Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 21 (23.5.1913)
- Date
- 1913-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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650 Nr. 21 DIE3§KELT Frist soll sich die Kolonie zu einer Pflanzstätte blühenden Lebens entwickeln und wenn dann die Eigentümer aus dem fernen Westen kommen werden, soll ein schönes Heim und ein reicher Erntesegen sie empfangen. Während sie im Dollarlande das Kapital erarbeitet haben, hat der Fleiß jüdischer Arbeiter das öde Land in eine wohlgepflegte Pflanzung verwandelt. Darin aber liegt der unendliche Wert des Achusagedankens, der einen großartigen Fortschritt in der Geschichte unserer Palästinabewegung bedeutet: er ist berufen, Kapital aus dem reichen Dollarlande in das Land unserer Väter zu bringen; und er dürfte auf diese Weise Arbeitsmöglichkeiten für Tausende von jüdischen Händen schaffen und hierdurch die Anziehungskraft Palästinas für die jüdische Emigration der osteuropäischen Länder erhöhen. Es ist bei dem raschen Wachstum der Bewegung zu hoffen, daß Amerika sich im Laufe der nächsten Jahre mit einem dichten Netz von Achusagruppen bedecken wird. Dadurch aber würden der jüdischen Kolonisationsarbeit in Palästina Hilfsmittel zufließen, wie sie ihr in ihrer bisherigen Geschichte noch nicht zugute gekommen sind. Bisher waren hauptsächlich zwei Faktoren im Lande tätig: der opferfreudige Idealist und der hochherzige Philanthrop. Aber die Massen des Volkes sind nicht ausschließlich idealistisch gerichtet und das große Beispiel der ersten Pioniere hat darum nicht immer und überall würdige Nachfolge gefunden. Und der Wohltäter kann wohl vielen einzelnen helfen, aber nicht einem ganzen Volke. Nur die eigene Initiative vermag ein nationales Kolonisationswerk im großen Stil zu schaffen. Und die eigene Initiative kann in der Masse nur durch den Hinweis auf den eigenen Vorteil geweckt werden. Die Achusa bietet ihren Mitgliedern unmittelbaren, persönlichen Vorteil. Jeder eingezahlte Dollar bedeutet Land und Eigentum. Sie bietet jedem einzelnen Mitglied die woldbegründete Hoffnung auf den Erwerb einer ertragreichen Besitzung im Lande der Väter gegen Zahlung einer Summe, die in Amerika kaum für ein Jahr reichen würde. Und in der Tat zeigt sich die Kraft dieser Triebfeder in eklatanter Art. Es ist nicht selten, daß bei einem Meeting einer Achusagruppe von 70 Personen 2500 bis 3000 § eingezahlt werden. Viele Mitglieder zahlen ihre Raten Monate im voraus, säumige Zahler sind dagegen selten. Nirgends auf der Welt wird mit größerer Begeisterung gezahlt. Und hier sind keine Schwärmer und Träumer, keine Wohltäter und Volksbeglücker; hier sind praktische, kühl erwägende Verstandes- und amerikanische Willensmenschen. Sie werden dem Lande unserer Väter Energien von unschätzbarem Werte zuführen. Für uns Zionisten bedeutet die Achusa die stärkste Bejahung unserer nationalen Idee. Sie beweist unwiderleglich, daß die Emigration nach Amerika nicht die endgiltige Lösung der Judenfrage ist. Und sie führt allen Juden vor Augen, daß die praktische Realisierung unseres Gedankens greifbare Wirklichkeit ist. Darum ist die Achusa uns amerikanischen Nationaljuden der Zionismus der Tat! □□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Großes Brandunglück im Judenviertel von Preßburg Preßburg. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt ist am Samstag, den 17. Mai, von einem entsetzlichen Brandunglück heimgesucht worden. Gegen i/23 Uhr nachmittags brach in der dem Judenviertel benachbarten Petöfigasse aus unbekannter Ursache ein Brand aus, der sich infolge des orkanartigen Sturmes rapid ausdehnte und alsbald in die größtenteils oder fast ausschließlich von Juden bewohnten Straßenzüge: Schloßgrundgasse, Kapuzinerstraße, Schloßstraße und Klarissengasse Übergriff. Im Verlaufe einer Stunde stand ein Komplex von etwa neunzig Häusern in Flammen. Die Lokalisierung des Brandes bot die größten Schwierigkeiten, weil das Terrain des Judenviertels sehr hügelig und winkelig ist und die alten Häuser, teilweise mit Schindeln gedeckt, bis zum Dachboden mit altem Hausrat vollgepfropft sind. Herzzerreißende Szenen spielten sich ab. Die armen jüdischen Trödler und Kleinkrämer suchten aus den brennenden Häusern und Geschäftsläden ihre armselige Habe herauszuschleppen; außerhalb des Militärkordons standen jammernd die Angehörigen der im Brandgebiete Verbliebenen, weil sie nicht zu den Ihren gelangen konnten. Unter den obdachlos gewordenen 1500 Familien befinden sich etwa 1200 jüdische, gleich 6000 Seelen. Die armen Leute wurden in Schulen, im Volksheim, in verschiedenen Stiftungshäusern, in den Kasernen, Spitälern und im Palais des Erzherzogs Friedrich untergebracht und durch Lieferung von Milch und Brot vor dem Hunger geschützt. Der berühmte Lehrsaal der Preßburger Jeschibah, die sogenannte „Schiurstube", ist samt allen Büchern der reichen Bibliothek zugrunde gegangen. Die orthodoxe Synagoge wurde schwer beschädigt; die Thorarollen und Synagogengeräte konnten gerettet werden. In vielen brennenden Häusern des Judenviertels lagen alte und kranke Leute hilflos. Militär und Feuerwehrleute drangen mit Todesverachtung in die brennenden Häuser ein und trugen auf Tragbahren die Hilflosen hinab in die Stadt. Bisher ist nur ein Todesfall bekannt geworden, der eines Feuerwehrmannes, der während der Löscharbeiten vom Schlage getroffen wurde. Ferner wird ein jüdischer junger Mann vermißt, der im dritten Stockwerk eines Hauses der Judengasse (Schloßgrundgasse) krank zu Bette lag. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß; darunter sollen sich 38 Schwerverletzte befinden, von denen manche ihren Wunden erliegen dürften. Ein junges jüdisches Mädchen wurde irrsinnig. Der materielle Schaden wird auf mehrere Millionen Kronen geschätzt. An den Lösch- und Rettungsarbeiten beteiligten sich auch die telephonisch herbeigerufene Wiener Feuerwehr und die Wiener Rettungsgesellschaft. Im Hinblick auf die gefährdeten Menschenleben nahmen, auf Anordnung des Oberrabbiners Schreiber, trotz der Sabbatruhe auch die Juden an den Lösch- und Rettungsarbeiten teil. Erst gegen 8 Uhr abends konnte der ungeheuere Brand lokalisiert werden und erst in den frühen Morgenstunden konnten die Feuerwehren ihre Aktion beenden. Das Elend unter der jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Hunderte von Familien sind obdachlos geworden und völlig an den Bettelstab geraten. Es wurde sogleich eine Hilfsaktion eingeleitet, an der sich Kaiser Franz Josef aus seiner Privatschatulle mit 20 000 Kr. und die ungarische Regierung mit 10 000 Kr. beteiligte. Nach Meldungen der Budapester Blätter wurden 20 Soldaten wegen Raub und Plünderung verhaftet. Es wird aber angenommen, daß viel mehr geraubt worden ist, als sich vielleicht aus der Zahl der Verhaftungen schließen läßt. Der Vertreter des „Pester Lloyd" wurde durch die Räume der ausgebrannten Rabbinatsschule geführt, wo man ihm die Kassenschränke zeigte. Die Türen sämtlicher Schränke waren mit Brecheisen gewaltsam geöffnet und die Schränke ihres Inhaltes beraubt worden. Auch an den vom Feuer verschonten Kästen und Schränken waren die Fächer und Läden aufgebrochen und der Inhalt geraubt worden.