Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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596 Nr. 19 diesq< der für die sprachliche Evolution unermüdlich gearbeitet hat, des Schriftstellers Ben-Jahuda in Jerusalem. In den zahlreichen Kindergärten wird nur Hebräisch gesprochen." Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen vertritt nun Prof. Hartmann allerdings merkwürdigerweise den Standpunkt, daß als Unterrichtssprache des Technikums in allen Fächern nur das Deutsche in Betracht käme. Er meint dann ferner: „Wenn man gesagt hat: Von Belgrad bis Bagdad sind die Juden eine Brücke für deutsche Sprache und deutsche Kultur, so ist das vielleicht ein etwas kühner Wechsel auf die Zukunft. Aber die große jüdische Bewegung, die auf Palästina gerichtet ist, wird sehr wohl Material schaffen können, um diesen Gedanken zu verwirklichen . . . Wir dürfen das Vertrauen zu den leitenden Männern Deutschlands haben, daß sie neben den jüdisch-nationalen Bestrebungen, die für sie bei dem Werke in Palästina in erster Linie stehen müssen, die deutsche Sache gern fördern werden." Der „Secolo“, das bekannte in Mailand erscheinende demokratische Blatt, veröffentlicht unter dem Titel „Italien und der Zionismus" einen Artikel über die zionistische Bewegung. Der Artikel — der anscheinend von christlicher Feder stammt — ist voll warmer Sympathie für unsere Sache und hebt besonders den Anteil der italienischen Juden an der zionistischen Bewegung hervor. Der Artikelschreiber entwirft ein anziehendes Bild von der Persönlichkeit und dem Wirken unseres verewigten Führers H e r z 1. Besonders über Herzls Italienreisen wird ausführlich gesprochen und ein von ihm an die italienischen Juden gerichteter Appell wird wörtlich wiedergegeben. Der Artikelschreiber schildert hierauf die jüdischen Einwanderer, von denen er viele im Hafen von Triest kennen gelernt hat. Ihre Leiden in Rußland und ihre Hoffnungen in Palästina werden trefflich dargestellt. „Diese palästinensischen Kolonien," fährt der Verfasser fort, „die heute eine nur geringe Bedeutung haben, werden gewiß in Zukunft in einem nicht gleichgültigen Maß auf das Gleichgewicht im Mittelmeer einwirken — durch den Handelseinfluß, den die Mächte dort ausüben werden . . . Italien wird nie — wegen der geringen Zahl seiner jüdischen Bevölkerung und wegen der Lage und Gefühle dieser Bevölkerung — einen Koeffizient von jüdischen Einwanderern geben können, aber indem es an dem Zionismus Interesse nehmen und ihm seine Unterstützung gewähren wird, wird es vermeiden können, daß seine künftige Lage im Mittelmeer einen Wechsel leidet. Die Juden Italiens, die die zionistische Bewegung unterstützen werden, würden nicht nur ein humanitäres Werk fördern, sondern gleichzeitig ihrem Vaterlande dienen. Und auch ohne an materiellen Nutzen zu denken, wird es immer schön für uns sein, die wir das Joch fremder Knechtschaft erfahren haben, einem tausendjährigen Volke Hilfe zu geben, das sich erlösen und ... seine alte Heimat unter dem Schutze der Mächte auf der Nationalität- und demokratischen Basis rekonstituieren will.“ Die neue (im Verlag B. A. Kletzkin in Wilna) erscheinende Monatsschrift „Die jüdische Welt" wird immer mehr der Sammel- und Treffpunkt für die „jiddischen" Schriftsteller. Es ist ja nicht der erste Versuch, eine gediegene literarische Revue in der Volkssprache zu schaffen. Wir möchten an die leider zu früh eingegangene „Literarische Monatsschrift" erinnern, die vornehm gehalten und gut redigiert war. Aber die bisherigen Zeitschriften waren mehr für Amateure als für die breiten Leserkreise bestimmt. Nun ist das Bedürfnis herangereift, auch dem einfachen Leser gute Literatur zu bieten. Die Voraussetzung ist somit — populärer Stil und Vielseitigkeit. Und dies ist auch das Programm der neuen Monatsschrift. Das letzte Heft der Revue ist ziemlich reichhaltig und interessant. Vor allem aber aktuell. So wird -dort z. B. das hochaktuelle Thema der jüdischen Erziehung, die Cheder-Frage, die im Vordergründe der russisch-jüdischen Oeffentlichkeit steht, zur Diskussion gestellt. Das Problem läßt sich folgendermaßen formulieren: Soll das „Chederwesen" gänzlich aufhören, soll an die Stelle des „Cheders" die Volksschule nach europäischem Muster treten, aber eine jüdische, nationale, wo Judentum und Allgemeinheit in eins verschmolzen werden, oder soll das Chedersystem bloß reformiert werden? D. h. soll die Volksschule dem jüdischen Kinde alles bieten, was eine Schule überhaupt geben kann oder soll wiederum das jüdische Kind zwischen zwei Kulturwelten gestellt werden — zwischen die altjüdische und die moderne? Es ist somit die Frage des Glaubens an die Kulturmöglichkeiten unseres Volkes in der Diaspora. Die Optimisten sind für die Volksschule, die Zweifler — für das Cheder. Wir behalten uns vor, bei der nächsten Gelegenheit auf dieses wichtige Problem zurückzukommen und unseren Standpunkt klarzulegen. Indessen aber verweisen wir auf die sehr interessanten Ausführungen des Herrn Ailoni in dem von uns besprochenen Hefte der „Jüd. Welt". — Ueber den ökonomischen Antisemitismus in Galizien schreibt Herr B. R u b s t e i n. Er plädiert für die Schaffung einer jüdischen wirtschaftlichen Abwehrorganisation. Ob dieses Mittel seinen Zweck erreichen wird? Das ist ja eben das Tragische des osteuropäischen Judentums, daß es wirtschaftlich ruiniert wird, und zwar gerade weil Osteuropa, d. h. die slawischen Völker, zu neuem, selbsttätigem Leben erwachen. — Aus der Fülle der belletristischen Beiträge heben wir die noch unvollendete geistreiche Komödie Nombergs: „Die Familie" hervor, auf die wir noch näher eingehen werden, und die feine, stimmungsvolle Palästinaskizze Onojchis: „Unser Land". Starkes Naturempfinden, tiefes Verständnis für das Einfache, Alltägliche, Primitive des Palästinalebens, für die Poesie dieses Sonnenlandes, für die mystische Schönheit der alten Scholle, der Hügel, des Himmels „unseres Landes, Erez Israel". „Eingehüllt in wilde Morgenlandträume des Nachts, übergossen von blendend-weißem ringendem Sonnenlicht des Tages, wie am Ufer einer phantastischen Vision, eingebettet zwischen Bergen und Tälern, liegt im Lande Judäa das kleine jüdische Dorf Nachion" ... So beginnt die Erzählung und führt uns gleich in die wundersame palästinensische Stimmungswelt ein. Diese Erzählung ist ein weiterer Beweis des Könnens und des dichterischen Vermögens Onojchis . . . Das „Echo Sioniste“ eröffnet seine 4. (April-) Nummer mit einem klaren und gleichzeitig temperamentvollen Aufsatze von Dr. R a s k i n e über „U nsere nationale Sprach e". der mit einem Appell an die Pariser zionistischen Vereine schließt, der Pflege der hebräischen Sprache endlich einige Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die diesmalige Chronik Dr. Jacobsons beschäftigt sich anläßlich des Jubiläums der Romanoffs mit der Entwicklung der Judenfrage in Rußland in den letzten 300 Jahren. Das gleiche Thema von seiner aktuellen Seite aus behandelt ein „Brief aus Rußland". Die Nummer bringt ferner ein schönes Gedicht „Moses und Bithia“ des begabten Dichters Edmond F 1 e g, dessen jüdische Schöpfungen durch das „Echo Sioniste" zuerst den Weg in die Oeffentlichkeit gefunden haben und seitdem auch in weiteren Kreisen großer Anerkennung begegnet sind. A. S p i r e beginnt eine Biographie James Darmesteters, 1 b r i schreibt über das aktuelle Thema „Um eine Grenzberichtigung", Rabbiner Liber über „Zadoc Kahn und der Zionismus". Die sehr reichhaltige Nummer widmet noch kürzere Artikel dem „Dispensär Zadoc-Kahn", dem schönen Erfolge Alvina A1 v i s in dem jüdischen Musikabend und der „Union Scolaire", in welcher neulich ein Rabbiner die vollendete Assimilation der französischen Juden, proklamierte, die ihre tiefere Ursache in der vollendeten Gleichartigkeit zwischen dem jüdischen und dem französischen Charakter fände, wie dies der „Geistliche" an geistreichen Parallelen wie — „Deborah und Jeanne d’Arc“ nachwies. Bemerkenswert sind noch die Betrachtungen, die