Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 632 ■ ■ - - DIE3^ Droschke, dem „Hotel Petersburg“ zueilend. Simferopol ist eine Stadt, so groß wie Jassy, aber viel hübscher und mit einer wohlhabenderen Bevölkerung. Juden wohnen hier verhältnismäßig nicht viel, doch herrscht unter ihnen eine unvergleichlich intensivere jüdische Kultur als in einer ähnlichen rumänischen Stadt. Viele jüdische Talmudgelehrte und Hebraisten, eine gut organisierte jüdische Gemeinde, eine reich ausgestattete jüdische Bibliothek mit russischer, hebräischer und Jargonliteratur beherbergt diese schöne Handelsstadt der Halbinsel Krim, die nur drei Stunden von der Festungs- und Hafenstadt Sewastopol am Schwarzen Meere entfernt ist, die einem Juden nicht mehr als 24 Stunden das Gastrecht gewährt. Der Portier meines Hotels war früher längere Zeit in Deutschland gewesen und verstand deshalb glücklicherweise Deutsch. Nach einigem Nachfragen vermittelte er mir die Bekanntschaft eines jüdischen jungen Mannes, der ebenfalls gut Deutsch sprach. Es war ein junger lebhafter Kaufmann, der, wie er mir erzählte, erst vor wenigen Jahren die Kischinewer Jeschibah verlassen hatte, um sich dem Kaufmannsstande zu widmen und dem es in dieser kurzen Zeit in der Krim gelungen war, sich ein ansehnliches Kapital zu erwerben. Diesen jungen Mann erkor ich mir als Begleiter und Dolmetscher beim Rabbiner der Simferopoler Karäer. In einer kleinen Straße, die den Namen „Kara'imsky“ trägt, liegt die Synagoge der Karäer. Nach der Größe der Synagoge urteilend, fand ich die Angaben meines Begleiters bestätigt, daß nämlich die Gemeinde der Karäer (die sich selbst B'ne Mikra — die Anhänger der Bibel, im Gegensatz zu den Talmudjuden, nennen) dort eine sehr große ist. Vor dem Gebäude ist eine kleine Baumanlage. Dadurch wie besonders durch ihren Baustil macht die Synagoge von außen den Eindruck einer hübschen schweizerischen Villa. Drinnen sieht es ungefähr aus wie in jeder modernen westeuropäischen Synagoge, mit dem Unterschiede, daß nur dicht an den Seitengängen Bänke angebracht sind, während der ganze breite Mittelraum von der Türe bis zur heiligen Lade vollständig leer ist. Obwohl es Sabbat morgens war, wies die Synagoge einen recht schwachen Besuch auf. Als ich eintrat, hörte ich einen Gesang von einigen ernsten, fast weinenden Stimmen, der eine Art Responsion darstellte zu einem Passus, den der Kantor aus einem Gebetbuche vorlas. Ich und mein Begleiter setzten uns in eine Bank, worauf uns der Synagogendiener eine Art Siddur brachte, das aber natürlich ganz andere Gebete enthielt als die unsrigen. Tallessim tragen die Beter nicht, sondern sie breiten ihr Tallis auf dem Pulte neben ihrem Gebetbuche aus. Nur der Kantor und der Rabbiner sind in große Tallessim gehüllt, die auf dem Kopfe über eine tiefrunde, kesselartige, steife Mütze umgelegt sind. Ihre Tallessim sind umrahmt von breiten und schmalen himmelblauen Streifen und die Zizith sind dicke, ebenfalls himmelblaufarbene Troddel. Vorgelesen wurde ein Stück aus einer Bibel, die in einer einer Thorarolle ähnlichen Holzkiste lag. In der Lade befinden sich, wie mir nachher der Rabbiner sagte, viele solche thoraähnliche Kisten, und nur eine Thorarolle aus Pergament wie die unsrigen ist dort, geschrieben von einem Sopher aus Wilna. Wird einer zur Thora gerufen, geht er zur Lade, wirft sich hin und küßt den Boden, bevor er an die Thora herangeht. Die Haltung der Leute beim Gebet ist so steif und starr, daß es einem förmlich unheimlich wird. Nach dem Beten drängten sich alle Anwesenden, die einen sehr ärmlichen Eindruck machten, an den Rabbiner und reichten ihm die Hand. Als er mich und meinen Begleiter erblickte, kam er auf uns zu und streckte uns seine Hand zur Begrüßung entgegen. Bei dieser GepLT legenheit fragte ich ihn, ob ich ihn sprechen könnte, und er lud mich ein, gleich zu ihm zu kommen. Der Rabbiner, der bei den Karäern Chasän heißt, ist ein junger Mann von ungefähr 30 Jahren mit tiefschwarzem Bärtchen und bräunlich-grünem, olivenfarbenem Gesichte. Schwarze offene Augen mit lebhaftem Blick machen die Erscheinung dieses schlanken Mannes zu einer sehr sympathischen. Bald waren wir in seiner Wohnung, die unmittelbar an der Synagoge liegt. Wir befanden uns in einem großen runden Zimmer, in der Mitte ein großer Tisch mit mehreren gepolsterten Sesseln ringsum, während das anstoßende Zimmer eine stattliche Bibliothek zeigte. Dies alles machte den Eindruck eines patriarchalischen Rabbihauses. Die Wände waren mit zahlreichen Bildern geschmückt, unter denen eines das Bildnis seines Lehrers Kasäs war, des gewesenen Direktors der karabischen Rabbinatsschule zu Sewastopol. (Erst vor kurzem erfuhr ich, daß dieser Kasäs im Februar vorigen Jahres gestorben ist.) Diesen Mann, seinen ehemaligen Lehrer, verehrt der Simferopoler Chasän sehr, und sein Name wird, wie er mir sagte, von allen Karäern mit großer Ehrfurcht genannt. Im übrigen war Kasäs ein großer Gelehrter auch im europäischen Sinne. Denn nach seinen Schriften zu urteilen, die mir zu Gesichte kamen, beherrschte er außer dem Russischen auch alle modernen europäischen Sprachen. Im Hebräischen aber war er ein vorzüglicher Dichter, der die Schwächen seiner Zeit und seiner hebräischen Glaubensgenossen in formvollendeten Dichtungen, die von tiefem sittlichen Ernst getragen sind, scharf kritisiert. Seine hebräische Gedichtsammlung „Jeled Schaaschuim" (Odessa 5670) enthält Zeitbilder von höchstem kulturhistorischem Interesse, so die schonungslose Satire „Hador“ (Das Zeitalter), das Zustände geißelt, wie sie leider auch bei den rabbanitischen Juden Vorkommen. Die erwähnte Gedichtsammlung seines Lehrers Kasäs machte mir der freundliche Chasän von Simferopol zum Geschenk. Als Gegengabe überreichte ich ihm das hebräische Buch meines Vaters: „Middoth Chachamim“, eine Sammlung und Erläuterung ethischer Sprüche aus dem Talmud und Midrasch, diesem den Karäern ganz fremden Schrifttum. Infolge ihrer reinen Bibelanhängerschaft kennen die Karäer nur die Sprache der Bibel, während ihnen das reiche und für die spätere Entwicklung des Hebräischen so bedeutungsvolle Sprachgut des Talmuds so gut wie verschlossen ist. Tatsächlich hat der Simferopoler Chasän das Buch „Middoth Chachamim“ nicht überall verstanden, obwohl er das Hebräische gut beherrscht, freilich eben nur das Biblisch-Hebräische. Ich gab ihm den Rat, den er auch dankend entgegennahm, sich ein Wörterbuch des Neuhebräischen mit russischer Uebersetzung anzuschaffen. Obwohl wir uns bald in deutscher, bald in hebräischer Sprache unterhielten, war es doch gut, daß ich meinen Bekannten aus dem Hotel als Dolmetscher mitbrachte. Denn wirklich geläufig und mühelos sprach der Chasän nur die russische Sprache. Und ich hatte so vieles zu fragen, was mich sehr interessierte und wofür ich mich meines russisch sprechenden Begleiters als Dolmetsch bedienen mußte. Das sympathische geistliche Oberhaupt der Simferopoler Karäergemeinde sagte mir alles, was ich wissen wollte und noch mehr. Wir unterhielten uns über die Kultur der Juden und der Karäer, über Zionismus und über die Sehnsucht mancher frommen Karäer nach dem heiligen Lande. Er sagte mir, er stamme aus Wilna, das dem Kaisertum stets Chasäne und große karäische Gelehrte geliefert hat. Er lernte in der Chasänschule zu Sewastopol und hatte zum Lehrer den gelehrten Elijah Kasäs, von dem ich oben sprach. Die Karäer schöpften früher, so erzählte er mir, ihre Kultur aus dem Tatarentum. In letz-