Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 651 Ueber die Preßburger Brandkatastrophe und die Hilfsaktion wird uns von unserem Budapester Berichterstatter noch folgendes berichtet: Budapest, 19. Mai. Se. Majestät der König ließ sich halbstündlich über den Brand berichten. Das Ministerpräsidium forderte heute den Preßburger Obergespan Aurel v. Bartol auf, der Kabinettskanzlei umgehend einen detaillierten Bericht zu erstatten. Außer dem Betrag von 10 000 Kr., den die Regierung den Abbrändlern anweisen ließ, hat das Kultusministerium der orthodoxen Gemeinde in Preßburg als außerordentliche Spende 1000 Kr. übermittelt. Der Schaden wird auf mehrere Millionen Kronen beziffert. Versichert war so gut wie nichts, da keine Assekuranzgesellschaft die baufälligen und feuergefährlichen Objekte zur Versicherung annehmen wollte. Was an jüdischen Werten eingeäschert wurde, ist kaum zu ermessen. Die überaus wertvolle Jeschibabibliothek wurde ein Raub der Flammen. Oberrabbiner Schreiber hat sich telegraphisch an die großen jüdischen Gemeinden des Auslandes um Hilfe für die schwer heimgesuchte jüdische Bevölkerung Preßburgs gewandt. Die Vorgänge an der Wiener Universität (Die jüdischen Studenten bei den jüdischen Professoren. — Antisemitische Roheitsexzesse.) (Von unserem Berichterstatter.) Wien. . Die Leser der „Welt“ sind durch wiederholte Berichte darüber informiert, daß die deutschnationalen Studenten des Waidhofner Verbandes den jüdischen Hörem in Beleidigungsfällen die Genugtuung mit der Motivierung verweigern, Juden seien von Geburt „Der Ehre bar“, daß der akademische Senat die Ehrabschneider fördert, indem er jüdische akademische Bürger, die wegen der ruchlosen Beschimpfung ihres Volkes außerhalb des akademischen Bodens zur Ehrennotwehr greifen, mit Relegierung bestraft und daß die zionistischen Studenten dem Rektor jüngst ein Memorandum überreichten, in welchem sie nachdrücklich forderten, der Senat wolle endlich sein Aufsichtsrecht über die akademischen Korporationen dahin geltend machen, daß Bestimmungen, die einem Teile der* Studentenschaft die Ehre absprechen, nicht geduldet werden. Nach Ueberreichung des Memorandums im Rektorate sprachen die Führer der jüdischen Akademiker bei den jüdischen Mitgliedern des Professorenkolegiums vor und legten die gegenwärtigen, unhaltbaren Zustände dar, welche die jüdischen Studenten vor die Alternative stellen, die frechste Verunglimpfung ihrer Eltern, die empörendste Verletzung ihres Ehrgefühls stillschweigend zu dulden, oder der Hochschule zu entsagen. Die Professoren der Wiener Universität Ehr mann, Braun, Hajek und Schnitzler gaben die bindende Erklärung ab, nicht nur für die gerechten Forderungen der jüdischen Kommilitonen einzutreten, sondern nötigen Falles eine gesonderte Denkschrift der jüdis ch e n Hochschullehrer ausarbeiten und dem Rektor unterbreiten zu wollen. Hoffentlich bleibt es nicht beim Versprechen. Man kann nicht oft genug wiederholen, daß es sich in dieser Sache nicht um kleinliche Studentenzänkereien, um „Komment“, „Mensurunsitten“ oder Fexereien übermütiger grüner Jungen handelt. Wenn sich jüdische Väter darüber hinwegsetzen, daß ihre Söhne auf der Universität als ehrlos und vogelfrei behandelt werden dürfen, so mögen sie doch bedenken, daß ein großer Prozentsatz der im Geiste des „Waidhofner Beschlusses erzogenen arischen Hoch Schüler heute Richter und Verwaltungsbeamte sind. Wenn daher die jüdische Bürgerschaft die Sache der Hochschuljugend nicht zu ihrer eigenen macht, wird sie mitschuldig daran, daß die Juden immer offener als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt werden. Inzwischen haben die unerhörten Vorgänge auf der Aula am verflossenen Samstag die Situation verschärft. Die Deutschnationalen hielten in der Wandelhalle eine Massenversammlung ab, in welcher die Juden aufs Niedrigste beschimpft wurden. Das zufällig anwesende Häuflein Jüdischnationaler konsignierte den fünfgliedrigen Hochschulausschuß der bewußtjüdischen Studentenschaft, welcher beim Rektor sofort Beschwerde dagegen einlegte, daß er entgegen den Universitätsgesetzen auf akademischem Boden eine Versammlung dulde, zumal in den gehaltenen Reden die jüdisch-akademische Bürgerschaft verunglimpft werde. Die Delegierten wurden barsch abgefertigt, von Pedellen aus der Rektoratskanzlei gedrängt, die Türe des Rektorats wurde mit Eisenstangen verschlossen und der Fünferausschuß mit dem Häuflein zu Hilfe Geeilter dem gröhlend harrenden antisemitischen Studentenmob förmlich ausgeliefert. 500 Deutschnationale fanden den traurigen Mut, auf kaum 40 Juden mit eisen beschlagenen Knütteln, Boxern und Glasscherben einzuhauen. Bezeichnend ist, daß ein Mitglied der „Jordania“ einen Messerstich bezog, daß sich der Pedell des historischen Seminars unter Ausrufung nicht wiederzugebender Schmähworte gegen die Juden an der Prügelei beteiligte und daß ein blutender jüdischer Student, der im Bibliotheksraum Hilfe suchte, von einem Beamten hinausgewiesen wurde. Man darf gespannt sein, wie nunmehr die akademischen Behörden, die natürlich eine „strenge Untersuchung“ zugesagt haben, Vorgehen werden. Aus Wien wird uns weiter berichtet: Die antisemitischen Krawalle an der Wiener Universität fanden Montag eine verstärkte Fortsetzung. Vergebens versuchte der Rektor zu intervenieren. Die Deutschnationalen kamen mit festen Stöcken bewaffnet, die Hüte mit Papier ausgestopft und mit Bändern festgebunden, es wurde mit faulen Eiern, Eisenspitzen und Hufnägeln geworfen. Die Deutschnationalen lösten sich schichtweise ab, die Minorität der Jüdischnationalen hielt aber, ohne abzuziehen, dem wütenden Anprall stand. Endlich wurden sie von der mehrfachen Uebermacht der Antisemiten von der Rampe in die Fahrbahn abgedrängt. Die Antisemiten errichteten aus den den jüdischen Studenten entrissenen Kleidungsstücken und Büchern auf dem rechten Sockel der Rampe einen Scheiterhaufen, der in Brand gesetzt wurde. Die Rettungsgesellschaft und die Polizeimannschaft mußte intervenieren. Es kam zu zahlreichen blutigen Verletzungen. Eine tausendköpfige Menge sah vom Franzensring erregt den Vorgängen zu. Als ein Passant, ein elegant gekleideter Herr, während der Raufszenen an der Rampe vorübergehen wollte, wurde er von mehreren Studenten mit dem Rufe: „Abzug, Jude!“ empfangen. Die Studenten nahmen eine drohende Haltung gegen den Passanten ein und stürmten von der Rampe mit erhobenen Stöcken auf ihn zu. Der Herr blieb stehen, zog einen Revolver aus der Tasche und rief den Anstürmenden zu: „Wer mich attackiert, den schieße ich nieder!“ Daraufhin zogen sich die Studenten zurück. Die Polizei war rasch zur Stelle und hielt den Herrn zur Ausweisleistung an. Derselbe legitimierte sich mit seinem Waffenpaß und erklärte, daß er in berechtigter Notwehr gehandelt habe. Der jüdische Hochschulausschuß hielt eine Sitzung ab, in der die Ueberreichung eines Memorandums an den akademischen Senat beschlossen wurde. Die Jüdischnationalen führen energische Beschwerde über das Verhalten der Deutschnationaien, die entgegen dem gegebenen Versprechen die unter Anführung des Dekans Hofrat Meyer abziehenden Jüdischnationalen angriffen. Der jüdische Hochschulausschuß fordert die sofortige Auflösung aller Waidhofener Verbände. Die antisemitischen Deutschnationalen begnügen sich nicht mit den geschilderten Vorstößen. Montag abends fand eine von der Wiener akademischen Antiduelliga veranstaltete Versammlung statt, die sich aus Anlaß eines tödlich verlaufenen Offizierduells mit der Duellfrage und dem Ehrenschutz beschäftigte. Das Referat erstattete Doktor Emil