machen müssen, noch mehrere Monate im Gefängnis zu schmachten. *) Graf Giuseppe Monroy, Vente des Oeuvres de Frederic Beer. Florence 1913. Der vornehm ausgestattete Katalog kann vom Schwager des verstorbenen Künstlers, Herrn Tobias Markus, Piazza Indipendenza 3, Florenz, bezogen werden.

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