Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 blE^ELT 624 diesem Dementi wird darauf hingewiesen, daß die Juden Adrianopels selber die ganzen Tage nach dem Einzüge der Bulgaren in Angst vor Gewalttaten und Plünderungen dahinlebten. Besonders die bekannten Versuche von griechischer Seite, die Juden bei den Eroberern als die Hauptstützen des Widerstandes zu verdächtigen und verhaßt zu machen, haben zur Erregung einer wahren Pogromstimmung beigetragen. Die Juden haben infolgedessen fast eine Woche lang ihre Häuser kaum verlassen. Da klingt es denn doch höchst abenteuerlich, daß sie sich noch an den Verbrechen gegen die Mohammedaner, mit denen sie doch ebenso wie in Saloniki in herzlichster Eintracht und Freundschaft gelebt haben, beteiligt haben sollen. Man darf wohl annehmen, daß kein vernünftiger Türke solchen Tatarennachrichten, die irgendeinem persönlichen Motiv oder grundfalschen Informationen entspringen, Glauben scherken wird. Dazu war denn doch das ganze Verhalten der Juden im Balkankriege ein zu vaterlandfreundliches und Eine bemerkenswerte Rede Lord Milners (Von unserem Berichterstatter.) London. Bei einem Festessen, das die Anglo-Jewish Association dieser Tage veranstaltete und wobei 8000 C für die Zwecke der Association gesammelt wurden, hielt Lord M i 1 n e r, der als langjähriger Vertreter Englands in Aegypten und Südafrika sich als einer der bedeutendsten englischen Staatsmänner der Gegenwart bewährt hat, eine interessante Ansprache. Er führte u. a. aus, daß er die Wichtigkeit der Schulen, die von dem Verein in verschiedenen Gegenden der Welt unterhalten werden, keineswegs unterschätze. Was ihn aber am meisten interessiere, was die Tätigkeit der Anglo-Jewish Association besonders auszeichne, sei ihr Streben, für die Juden in allen zivilisierten Ländern Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und staatsbürgerliche Freiheit zu erlangen. „Ich muß sagen," fuhr Lord Milner fort, „daß dies meine tiefste Sympathie hervorruft. Ich fühle, daß ich, wenn ich selbst ein englischer Jude wäre, von meiner Sicherheit, Unabhängigkeit und Würde als britischer Bürger dazu gedrängt wäre, alle meine Kräfte daran zu setzen, um diejenigen Angehörigen meiner Rasse und Religion, die unter Bedrückungen und Herabsetzung leiden, zu befreien. Ich kann nicht umhin, meine große Sympathie für meine britischen Mitbürger, die als Juden für die soziale und politische Besserstellung der Juden in anderen Ländern einstehen, auszudrücken. Ich glaube auch, daß Ihre britischen Mitbürger, die keine Juden sind, in diesem Streben Ihnen beizustehen verpflichtet sind." Eine antisemitische „Lösung“ der Judenfrage in England Die Marconi-Affäre läßt eine gewisse Klasse englischer Publizisten nicht zur Ruhe kommen, und die Judenfrage wird von ihnen bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten herbeigezerrt. An der Spitze dieser Leute stehen die Schriftsteller Hilaire Belloc, G. K. Chesterton und Cecil Chesterton. Der letztere hat den zweifelhaften Ruhm, Redakteur des früheren „Eye-Witness“ und jetzigen „New Witness", einer ausgesprochen antisemitischen Wochenschrift, zu sein. Während er sich bisher darauf beschränkt hatte, sein antisemitisches Gift durch seine eigene Zeitschrift zu verbreiten, hat er soeben einen aufsehenerregenden Artikel unter der Ueberschrift „Israel, eine Nation", in der angesehenen konservativen Monatsschrift „The British Review“ erscheinen lassen. Mr. Cecil Chesterton bestreitet, daß er Antisemit sei, aber er ist dagegen, daß Juden ihre eigene Nation verleugnen und sich als Mitglieder einer anderen Nation aufspielen. Nach seiner Meinung sollen die Juden in England nicht nur als besondere Nation betrachtet werden, sondern, wohlgemerkt, eine besondere Ausnahmestellung im öffentlichen und politischen Leben einnehmen. Daß manches, was er sagt, zutreffend ist, ändert nichts an seiner durch und durch reaktionären Auffassung der Judenfrage, und von seinem Versuche, sie zu „lösen", kann man im Vergleich mit* ähnlichen Bestrebungen in alter und neuer Zeit nur sagen „plus qa change, plus cest la meme chose“. Es ist nur zu bedauern, daß ein solcher Angriff auf die rechtliche Stellung der Juden in England von der Redaktion der „Britisch Review“ aufgenommen wurde. Es wird jedoch in der nächsten Nummer dieser Zeitschrift eine Antwort auf Mr. Chestertons Ausführungen aus der Feder unseres Gesinnungsgenossen Paul Goodmann erscheinen. (Vergl. auch den folgenden Aufsatz „Antisemitische Sophisten“.) Antisemitische Sophisten Unsere Freunde in Holland halten sich über einen im Maihefte der „British Review" erschienenen Aufsatz von Cecil Chesterton über „Israel als Nation" auf. Der „Joodsche Wächter" widmet diesem Artikel eine ausführliche Besprechung, die auf den Ton „Auch Du, Brutus" gestimmt ist. Mr.Chesterton, ein in England sehr bekannter Essayist, ist längst schon als ein Antisemit bekannt. Was übrigens auch im freien England durchaus keine Seltenheit ist. Es wäre eine arge Täuschung und eine durch nichts begründete Schönfärberei, wollte man das Vorhandensein des Antisemitismus in England einfach in Abrede stellen. Dickens und Thackeray sind Zeugen dafür. Kronzeugen sogar. Denn sie waren die Schilderer des wirklichen englischen Lebens, der Volksstimmung. Wie schildert Dickens die Juden? Als Ausbeuter, Wucherer, fast als Verbrecher. Im Bewußtsein des englischen Volkes lebt noch immer die Erinnerung an den Shylock-Typus. Ist der Durchschnittsengländer ein Antisemit? Es wäre gewagt, dies ohne weiteres und ohne Einschränkungen zu bejahen. Denn der Begriff des Antisemitismus ist variationsfähig. Aber immerhin, von Liebe zu den Juden kann man auch in England nicht reden. Nun hat Mr. Chesterton den bekannten peinlichen Parlamentsskandal benutzt, um seiner verhaltenen Stimmung Ausdruck zu verleihen. Er wendet sich gegen die Ueberhandnahme des jüdischen Einflusses im öffentlichen Leben, stellt sogar eine Auflehnung des englischen Volkes gegen die Juden in Aussicht und macht seine Glossen zu den Ereignissen. Er verdichtet die Farben, malt die Zukunft der Juden grau in grau und kommt zu einem recht krausen Vorschlag. Die Juden, meint er, sollten sich in England als Nation organisieren, nationale Rechte genießen, aber dafür auf die Anteilnahme am öffentlichen Leben und an der politischen Verantwortlichkeit verzichten. Oder vielmehr sie sollen davon ausgeschlossen werden. Das ist nun eine recht alte und sattsam bekannte Weise. Die Antisemiten wollen logischer sein, als die Nationaljuden. Sie glauben, uns durch unsere eigenen Waffen schlagen zu können. „Ihr wollt eine Nation sein", sagen sie, „nun denn, so seid es ganz, so höret auf, Staatsbürger und Vollberechtigte zu sein." Sie meinen, es sei der höchste Gipfel der Logik. Aber es ist nicht mehr als armselige Sophistik. Armselig, weil sie sich so leicht, so mühelos durchschauen und widerlegen läßt. Sie vertauschen einfach die Begriffen „nationale Organisation" und „nationaler Separatismus". Es ist ja klar, daß die in England wohnhaften, aber dem deutschen Staatsverband angehörenden Deutschen keine Staatsämter bekleiden und keine verantwortlichen Stellen innehaben können. Denn sie sind nicht bloß national, sondern