Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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618 Nr. 20 [>IE3§KELT die für ihre Tätigkeit gar keine Verantwortung trägt. So stellt sich der Kongreß die Leitung der Geschäfte nicht vor. Aber neben diesem mehr formalen Grunde gab es noch einen wichtigeren, sachlichen Grund, das „politische Komitee“ abzulehnen. Die gegenwärtige Leitung hat sehr bestimmte Anschauungen über die Politik unserer Organisation. Sie hat in den erregten Zeiten, die hinter uns liegen, wiederholt das große Actions-Comite einberufen und diesem in ausführlichster Weise entwickelt, nach welchen Grundsätzen die politische Arbeit zu betreiben sei, was im einzelnen geschehen solle und welche Schritte getan seien. Das G. A. C. hat sich wiederholt in stundenlangen Beratungen mit diesen Mitteilungen beschäftigt und hat dann stets mit ganz überwiegender Majorität — in der letzten Sitzung sogar einstimmig — die politischen Grundsätze und Maßnahmen des E. A. C. gutgeheißen. Hier, in diesen Sitzungen, wäre für eine sachliche, positive Kritik der richtige Platz gewesen. Aber auch nicht ein einziger konkreter Gegenvorschlag wurde gemacht. Stets hieß es nur: Euere Politik taugt nichts, setzt ein politisches Komitee ein. Nicht der Schatten einer Begründung wurde angeführt, niemals wurde gesagt, warum die Politik des E. A. C. falsch sei und welche Wege man gehen Wir würden über diese Vorgänge geschwiegen haben, wenn nicht die Opposition damit begonnen hätte, ihre völlig unsachliche, nicht auf Gründen, sondern auf Mißtrauen und Uebelwollen beruhende Kritik nunmehr auch in die Oeffentlichkeit zu tragen. Kürzlich hat Herr Dr. Marmorek in einer Versammlung in Paris die Politik der Leitung in den bekannten allgemeinen Wendungen angegriffen, und am 19. April hat Herr Joseph Cowen, Mitglied des Direktoriums des Jewish Colonial Trust, in einer öffentlichen Versammlung in London eine Rede gehalten, die näherer Betrachtung wert ist. Nach dem „Jewish Chronicle“, dessen Darstellung Herr Cowen bestätigt hat, führte er etwa folgendes aus: „Es sei bedauerlich, daß gewisse Leute eine bestimmte Seite unseres nationalen Ideals in den Vordergrund schieben, um eine andere in den Schatten zu stellen. Herr Cowen klagte ferner über die Heimlichkeit, mit welcher ein Teil der Arbeit der jetzigen Führer umgeben wird. Wir Juden wurden lange beschuldigt, daß wir im Geheimen arbeiteten, und das war ein Lieblingsvorwurf der Antisemiten. Wir sind so viele tausend Jahre in Unfreiheit gehalten worden, und da konnten wir noch ein paar Jahre länger in Unfreiheit verweilen, als daß wir unser Ziel durch Mittel erreichen, die nicht die besten sind, und die das Tageslicht scheuen müssen. Dr. Herzl hat auf rein nationaler Basis gearbeitet und viel erreicht, aber jetzt scheinen die Methoden weniger weitsichtiger jüdischer Politiker die Oberhand zu gewinnen. Diese Leute vergessen, daß man auf Erfolg nur hoffen kann durch Erhaltung der Bewegung auf nationaler Basis. Die Kenntnis der Tatsache, daß Dr. Herzl's Ideale für den Augenblick nicht die Beachtung finden, die sie verdienen, wird den wahren Zionisten nicht schwankend machen. Aber einmal geht die Geduld zu Ende, und jetzt ist es nahe daran. Politische Zionisten hätten niemals praktische Arbeit in Palästina von ihrem Programm ausgeschlossen. So viel er wisse, hätte die wirklich praktische Arbeit in Palästina hauptsächlich zu Herzl's Zeit begonnen. Jetzt sei es wünschenswert, daß wirklich praktische Arbeit getan würde, aber er glaube nicht, daß solche Arbeit durch Institutionen, sondern durch Individuen ausgeführt werden könne, die ihre Körper- und Geisteskräfte der Arbeit widmen. Weiterhin erklärte Mr. Cowen, daß er äußerst unzufrieden sei mit der Art, in der die politische Arbeit augenblicklich betrieben wird. Alles ginge im Geheimen vor sich mit dem Resultat, daß, während die Bewegung zu Herzl's Zeiten allgemeiner Sympathie begegnete, man ihr jetzt Argwohn und Mißtrauen entgegenbrächte. In England und anderen Ländern werde der Zionismus in gewissen Kreisen als ein Werkzeug Deutschlands betrachtet; eine dümmere und boshaftere Erfindung ist niemals gemacht worden. Aber dies wäre das Resultat des von den Leitern gedankenlos und nachlässig betriebenen Werkes. Der durch die zionistische Bewegung erweckte Argwohn wurde noch verschärft — z. B. bei dem letzten Kongreß, als bestimmt wurde, das Zentralbureau nach Berlin zu verlegen, und weiter durch die Bestimmung, daß der nächste Kongreß in Wien stattfinden solle. Man kann wohl fragen: wer leitet die Bewegung augenblicklich? Es sei sehr beunruhigend, zu denken, daß die gesamte Administration in der Hauptsache bezahlten Beamten, Sekretären und Untersekretären überlassen sei. Dies wären die Leute, welche jetzt den Zionismus kontrollierten. Wie behandelten sie Dr. Nordaus Brief, welcher in der Londoner „Times“ erschien? Die „Welt“, das offizielle Organ der Bewegung, welches jetzt zu einem Parteiorgan geworden ist, kürzte den gesamten Brief auf zwei Absätze! Die Gegner von Dr. Herzl pflegten ihn wegen der Heimlichkeit seiner Arbeit zu tadeln, aber diese war nicht zu vergleichen mit dem Mysterium, welches die Verhandlungen der jetzigen Leiter umgibt. Die praktischen Zionisten verlangten, daß der Sitz der Leitung in einer Stadt — in Berlin — sei. Jedoch drei der Mitglieder waren für gewöhnlich von Berlin abwesend, sie waren nicht einmal dort in der Zeit großer Vorgänge in der politischen Welt. Die gegenwärtigen Leiter haben eine der Bewegung gefährliche Situation geschaffen. Während der letzten Monate war es nicht nur die europäische Türkei, sondern auch die Türkei in Asien, mit welcher sich die Mächte beschäftigten. Die Zionisten haben sich Gelegenheiten entgehen lassen, welche wahrscheinlich nie wiederkehren werden, und die jetzigen Leiter, oder die Privatsekretäre, welche die Kontrolle über die Bewegung eigentlich ausüben, haben es versäumt, zu handeln. Die Leiter hatten jedoch zwischen den russischen, österreichischen und deutschen Zionisten ein Abkommen getroffen, Wien, eine äußerst antisemitische Stadt, für den Kongreß zu bestimmen, um sich die Kontrolle über die Bewegung für eine weitere Reihe von Jahren zu sichern.“ Wir wissen leider nicht, was Herr Cowen eigentlich gemeint hat, als er die Behauptung aufstellte, die heute im Zionismus herrschende Richtung habe die „nationale Basis“ verlassen. Es gibt Leute, die der Ansicht sind, der Zionismus sei innerlich immer „nationaler“ geworden, er habe die in den ersten Jahren der Bewegung hie und da hervortretende Neigung zu einer mehr philanthropischen Betrachtung der Judenfrage endgültig überwunden. Kenner derjenigen Landesorganisationen, die sich — im Gegensatz zu der fast völlig verschwundener. English Zionist Federation — in gesunder Entwicklung befinden, wissen ganz genau, daß der Zionismus im wahrsten Sinne immer „nationaler“ geworden ist, und die jetzige Leitung darf sich wohl gerade hinsichtlich des Verständnisses für das Wesen unserer nationalen Sache mit den früheren Leitungen messen. Herr Cowen äußert seine lebhafte Unzufriedenheit mit der von unserer Leitung befolgten Politik. Das ist an sich sein gutes Recht, aber es ist merkwürdig, daß Herr Cowen, dem als Direktor des I.C.T. die Protokolle des Engeren Actions - Comites zugänglich sind, der Leitung niemals einen von ihrer Politik abweichende n