Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-05-16 · 20 (16.5.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
20 (16.5.1913)
Date
1913-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
100% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316594--57435-3375895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 20 619 Vorschlag gemacht hat, sondern statt dessen in einer Volksversammlung allgemeine Vorwürfe erhebt, deren öffentliche Widerlegung kaum angängig ist. Soll sich das E. A. C. mit Herrn Cowen coram publico darüber streiten, ob ein politischer Moment versäumt wurde oder nicht? Alles geht im Geheimen vor sich — sagt Herr Cowen. Gewiß, ernste politische Arbeit wird nicht auf der Gasse gemacht. Man muß freilich ein Urteil darüber haben, was öffentlich gesagt werden kann und was vertraulich behandelt werden muß. Herrn Cowen scheint diese Urteilskraft zu fehlen, da er in einer öffentlichen Versammlung zu erklären wagt, wir sollten unser Ziel nicht durch Mittel zu erreichen suchen, die das Tageslicht scheuen. Ein solcher Ausspruch zeugt von einer Leichtfertigkeit, die das strengste Urteil verdient, besonders, wenn ein sogenannter Führer, ein Direktor unserer zionistischen Bank, sie begeht. Herrn Cowen schweben offenbar aus der ersten Zeit des Zionismus gewisse Herzische Grundsätze vor, und er sucht diese — obwohl ihr Sinn ihm fremd geblieben ist — gegen die jetzige Leitung auszuspielen. Es war allerdings ein Herzlicher Grundsatz, daß die zionistische Organisation in vollster Oeffentlichkeit handeln müsse. Dieser Grundsatz ist vollständig richtig und wird auch von der jetzigen Leitung geteilt. Unser palästinensisches Programm ist der ganzen Welt bekannt und die Leitung tut alles, was ihr möglich ist, um diese Kenntnis bei Hoch und Niedrig, in den Ministerien und in der Oeffentlichkeit zu verbreiten, unter ständigem Hinweis auf das, was in Palästina unsererseits getan ist und getan werden soll. Diese Aufklärungsarbeit ist nötig, denn wir brauchen die Sympathien weiter Kreise, wir müssen überall Klarheit über unsere Absichten schaffen, damit uns nicht aus Mißverständnissen Schwierigkeiten erwachsen. Es ist also unwahr, es ist eine ganz gewissenlose und törichte Behauptung, wenn Herr Cowen seinen Zuhörern erzählt, die Leitung umgebe unsere Absichten miteiner Heimlichkeit, die dem von Herzl vertretenen Prinzip der vollsten Oeffentlichkeit widerspreche. Etwas ganz anderes, etwas völlig davon verschiedenes ist die Frage, ob Einzelheiten der politischen Tätigkeit selbst veröffentlicht werden sollen. Das Prinzip der Publizität bezieht sich auf unsere Ziele und unsere Arbeiten in Palästina — es bezieht sich selbstverständlich nicht auf die zahllosen Bemühungen politischer Natur, die wir im Interesse unserer Tätigkeit unternehmen müssen. Unsere Leitung ist nicht so töricht oder so eitel, Unterredungen mit Politikern, mit Botschaftern und Ministern, wie sie im Verlaufe der letzten I1/2 Jahre vielfach stattgefunden haben, in alle Welt hinauszuposaunen. Das könnte uns freilich Sympathien rauben und hat nicht den geringsten Wert. Geradezu grotesk ist die Darstellung des Herrn Cowen über das Verhältnis der zionistischen Bewegung zu England. Nach seiner Erzählung muß man annehmen, die jetzige Leitung sei daran schuld, daß der Zionismus in England vielfach als eine im deutschen Solde stehende Bewegung betrachtet wird. Die Wahrheit ist leider, daß zu der Zeit, als die jetzige Leitung an die Spitze der Organisation trat, alle Beziehungen zu den maßgebenden englischen Kreisen fehlten und daß gerade diese Leitung sogleich mit großem Eifer daran ging, solche Beziehungen herzustellen. Dies ist in gewissem Grade gelungen, aber es wäre nicht zu billigen, wenn unsere Leitung hierüber in Volksversammlungen Bericht erstatten würde. Herr Cowen sagt, der englische Argwohn sei nach dem letzten Kongreß noch verschärft worden. Und warum? Weil die Leitung von Köln nach Berlin verlegt wurde und weil der nächste Kongreß in Wien stattfinden soll! Ja, in allen Ländern zugleich kann die Bewegung leider nicht zentralisiert sein! Irgendwo muß sie ihr Zentrum haben, und dieses irgendwo muß sich — nicht aus politischen, sondern aus innerjüdischen Gründen, die mit der Verteilung der Juden Zusammenhängen — vorläufig auf dem europäischen Kontinent befinden, und zwar nicht allzusehr abseits von dem Wohnort der jüdischen Massen. Es gibt jedoch ein sehr einfaches Mittel, den Verdacht zu beseitigen, als diene der Zionismus derjenigen Macht, in deren Hauptstadt sich die Zentrale befindet: Es brauchen nur die verschiedenen Landesorganisationen an Zahl und Einfluß so stark zu werden, daß sie als wichtiger und einflußreicher Teil der Organisation erscheinen. Hätte die English Zionist Federation dies vermocht, so wären die von Herrn Cowen beklagten Mißverständnisse nicht aufgetaucht. In jedem Fall ist es lächerlich, der jetzigen Leitung an diesen Mißverständnissen irgend welche Schuld beizumessen, denn in früheren Jahren befand sich die Zentrale in Köln und in Wien, und das englische Mißtrauen bestand schon lange, bevor die Leitung nach Berlin übersiedelte. Daß wir uns gerade jetzt politische Gelegenheiten haben entgehen lassen, die nicht wiederkehren werden — diese Behauptung des Herrn Cowen gehört nun einmal zum eisernen Bestände einer gewissen kleinen Gruppe im Zionismus, deren politisches Verständnis sich weniger in sachlichen Vorschlägen, als vielmehr in allgemeinen pathetischen Deklamationen zu äußern pflegt. Wir müssen es ablehnen, dieses Argument im einzelnen zu widerlegen. Herr Cowen müßte wissen, daß die Leitung seit ihrem Amtsantritt auf politischem Gebiet vieles getan und sich bemüht hat, die politische Situation nach Kräften auszunutzen. Er müßte auch wissen, daß nach mancher Richtung gewisse Erfolge erzielt worden sind, die wir selbst nicht überschätzen, deren Bedeutung aber nicht dadurch gemindert wird, daß Herr Cowen sie nicht richtig zu bewerten versteht. Die „versäumten Gelegenheiten“ hochpolitischer Natur existieren wohl mehr in der Phantasie oder in den — öffentlichen Reden des Herrn Cowen, als in der Wirklichkeit. Was Herr Cowen von den Beamten der Organisation sagt, bedarf kaum der Erörterung. Die Mitglieder des großen A. C. wie überhaupt die mit den inneren Verhältnissen der Organisation vertrauten Zionisten wissen, daß die politische Tätigkeit des E. A. C. in der Hauptsache von Dr. Jacobson und Herrn Sokolow geleistet und geleitet wird. Sie wissen auch, daß die Beamten und die Redaktion der „Welt" in allen Angelegenheiten von einiger Wichtigkeit nur mit Zustimmung des E. A. C. handeln. Sie wissen ferner, daß die Uebereinstimmung zwischen dem E. A. C. und den höheren Beamten bisher nie gestört worden ist, weil nämlich die Beamten mit dem E. A. C. nicht durch Kontrakte, sondern durch Uebereinstimmung in den Ansichten über alle prinzipiellen Fragen der Bewegung verbunden sind. Was schließlich die Behauptung anlangt, der nächste Kongreß sei nach Wien einberufen worden, damit die jetzige Leitung am Ruder bleibt, so bemerken wir nur, daß dieser Beschluß fast einstimmig von der Jahreskonferenz gefaßt wurde, für die ganz andere Motive maßgebend waren, als Herr Cowen annimmt. Doch halten wir es der Würde des A. C. nicht für entsprechend, auf einen solchen Vorwurf des näheren einzugehen. Die Rede des Herrn Cowen ist lehrreich. Sie zeigt, mit welchen Mitteln manche Leute gegen die Leitung arbeiten, sie zeigt, auf welche Weise in der Masse der Nichtinformierten Irrtümer erweckt werden. Aber solche Reden haben auch ihr Gutes: Sie zwingen zu gelegentlichen Repliken, sie regen das Urteil der Menge an, die sich zwar kurze Zeit betören läßt, schließlich aber doch zu erkennen pflegt, auf welcher Seite ehrliches Bemühen, auf welcher die hohle Phrase zu finden ist. R- L-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.