Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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652 DIE3&ELT Nr 21 von Hofmannstal. Der Versammlung wohnten u. a. bei: Feldmarschallleutnant R. Rohn in Vertretung des Kriegsministers und andere hohe Offiziere. Auch diese Versammlung wurde von den deutschantisemitischen Akademikern in gewalttätiger Weise gestört. Sie sprengten die Versammlung mit der Begründung: „Juden dürfen über solche Dinge nicht reden, denn sie sind ein Volk, das jeder Ehre bar ist." Der Abgeordnete N e u m a n n , der das Wort ergriff, wurde mit Schmährufen empfangen. In Wien und in allen Zeitungen des In- und Auslandes, die antisemitische Presse natürlich ausgenommen, verurteilt man die deutschen Studenten aufs schärfste. So läßt sich auch die „Frankfurter Zeitung" von Wien berichten: Das terroristische Verhalten der deutschnationalen Studentenschaft beginnt öffentliches Aergernis zu erregen und eine politische Verlegenheit zu werden. Solange sich die Heldentaten auf Prügeleien mit den Klerikalen und jüdischen Studenten beschränkten, nahm die Öffentlichkeit wenig Notiz davon, obgleich das Waidhofener Programm, das die Beschimpfung jüdischer Studenten, aber unter Berufung auf die Verschiedenheit des deutschen und jüdischen Ehrbegriffs kein Duell mit ihnen gestattet, diesen deutschnationalen Ehrbegriff als wenig erfreuliche Blüte völkischer Ethik erscheinen läßt. Gestern aber haben die Herren Studenten sich angemaßt, eine Versammlung der A n t i d u e 111 i g a, die gegen die blutigen Offiziersduelle Stellung nehmen wollte, zu sprengen und erklärt, daß sie keine öffentliche Versammlung in dieser Frage gestatten würden. Dagegen wird die Behörde vorgehen müssen, und es verlautet schon, daß ein Verbot des Farbentragens überhaupt, wo nicht die Schließung der Universität bevorstehe. Soeben ist die Kundgebung des Rektorates publiziert worden, die das Verschulden der Deutschnationalen zugibt. Es heißt unter anderem: „Die Wiener Universität war in den letzten Tagen der Schauplatz skandalöser Szenen. Am Samstag, den 17. d. hat eine Anzahl deutschnationaler Studenten in der Absicht, für wirkliche oder vermeintliche Provokationen jüdischer Studenten Genugtuung zu nehmen, einen Angriff gegen diese auf akademischem Boden vorbereitet, trotzdem die Beteiligten wissen konnten, daß bezüglich der den Anlaß bildenden Vorfälle das Disziplinarverfahren bereits anhängig war. Verstärkt durch die Reihen der zum Bummel aufziehenden Korporationen haben diese Studenten eine Prügelei begonnen, in deren Folge mehrere Studierende ernste Verletzungen davongetragen haben. Deutschnationale Studenten haben schließlich einen Sturm auf das Rektorat versucht und, da sie dessen Eingänge verschlossen fanden, die Türen beschädigt sowie auf den Gängen Möbelstücke demoliert, Fensterscheiben zertrümmert und ähnliche Ausschreitungen begangen, die tief unter dem Niveau einer Demonstration von Akademikern ste h en." Der Rektor verurteilt schließlich das „Autodafe", verfügt ein allge meines Farbenverbot und die Sperrung der Universitätsvorhalle. Ein Nachspiel zu der Koliner Ritualmordaffäre Prag. Samstag, den 10. Mai, fand eine Sitzung des Bezirksschulrates von Kolin statt, in der fast ausschließlich die Affäre des P. Hrachovsky diskutiert wurde. Vor der Sitzung war eine umfassende Untersuchung des Falles durch die exekutiven Organe des Bezirksschulrates durchgeführt worden und auf Grund der Ergebnisse dieser Untersuchung wurde in der Sitzung eine Reihe von Fragen betreffend die Schuld des P. Hrachovsky zur Diskussion gestellt, und zwar ob dieser ein Liebesverhältnis mit der Lehrerin K. unterhalten, ob er die Pavlik zu sich geladen, ihr einen Drohbrief gesandt. ob er gegen die Juden und Protestanten gehetzt, ob er die Bevölkerung Kolins der Unsittlichkeit beschuldigt, ob er das Ritualmordmärchen verbreitet und zu diesem Behuf eine vertrauliche Versammlung ohne Legitimation einberufen hatte. Alle diese Fragen wurden mit allen Stimmen bejaht. Auch der Dechant Sixta beantwortete sie bejahend, wobei er hinzufügte, Hrachovsky sei eine Schmach für die Geistlichkeit. Hierauf wurde über die Strafe entschieden. Es wurde beschlossen zu fordern, daß P. Hrachovsky entweder sogleich strafweise suspendiert oder vom Juli ab versetzt werde. Diese zwei Eventualitäten werden dem Landesschulrate zur Genehmigung vorgelegt werden. Auflösung des galizischen Landtags (Der neue Statthalter) (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Die der Judenschaft Galiziens so schädliche Landtagswahlreform ist nicht zustande gekommen. Der Statthalter Dr. Michael Bobrzynski mußte seine Demission geben. Der Landtag wurde aufgelöst. Der gewesene Finanzminister Dr. Korytowsky wurde zum galizischen Statthalter ernannt. Er gehört, wie sein Vorgänger, den Krakauer Konservativen, der einflußreichsten polnischen Partei, an. Er soll angeblich die Verpflichtung übernommen haben, das unter Führung des Dr. Bobrzynski festgestellte Reformwerk aufrecht zu erhalten und somit ein gutes Stück des polnisch-ruthenischen Ausgleiches zu erledigen. Für die galizischen Juden ist diese Aenderung im höchsten Landesamte von großer Bedeutung. Ein schlimmerer Feind unserer kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen, als es Dr. Bobrzynski war, kann kaum ins Lemberger Statthalterpalais einziehen. Wohl steht auch der neue Statthalter in bezug auf das Judentum den politischen Anschauungen der Loewensteins nahe. Doch ist er ein vornehmerer Charakter als sein .zurücktretender Freund. Adolf Stand, der als Abgeordneter mit Dr. Korytowski nahe Beziehungen unterhielt, bezeichnet den jetzigen Statthalter als einen auch den Juden gegenüber nicht ungerechten Beamten. Dr. Korytowski verriet stets ein großes Interesse für die jiddische Literatur und Sprache. Er selbst schrieb oft jiddische Briefe in lateinischen Buch- Während der Neuwahlen werden die galizischen Zionisten kaum einen direkten Anteil an der Wahlbewegung nehmen können. Es kommen nur Stryj und Brody in Betracht, die einzigen zwei Wahlkreise, die eine jüdische Majorität aufweisen. In Lemberg und Krakau ist die Wahl der Juden von einem Abkommen mit den polnischen Parteien abhängig. Von der Unterstützung der Zionisten wird aber das Los nicht weniger polnischer und ruthenischer Kandidaten abhängig sein. Bei den Polen ist ja der Nationalrat aufgelöst, die polnischen Parteien sind in zwei feindliche Lager geteilt. Die Entscheidung wird also oft in Händen der jüdischen Wähler sein. Die Zionisten werden ihre Haltung von der Stellung zu ihren bekannten Wahlrechtsforderungen abhängig machen. Konferenz jüdischer Hochschüler Oesterreichs Seit Jahren führen die jüdischen Hörer der österreichischen Hochschulen einen Kampf um Anerkennung der jüdischen Nationalität. Der Kampf wurde bisher gesondert in Lemberg, Krakau, Czernowitz, Wien, Prag, Brünn und Graz geführt. Um aber irgendwelche Erfolge zu erzielen, müßte die Aktion in allen Universitätsstädten vereinheitlicht und überall müßten die gleichen Forderungen aufgestellt werden. In dieser Erkenntnis hat die Versammlung der jüdischen Hochschuljugend Ostgaliziens, die am 30. März d. J. im jüdischen-akademischen Hause in Lemberg