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Die Welt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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622 Nr. 20 DIE2§&ELT erhielten, wird nicht mehr Rechnung getragen, sondern den neuen, christlichsozialen Bundesgenossen — und an das Schulgebäude der Judenstadt wird das Kruzifix geheftet. Josef Unger Oesterreichs großer schöpferischer Jurist und bedeutender Staatsmann Dr. Josef Unger wurde als Jude geboren, im Stefansdome eingesegnet — und im jüdischen Familiengrabe bestattet. Der Täufling wollte auf dem jüdischen Friedhofe Wir sind weit entfernt, ob dieser letztwilligen Verfügung des einstigen österreichischen Sprechministers und nachmaligen Präsidenten des Reichsgerichtes sentimental zu werden und darin ein Versöhnendes zu erblicken, daß er seine Gebeine in die jüdische Gruft senken ließ. Ist doch diese testamentarische Anordnung leider ein Beweis dafür, daß er nicht aus Ueb erzeug u n g die Religion wechselte, denn sonst hätte er sich in katholisch geweihter Erde bestatten lassen müssen. Ein großer Gelehrter, der gegen sein jüdisches Volk engherzig und ungerecht war, ein hochstehender Geist, dessen sonst so weiter Gesichtskreis winzig zusammenschrumpfte, wenn er über das Judentum urteilte. Man denke: Ein Joseph Unger belegt aus der Mantzschen Gesetzesausgabe, daß es keine jüdische Nation gebe . . . Wir wollen aber gerecht sein und hervorheben, daß dieser Judenstämmling in einer Hinsicht unvergleichlich höher stand, als seine getauften und ungetansten assimilatorischen Epigonen. Er war ein alter Achtundvierziger und blieb zeitlebens den reaktionären Judenhassern gegenüber — wie traurig, daß man diese Selbstverständlichkeit als Lichtpunkt bezeichnen muß — ein schroffer, unbeugsamer Gegner. Er suchte ihren Machthabern nicht gefällig zu sein, wie die jüngere Generation der Siegharts und Neumanns, schmeichelte ihnen nicht, wie jene, die dem Bürgermeister Dr. Karl Lueger förmlich die Füße leckten und um seinen Erben Weißkirchner demütig herumscherwenzeln, und es sei vermerkt, daß die christlichsozialen Machthaber der Stadt Wien der pompösen Leichenfeier des berühmten Wieners fern bleiben mußten, als eines, der ihnen ein harter Feind blieb, auch als sie unumschränkte Herrscher geworden waren. Die Krise im Wiener Kultusvorstande beigelegt Wir meldeten, daß der Kultuspräsident Herr Dr. Stern wegen Annahme des oppositionellen Antrages auf Zulassung der allgemeinen jüdischen Konkurrenz bei Vergebung von Arbeiten die Demission gegeben In der letzten Sitzung des Kultusvorstandes erklärte Herr Dr. Stern, daß er mit Rücksicht auf das Ersuchen des Vertreterkollegiums und unter dem Eindrücke der Vertrauenskundgebung seitens der Majorität seine Demission, die er bereits formell überreicht hatte, zurückgezogen habe. Herr Dr. Stern tat klug daran, den Rückzug anzutreten, denn es wurde in der breitesten Oeffentlichkeit sehr mißfällig aufgenommen, daß er gegen die endliche Ausmerzung eines alten Uebels in der Gemeindeverwaltung derart intransigent und schroff auftrat. Wahlen in der Lemberger Kultusgemeinde (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Für Mitte Juni sind Neuwahlen in den Kultusrat der jüdischen Gemeinde in Lemberg ausgeschrieben. Der Lemberger Kultusrat ist die Hochburg des offiziellen Assimilantentums. Er verwaltet große Wohltätigkeitsstiftungen, nicht gering ist sein Einfluß auf dem Gebiete des Religionsunterrichts und der jüdischen Erziehung. Eine bewußt jüdische Leitung hätte die Möglichkeit, kulturell und wirtschaftlich Großes zu leisten. Schon auf Grund der bestehenden Gesetze könnte sich die Kultusgemeinde zu einer Körperschaft der jüdisch-kulturellen Autonomie umbilden. Ein Landes- oder Reichsbund der Kultusgemeinden wäre nach außen eine Macht, er müßte von der Regierung respektiert werden. Dies hat ja der ehemalige Ministerpräsident Freiherr von B i e n e r t h dem Sprecher des „jüdischen Reichsratsklubs“, Adolf Stand, seinerzeit selbst erklärt. Allein die Lemberger Kultusmachthaber haben die Organisationsbestrebungen hintertrieben und den klaren Willen aller anderen Kultusgemeinden Oesterreichs lahmgelegt. Seit Jahren kämpfen die Zionisten um Erlangung einer Vertretung im Kultusrate. Im Jahre 1904 stellte der sei. Abgeordnete Dr. Heinrich Gabel das zionistische Kultusprogramm fest. Besonders stark war der Wahlkampf in den Jahren 1904, 1907 und 1910. Die Wahlmaschine ist aber in den Händen der Assimilanten. Das Eindringen der Zionisten in den Kultusrat ist besonders durch das Dreiklassenwahlrecht erschwert. Die im Kultusamte herrschende Partei versteht es, den Abgang an Wählern durch entsprechende Konstruierung der Wählerlisten und sonstige Praktiken wettzumachen. Deswegen vermochten die Zionisten bis heute trotz starken Anhanges und großzügiger Agitation nicht über 35 °/o der abgegebenen Stimmen zu erlangen, ln den letzten Jahren zeigten sich allerdings auch im Lemberger Kultusrate Spuren des zionistischen Einflusses. Der „Toynbeehalle“ und dem Turnverein „E^ror“ wurden Subventionen gewährt, für den Baufonds der Gymnasiah Ibrith in Jerusalem wurden 1000 K. bewilligt. Nun hat der Kampf vom neuen begonnen. Samstag, am 26. April, wurde er mit einer massenhaft besuchten Volksversammlung im großen Saale „Tikwath-Zion“ eingeleitet. Die Versammlung wurde von Dr. Leon Reich mit einer Ansprache eröffnet. Es referierten die Gesinnungsgenossen Adolf Stand und Dr. Michael Ringel. Die Redner legten das zionistische Kultusprogramm dar und beleuchteten das bisherige Wirken der Assimilanten in der Kultusgemeinde. Der Kampf ist von Bedeutung für das ganze Land. Hoffen, wir, daß es unseren Freunden diesmal gelingen wird, einen vollgültigen Erfolg zu erzielen. Ein jüdischer Staatssekretär in Ungarn (Von unserem Berichterstatter.) Budapest. Die Nummer des Amtsblattes vom 11. d. M. veröffentlicht die Ernennung des Reichstagsabgeordneten Dr. Leopold Vad äsz zum politischen Staatssekretär im Justizministerium. Es ist dies der zweite Fall seit der Wiederherstellung der ungarischen Verfassung, daß eine leitende politische Stellung mit einem Juden besetzt wird. Im Jahre 1875 bekleidete bekanntlich eine kurze Zeit Eduard Horn, ein ehemaliger Reformrabbiner, das Amt eines Staatssekretärs im Handelsministerium. Seither erhielten nur Täuflinge Ministerportefeuilles und Staatssekretariate. Optimisten glauben in dieser Ernennung den Anbruch einer neuen liberalen Aera erblicken zu können. Allein die Ernennung bedeutet nicht einen Erfolg für den Liberalismus, sondern für den eigentlichen Machthaber im Lande, den Präsidenten des Abgeordnetenhauses Grafen Stephan T i s z a, der alle freigewordenen Staatsposten mit seinen Getreuen zu besetzen sucht. Zu diesen gehört Staatssekretär Dr. Vadäsz, der jetzt im zweiundfünfzigsten Lebensjahre steht und in K i s v ä r d a ein vielbeschäftigter Rechtsanwalt war. In jüdischen Angelegenheiten trat er niemals hervor. Die politische Arena betrat er auch erst vor drei Jahren, als ihn sein Geburtsort in den Reichstag entsandte. Hier sprach er auch nur ein einziges Mal: er war es, der den vom Grafen Stephan Tisza geforderten Antrag zur Revision der Hausordnung unterbreitete und begründete. Die verschärfte Hausordnung wird im politischen Leben seither Lex Vadäsz genannt. Falls seine Ernennung aber tatsächlich einen Erfolg des liberalen Gedankens bedeutet, wird der neue Staatssekretär

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