Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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LT Nr. 20 : DIEJ&E 620 o![□□□□□□ WELTCHRONIK □ □□OOP II Ritualmordhetze in Deutschland In zwei preußischen Städten kam es in jüngster Zeit anläßlich des Verschwindens christlicher Mädchen zu ernsten Unruhen gegen die jüdische Bevölkerung, so daß sich die Behörden gezwungen sahen, in amtlichen Bekanntmachungen vor der Verbreitung aufreizender Gerüchte gegen die Juden nachdrücklich zu warnen. In Landsberg a. d. Warthe ist am 10. April das Dienstmädchen Berta W o 1 f f, in Stellung bei dem dortigen Justizrat L., verschwunden, und am 30. April als Leiche aus der Warthe gezogen worden. An das Verschwinden des Dienstmädchens hatten sich in der dortigen Bevölkerung Gerüchte geknüpft, die schließlich zu Belästigungen der jüdischen Einwohnerschaft geführt haben. Infolgedessen soll sich die jüdische Einwohnerschaft an die dortige Polizeibehörde gewandt haben, die daraufhin in der Nr. 103 des dortigen „Generalanzeigers“ nachstehende Bekanntmachung erließ: Ueber die Todesursache des am 10. April verschwundenen und am 30. April als Leiche aus der Warthe gelandeten Dienstmädchens Berta Wolff sind in einem Teile der Bürgerschaft falsche Gerüchte verbreitet. Auf Grund der von den Herren Königlichen Kreisärzten in Landsberg (Warthe) und Friedeberg Nm. im Aufträge des Gerichts vorgenommenen Leichenöffnung stellen wir fest, daß die Schuld einer fremden Person an dem Tode der Wolff ausscheidet. Mit dem körperlichen Befunde stimmen auch unsere sonstigen eingehenden Ermittelungen überein. Wir warnen daher nachdrücklich vor der Verbreitung von Gerüchten, durch die angesehene Bürger der Stadt schwer beleidigt werden und erklären, daß wir von Amts wegen mit allen Mitteln des Gesetzes gegen die Verbreiter einschreiten werden. Landsberg (Warthe), den 8. Mai 1913. Die Polizei- Ve r w a 11 u n g. Der zweite Fall ereignete sich in Lobsens bei Bromberg. Dort war am Abend des 31. März d. J. das sechsjährige Töchterchen des polnischen Arbeiters K a d o r spurlos verschwunden, nachdem es noch kurz vorher am Karussell gesehen worden war. Man wollte beobachtet haben, wie ein Mann von jüdischem Aeußem das Kind mehrmals Karussell fahren ließ. Dann habe er gesagt, wenn es nochmals fahren wolle, müsse es erst mit ihm nach einem benachbarten Gartenlokal gehen, wo er Geld wechseln wolle. Das Mädchen ging mit und ist seitdem nicht wieder gesehen worden. Am 20. April nun fanden zwei Arbeiter unweit der Chaussee bei Lobsens die Leiche des Kindes mit dem Kopf nach unten in einem Torfloch. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde durch das Städtchen, und in wenigen Minuten war eine gewaltige Menschenmenge am Fundort der Leiche versammelt, so daß der Platz abgesperrt werden mußte. Bei der gerichtlichen Leichenschau wurden keinerlei Verletzungen wahrgenommen, die auf ein Verbrechen schließen ließen. Trotzdem verdächtigte ein Teil der fanatischen Bevölkerung die Juden, s o daß es am 2. und 3. Mai zu Kundgebungen kam, bei denen mehreren jüdischen Bürgern die Fenster eingeworfen wurden und sogar der Bürgermeister mit Steinen bedroht wurde. Ferner wurden die Häuser von vier jüdischen Einwohnern mit Blut bespritzt. Ein herbeigeholter Polizeihund vermochte weder in bezug auf den Tod des Kindes, noch hinsichtlich der Bespritzung der Häuser eine Spur aufzunehmen. Die Erregung gegen die Juden wuchs immer mehr, und immer lauter wurde behauptet, daß hier ein Ritualmord vorliege. Die polnische Presse begünstigte diese unsinnigen Gerüchte und behauptete, die Leiche sei bei ihrer Auffindung noch ganz frisch gewesen und könne höchstens zwei Tage im Wasser gelegen haben. Außerdem habe sie eine Schnittwunde am Halse gehabt und die Hände seien verbrüht gewesen. Zur Beruhigung der Bevölkerung hat nunmehr der zuständige Erste Staatsanwalt beim Landgericht Schneidemühl in der „Ostdeutschen Rundschau“ folgende amtliche Aufklärung gegeben: „Die Untersuchung der im Torfloch bei Lobsens aufgefundenen Leiche der sechsjährigen Agnes Kador hat unzweifelhaft ergeben, daß die Leiche längere Zeit, mindestens mehrere Wochen, im Wasser gelegen hat, also sehr wohl schon seit dem Tage des Verschwindens des Kindes, daß sie ferner keinerlei irgendwie in Betracht kommende Verletzungen aufwies, die eine Blutentziehung überhaupt nur zugelassen haben könnten, insbesondere keinerleiSchnittwunden am Halse. Auch von einer Verbrühung der Hände kann keine Rede sein. Dahingehende Gerüchte sind völlig haltlos und entbehren jeder tatsächlichen Unterlage. Die ganz geringfügigen und oberflächlichen kleinen Hautverletzungen im Gesicht der Leiche sind ohne weiteres dadurch zu erklären, daß das Kind beim Sturz ins Wasser vom harten Schilfrohr leicht gekratzt worden sein kann, sind jedenfalls für die Todesursache ohne jede Bedeutung. Die Möglichkeit der Annahme eines Ritualmordes wird durch den Leichenfund jedenfalls völlig zweifelsfrei widerleg t.“ Delegierten Versammlung des Verbandes jüdischer Jugendvereine (Von unserem Berichterstatter.) Frankfurt a. M. Die Tagung des Verbandes jüdischer Jugendvereine wurde eröffnet durch eine Begrüßungsfeier am Sonntag, den 11. Mai, abends. Außer den Vertretern sämtlicher größeren jüdischen Organisationen Deutschlands waren zur Begrüßung erschienen einige Frankfurter jüdische Vereine, Vertreter der Stadt, der jüdischen Gemeinde, einiger konfessioneller und interkonfessioneller Jugendvereine und ein Vertreter der französischen jüdischen Jugendvereine. Herr Rabbiner Dr. Wern er-München hielt die Festrede über „Die Lehre des Judentums ein Segen für die jüdische Jugend“. Die Montagsitzung dauerte mit einstündiger Unterbrechung von 10 Uhr morgens bis i/29 Uhr abends. Frl. Kora Berliner erstattete den Geschäftsbericht. Von 25 Vereinen mit 300 Mitgliedern vor 4 Jahren sei der Verband gewachsen auf 113 Vereine mit 14 500 Mitgliedern, worunter 11000 aktive seien. Für die künftige Arbeit schlägt sie drei Punkte vor: Die Körperpflege systematisch durchzuführen, staatsbürgerliche Erziehung zum Kampf um die Gleichberechtigung und größere Ausbreitung der Organisation auf Frauen und Landgemeinden. Auf Antrag des Vorsitzenden Herrn Dr. Apfel findet zuerst die Debatte über die zionistischen Anträge Kiel und Berlin statt. Herr Goldschmidt- Kiel begründet den Antrag auf Eliminierung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens aus dem Vorstand. Er kritisiert zuerst das Verhalten des Vorsitzenden Dr. Apfel in dieser Angelegenheit. Zuerst habe dieser den übrigen Vereinen, die denselben Antrag gestellt hätten, mitgeteilt, daß der Antrag schon vorliege, dann aber versucht, Kiel umzustimmen, um so den ganzen Antrag unter den Tisch fallen zu lassen. Zum Antrag selbst führt der Redner aus: Als nicht mehr neutraler Verein dürfe der Zentralverein keinen Sitz mehr im Vorstand eines neutralen Verbandes