Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 20 DlEffiELT — - 633 terer Zeit hatte das Karäertum jedoch eine gewaltige Krise durchzumachen. Es hat nämlich mit der primitiven Kultur der Tataren gebrochen und seine führenden Geister wandten sich den europäischen Literaturen zu. Anscheinend war Kasäs die alles bewegende Kraft und Persönlichkeit, und damit haben sie, wie mir den Chasän glückstrahlend versicherte, das Karäertum nicht nur vor dem Verfall gerettet, sondern auch sichtlich gestärkt. Inter den europäischen Literaturen verstehen die Karäer auch die neuhebräische Literatur, von der mir der Chasän mehrere Werke in seiner Bibliothek zeigte. Trotzdem wußte er z. B. von Bialik nichts, und den Namen dieses großen neuhebräischen Dichters erfuhr er erst von mir. Ich gab ihm als Andenken die Volksgedichte Bialiks (Schire-Am). Ich erzählte ihm, wie oben erwähnt, vom Zionismus und dessen Bedeutung. Er zeigte auf ein Bild an der Wand, wo er in Offiziersuniform photographiert ist, und sagte mir, daß die Karäer in Rußland alle Rechte, den Christen gleich, besäßen, nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Praxis. Gleichzeitig erzählte er mir jedoch auch, daß sich jetzt viele Karäer taufen lassen, ja, selbst ein Sohn des großen Kasäs ist, nachdem er bereits ein tüchtiger Arzt mit guter Praxis war, zum Christentum übergetreten. Trotzdem, bemerkte mir der Chasän, gibt es Karäer, die eine tiefe Sehnsucht nach dem heiligen Lande empfinden. Solche wären sogar für eine Bewegung wie den Zionismus ganz leicht zu gewinnen. Aber die vielen Reichen unter den Karäern sind fast alle vollständig irreligiös auch im karäischen Sinne und nur die wenigen Armen sind fromm. Als ich mich anschickte, wegzugehen, lud mich der Chasän ein, den nächsten Tag, Sonntag, zur Schule der karäischen Kinder zu kommen, wo er Direktor ist und zugleich Lehrer für den Bibelunterricht. Ich fragte ihn nun, ob die Stelle des Rabbinats bei den Karäern eine geachtete sei, da sie doch in der Mehrzahl nicht fromm sind. Er antwortete schlagfertig europäisch: Eine Stelle, die gut bezahlt wird, ist auch geachtet. — Wir schieden wie alte Bekannte, und ich versprach, Sonntag früh der Schule einen Besuch abzustatten. Tags darauf ging ich zeitig hin.. Aber wie enttäuscht war ich, als ich hinkam. Nichts von dem jungen frischen Geist, wie man sie bei unseren Kindern sieht. Auf den Gesichtern der Kinder, die alle einen unverkennbaren semitischen Typus haben, lag Teilnahmslosigkeit und Stumpfheit. Kein einziges von den Kindern verstand Hebräisch. Sie sprachen nur Russisch, und ich hörte ihnen auch eine Weile zu, wie sie die Bibel in russischer Sprache übersetzten, mit einer weinerlichen Melodie, die einen recht traurig stimmen konnte. Es waren übrigens lauter Kinder armer Eltern. Im Nebenzimmer war eine russische Lehrerin, die den Kindern den profanen Elementarunterricht erteilte. Und das Zeugnis dieser aus zwei alten, baufälligen Zimmern bestehenden Schule hat die Gültigkeit eines Zeugnisses der Staatsschule — so sehr sind die Karäer der Krim das verhätschelte Schoßkind der Behörden. Ich wartete den Schluß der Stunde ab und ging zusammen mit dem Chasän weg, um mich noch auf dem Wege mit ihm zu unterhalten. Ich ergriff die Gelegenheit, ihn zu fragen, warum die Kinder so stumpfsinnig aussehen? Er meinte, daß die Armut daran schuld sei. Ich hielt ihm entgegen, daß bei uns größtenteils das Gegenteil der Fall ist: die Armut spornt an und erzeugt Lernbegier und Lebhaftigkeit. Ich zitierte ihm auch das talmudische Wort: „Seid vorsichtig mit den Kindern der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus". Ich konnte mich nicht enthalten, hinzuzufügen: Vielleicht war damals, als die Talmudgelehrten die starre Lehre der Karäer zurückwiesen, ihre Absicht die, daß das jüdische Volk in der Bedrängnis und Dürftigkeit des Galuth nicht abgestumpft und leblos bleibe. Denn die an die Denkkraft besonders hohe Anforderungen stellende scharfsinnige Dialektik des Talmuds hat erst die jetzige Beweglichkeit und Lebhaftigkeit des jüdischen Geistes geschaffen. Dies stimmte meinen karäischen Rabbi etwas nachdenklich. Er drückte mir, als ich mich von ihm verabschiedete, mit besonderer Herzlichkeit die Hand und bat mich, ihm einmal von Rumänien aus zu schreiben. Auf der Seereise von Sewastopol nach Odessa sann ich dann noch lange über diesen absterbenden Zweig des jüdischen Stammes nach. Insbesondere gedachte ich der armen, frommen Karäer, die sich nach Palästina sehnen, deren Kinder aber, wie die der Reichen, wohl kaum der angestammten Gemeinschaft treu bleiben werden. Schluß des redaktionellen Teiles Zur Beachtung VM- Die Telegramm-Adresse des Zionistischen Zentralbureaus, der Redaktion und Administration der „Welt“, sowie des Jüdischen Verlages lautet: Orghip, Berlin. Eingegangen bei der Administration der „Welt“: Für das Mikrobiologische Institut: Johann Kremenezky, Wien „Vergesset nicht das Mikrobiologische Institut" Kr. 10.— JL 8.40 Auf der großen thüringischen Ausstellung für Gastwirtsgewerbo Hotelwesen und Kochkunst unter dem hohen Protektorat Sr. Königl. Hoheit des Herzogs Carl Eduard von Sachsen - Coburg - Gotha wurde der Firma B. Kasprowfez, Gnesen, die höchste Auszeichnung, die „Stamtsmed.ille von Sachsen - Bei »Ingen" zuerkannt und auch dort erfreuten sich die Fabrikate der einstimmigen, allerhöchsten Anerkennung des Publikums, daß diese Liköre und Cognacs entschieden die vorzüglichsten Qualitäten präsentieren, die irgendwelche andere der größten Fabriken Europas auszustellen im Staude wäre. - Man bewunderte die ungeheuer große Anzahl der vorzüglichen Sorten, wie Zagloba, Xastoikena, Eefectorium und SO andere. Alle Betriebe, welche flüssigen Zucker verwenden, also in erster LinieS Mineralwasser-Fabriken, Brauereien etc. dürfte der gesetzlich geschützte neue Zuckerlös- und Filtrier-Apparat „Carolus“ «■ interessieren, den die im Bau von Mineralwasser-Apparaten und Kellerei artikeln bestens bekannte Firma Hugo Mosblech, Köln-Ehrenfeld gSSÜBn soeben auf den Markt bringt. Während bei der jetzigen allgemein üblichen Methode, den Zuckersyrup durch Einkochen zu gewinnen, Rttn ununterbrochen Bedienung erforderlich war, KKp! 11111 ein Anbrennen des Zuckers zu verhüten und den Schmutz abzuschätunen, bedarf der ' neue Apparat „Carolus“ keiner weiterereu Be- ■ dienung, als in bestimmten Zeitabschnitten Zucker ' mH und Wasser anfzuschütten. und liefert alsdann automatisch einen gleichzeitig filtrierten, klaren, VH . gst haltbaren Zuckersyrup, in der stets gleichmäßigen Höchstkonzentration von 65—66% Zuckergehalt- 1^1 ii ~ Wird der Apparat z. B abends gefüllt, so hat I —_ | . man am nächsten Morgen den Syrup gebrauchsfertig zur Hand. Die Konstruktion des Apparates ist solide -i^äf und überrascht in Fachkreisen durch ihre hohe ” Leistung bei kostenloser Betriebsweise. Ausführliche Prospekte und reich illustrierte Kataloge stellt die genannte Firma Interessenten gratis zur Verfügung. OER ZUO DER ZEIT ^ToüWcRG-^