Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316594--57439-3375899
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 623 zur Betätigung des Liberalismus ein weites Arbeitsfeld finden können. Es müßte endlich einmal der Abusus aufhören, daß die Taufe, die feige Fahnenflucht, vom Staate mit einer Anstellung prämiiert wird. Und gerade im Justizdienst werden bei uns Täuflinge förmlich gesucht. Von den höchsten Richterstellen bis zu den subalternen Gerichtsbeamten werden die Täuflinge zu ungunsten der Juden bevorzugt. Bezeichnend ist, daß z. B. in Budapest seit Jahren die hier recht einträglichen Gerichtsvollzieherstellen grundsätzlich nur mit Frischgetauften besetzt werden. Selbst die christlichen Bewerber werden gegenüber den Täuflingen zurückgesetzt. Es bleibt abzuwarten, ob jetzt eine Besserung der - Verhältnisse eintreten wird. Wirtschaftlicher Antisemitismus in Ungarn Der Radauantisemitismus hat auch in Ungarn abgewirtschaftet. Seine Wortführer erklären selbst, daß mit dem bloßen Schimpfen auf die Juden der „christlichen Sache“ nicht gedient sei, und geben die Parole aus, daß die Juden aus ihren wirtschaftlichen Stellungen zu verdrängen sind. Ein neues literarisches Produkt dieser Kreise ist eine „Der wirtschaftliche Untergang unseres christlichen Magyarenvolkes“ betitelte „sozialpolitische Studie“ des Mittelschullehrers Stephan Miklössy. Unter dem scheinheiligen Bestreben, wirtschaftliche Probleme der katholischen Bevölkerung zu behandeln, wird ein förmliches Handbuch des Judenhasses und der Judenverdrängung geboten. Ein beträchtliches Material von teilweise richtigen Daten wird in tendenziöser Weise zusammengetragen und entstellt. Auch aus der zionistischen Presse werden einige Stellen willkürlich herausgezerrt und den Gläubigen in einem ganz falschen Lichte gezeigt, um zu beweisen, daß die Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Katholiken in erster Reihe durch die Verdrängung der Juden herbeigeführt werden müsse. Das Werk findet großen Absatz, die darin enthaltenen Gedankengänge dringen in immer weitere Schichten der christlichen Bevölkerung, die empfohlene Verdrängung der Juden wird immer fühlbarer, und der jüdische Mittelstand, der ohnedies schwer um seine Existenz ringt, geht trüben Zeiten entgegen. Die ökonomische Krisis in Konstantinopel (Von unserem Berichterstatter.) Konstantinopel. Der endlose kriegerische Konflikt auf dem Balkan droht die ohnehin schon wenig beneidenswerte ökonomische Situation der Juden der türkischen Hauptstadt zu einer ganz verzweifelten zu machen. Es fehlt an Kapital, es fehlt an Arbeitsgelegenheiten und auf der anderen Seite an Arbeitskräften, so daß die vorhandenen unerschwinglich teuer werden und die Initiative zu Unternehmungen wiederum gelähmt wird. Es darf deshalb nicht wundernehmen, daß eine bisher hier nie gekannte Auswanderungslust allenthalben Platz greift. Vergangene Woche haben nicht weniger als 200 junge jüdische Leute den Vorort Balat allein verlassen, um sich nach Amerika zu begeben. In anderen jüdischen Stadtteilen dürften ähnliche Auswanderungsziffern festzustellen sein. Zumeist handelt es sich um unverheiratete oder jung verehelichte Männer, die von ihren jenseits des Ozeans wirtschaftlich erfolgreichen Verwandten hinübergerufen werden, und die, verzweifelnd an einer Besserung der hiesigen Verhältnisse, diesem Rufe folgen. Erfreulich ist immerhin, daß die abziehenden Laden- oder Werkstättenbesitzer ihre Besitztümer in der Regel an Juden, gewöhnlich Verwandte, abtreten, so daß die christliche Konkurrenz nicht in die aufgegebenen Positionen der Juden einrückt. Jedoch wird sich ein solcher Verlust an ökonomischen Positionen der Juden im Arbeiter- oder Angestelltenstande sicherlich nicht vermeiden lassen. Da aus anderen Städten der früheren oder gegenwärtigen türkischen Gebiete Nachrichten über die gleiche Erscheinung vorliegen und die Auswanderung nach Friedensschluß, wenn die heimkehrenden Kriegsflüchtlinge vielleicht ihren vollkommenen Ruin erfahren haben werden, noch erheblich steigen dürfte, muß mit der Tatsache gerechnet werden, daß das Ziffernverhältnis der sephardischen Bevölkerung im Orient sich zugunsten Amerikas sehr stark verschieben wird. Expropriierung jüdischen Eigentums Während die jüdische Gemeinde der türkischen Hauptstadt darangeht, ihre Liegenschaften unter dem Schutze des neuen Reichsgesetzes, das Gemeinden und Gesellschaften den Besitz von Immobilien ermöglicht, zu registrieren und zu sammeln, damit sie nicht mehr wie in früheren Zeiten der Judenheit verloren gehen, droht ihr von seiten des Staates selbst der Verlust mancher wertvoller und altgeheiligter Besitztümer. Seit dem vorigen Jahre schon schwebt der Streit mit dem Fiskus um ein Stück des jüdischen Friedhofes in Hasköj, das die Stadtverwaltung sich aneignen will, um eine breite Chaussee mitten hindurch zu legen. Es war im Anfänge des Konfliktes einfach auf echt orientalische Art mit Gewalt vorgegangen worden, indem man ohne viel Fragen begonnen hatte, auf dem Friedhofe zu graben und die Gebeine der Jahrhunderte lang dort schlummernden Toten herauszuwerfen. Damals war es glücklicherweise noch gelungen, in erster Linie infolge des Eingreifens unseres Gesinnungsgenossen Aron B a r z i 1 a i, diesen Gewaltakt aufzuhalten und den ehrwürdigen Boden unserer Gemeinde zu erhalten. Jetzt ist die Frage wiederum akut geworden. Die Behörden behaupten, daß die Durchlegung des Weges durch den Friedhof eine absolute strategische Notwendigkeit sei und forderten den Großrabbiner auf, unverzüglich seinerseits die Exhumierung der Gebeine zu veranlassen. Diese kategorische Forderung hat eine gewisse Bestürzung in den leitenden Kreisen unserer Gemeinde hervorgerufen, und der Großrabbiner hat die beiden beratenden Körperschaften eingeladen, über die Frage zu beraten. Einstweilen hat er gegen die Forderung der Behörden Protest eingelegt. Das Verfahren der Stadtverwaltung ist um so merkwürdiger, als sie nicht einmal daran denkt, für die Enteignung altgeheiligten jüdischen Bodens irgendwelchen Ersatz anzubieten. Demgegenüber erinnert man sich hier lebhaft des vorjährigen analogen Streites mit der armenischen Gemeinde, wo eine Ansammlung von zehntausend Armeniern auf ihrem Friedhofe, den sie mit ihrem Blute verteidigen wollten, die Regierung zum Nachgeben und schließlich zur Bewilligung einer sehr hohen Entschädigung zwang. Auch die große sephardische Synagoge in Galata soll enteignet werden. Eine schwere Verleumdung türkischer Juden Das Unglück, das die türkischen Juden Im Laufe der letzten Jahre betroffen, scheint unseren Feinden immer noch nicht groß genug; sie wollen es um jeden Preis noch künstlich durch Verleumdungen vergrößern. Bisher war man gewöhnt gewesen, solche nur von griechischer Seite ausgestreut zu sehen; jetzt hat es gar ein Türke auf sich genommen, zii diesem traurigen Werke beizusteuem. Halil Bei, der frühere Wali der Stadt Adrianopel, fügt seinen Erklärungen über die Einnahme der Stadt, die er veröffentlichen läßt, nach Aufzählung der durch die Eroberer an den wehrlosen Muselmanen begangenen Greuel hinzu, die Juden der Stadt hätten an den Plünderungen islamischer Häuser teilgenommen. Diese Behauptung hat unter den Konstantinopeler Juden Entrüstung hervorgerufen und ist bereits durch jüdische Einwohner von Adriai.opel, die bei Einnahme der Stadt in ihr weilten, auf das allemachdrücklichste dementiert worden. In

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.