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Die Welt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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594 Nr. 19 Die Judenfrage im Lichte deutscher Wirtschaftsprobleme Von Heinrich Margulies -Berlin. Die Art, gegenwärtige Strömungen, lediglich weil sie „erst" gegenwärtig sind, als vorübergehend zu betrachten, als Erscheinungen, die sich bei einigem guten Willen leicht aus der Welt schaffen lassen würden, die Art, in leichtfertig optimistischer Weise jeglicher Ueberprüfung und Untersuchung der diese Strömungen verursachenden und beherrschenden Gesetze aus dem Wege zu gehen, war von jeher Methode der assimilatorischen Denkweise, und wir werden billig nicht verwundert sein, wenn wir hören, daß der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens neuerdings zu seinen lamentablen Beschwerden über Zurücksetzung der Juden in Staat, Heer und Gesellschaft auch flammende Proteste gesellt ob ihres fortschreitenden Ausschlusses aus Industrie und Handel. Wie verblendet diese Art der Betrachtung ist, geht beiläufig aus folgender Anekdote hervor: Vor etwa drei Jahren bereits machte in der Diskussion einer Berliner Zentralvereinsversammlung ein Mitglied den Vorschlag, der Zentralverein möge darauf hinwirken, daß Institute wie die Deutsche Bank, die allenfalls noch im Direktorium und auch da nur getaufte Juden duldet, von jüdischer Seite boykottiert würden. Und unter verlegenem Stillschweigen des Vorstandstisches wies ein Zionist darauf hin, daß ein Direktor dieser Bank, Herr Mankiewicz, führendes Mitglied des Zentralvereins sei! — Wir sind weit entfernt, Herrn Mankiewicz etwa der Doppelseitigkeit beschuldigen zu wollen; um so weniger, als uns zufällig bekannt ist, daß gerade er es an gutem Willen nicht fehlen läßt. Aber um so charakteristischer ist diese Anekdote, die lediglich demonstrieren sollte, daß hier die Dinge ungemein schwerer liegen, als der Zentralverein sich träumen läßt. Seine Hoffnung, daß sich bei einigem guten Willen solche Dinge vermeiden lassen würden, ist haltlos. Wenn sämtliche Juden aller Banken auch den ehrlichsten Willen und die größte Tatkraft besäßen, sie würden die Sachlage nicht ändern können, weil es sich hier nicht um persönlichen, sondern um sachlichen Antisemitismus handelt, und während man Personen bekämpfen kann, ist man den Gesetzen des Wirtschaftslebens gegenüber machtlos. Daß es sich hier aber keineswegs um Neigungen oder Abneigungen einzelner Personen handeln kann, ist wiederum in der Entwicklung des Wirtschaftslebens bedingt und wird aus der Tatsache deutlich, daß die modernen Wirtschaftsprinzipien unter anderem derartig auf eine Versachlichung des Wirtschaftslebens hinzielen, daß die Persönlichkeit vollkommen entwertet wird; wenn sämtliche Juden, die in Bankendirektorien sitzen, ihr weiteres Verweilen daselbst von einer andersartigen Behandlung jüdischer Angestellter abhängig machen wollten, so würden die Banken sie heute vielleicht und morgen sicherlich ohne weiteres gehen lassen können, denn der jüdische Diiektor ist heute genau so eine fungible und darum überflüssige Größe geworden wie der jüdische Beamte, der hur einer von 60000 in Deutschland ist. Während also der Zentralverein dem Anscheine nach der Ansicht ist, daß wir es vorläufig nur mit einer zwar peinlichen, aber immerhin nicht welterschütternden, vor allem aber nicht mit Notwendigkeit bestehenden Zurücksetzung der Juden in einzelnen Zweigen von Industrie und Handel zu tun haben, stellen wir die Tatsache fest, daß die Juden in Deutschland einem Expropriationsprozesse entgegengehen, der kein geringeres Ziel hat, als die Juden aus den von ihnen bisher okkupierten Verschanzungen herauszu werfen. Auch Hans Goslar, der neuerdings den wirtschaftlichen Problemen seine Aufmerksamkeit schenkt, um sie von zionistischem Standpunkt aus zu erfassen, gibt sich noch der Hoffnung hin, durch Repressalien verschiedener Art die antisemitischen Tendenzen aufhalten zu können. Goslar hat in dem von ihm redigierten „P1 u t u s" (Nr. 17) eine wundervolle Attacke gegen den A. Schaaffhausenschen Bankverein geritten. Er hat erreicht, daß sich führende Blätter der Sache annahmen, und maßgebende Beamte des Institutes haben ihm versprochen, sich bei der Anstellung von Beamten nicht von antisemitischen Rücksichten leiten zu lassen. Es ist möglich, daß die in Frage stehende Filiale künftig Juden anstellen wird: doch von solchen Teilerfolgen dürfen wir uns nicht verblenden lassen; sie dürfen nicht anders bewertet werden, als die Teilerfolge des Zentralvereins. Vor allem darf man sich nicht zu dem Optimismus verleiten lassen, daß sich die Bankbeamtenorganisationen der Sache annehmen würden. Diese Organisationen, deren führende heute mit fast 30000 Mitgliedern die Hälfte der deutschen Bankbeamten umfaßt, rekrutieren sich größtenteils aus den Kreisen der deutsch-christlichen Beamtenschaft, die die eigentlichen Träger dieser antijüdischen Wirtschaftstendenzen sind und die sich schon heute in den Provinzvereinen stramm antisemitisch geberden. Goslar begnügt sich erfreulicherweise nicht mit diesen hoffnungsvollen Ratschlägen, sondern läßt ihnen ein neuartiges, ein positives Selbstverteidigungssystem folgen: Er spricht von der Notwendigkeit einer „jüdischen Wirtschaftspolitik“. Ich halte ein solches Programm für unsere notwendigste Aufgabe in Deutschland. — Allerdings wird es ihr kaum gelingen, den Fluß der Dinge aufzuhalten und die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands in andere Bahnen zu zwängen; sie wird günstigstenfalls für kurze Zeit eine Verzögerung bewirken, einen Schutzdamm bilden, doch vor der Hochflut der wirtschaftlichen Kräfte des deutschen Volkes wird sie zerbersten, und dann werden wir endgültig vor den letzten Formen der Expropriierung stehen. Auch Felix Theilhaber hat den bevorstehenden „Untergang der deutschen Juden" nachzuweisen versucht, doch stützt er seine Schlüsse mit Argumenten aus entlegenen Gebieten, sieht die stärkste Gefahr in der Mischehe und dem Einkindersystem und formuliert hauptsächlich ein statistisches Bevölkerungsproblem, ohne die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Evolutionsgesetze mehr als flüchtig zu berühren. Weiteres Material müßte uns, so sollte man meinen, die Statistik bieten. Doch wir werden sehen, daß diese trotz S e g a 11 s anzuerkennender Leistung hier völlig unzureichend ist. Sie vermag nicht mehr, als bisher erfolgte Verschiebungen, in großen Umrissen festzuhalten; da sie aber nicht imstande ist, gleichzeitig ihre Motive zu durchleuchten, dies vielmehr dem Betrachter überläßt, verleitet sie zu Falschschlüssen, zwingt, vorläufig rätselhafte Verschiebungen irrig zu interpretieren und hindert hierdurch wiederum, die bevorstehenden Entwicklungen und Verschiebungen zu erkennen. So weist sie beispielsweise zahlenmäßig die Tatsache auf, daß die Rubrik „Selbständige ohne Beruf" (also Rentner) auf jüdischer Seite sich im fraglichen Zeitraum 1895—1907 vergrößert hat. Wer würde dies anders interpretieren, als daß die wirtschaftliche Lage der deutschen Juden eine ständig aufsteigende Kurve beschreibt? Und doch weist dieselbe Statistik als Gegensatz hierzu darauf hin, daß aus den wirtschaftlichen Berufen die Juden verdrängt oder auf niedrigere Stufen (vom „Selbständigen" zum „Angestellten") herabgedrückt werden! Hieraus geht hervor, daß die Statistik einzig und allein durch Interpretation zum Leben erweckt werden kann und daß sie vollkommen auf willkürliche Deutung angewiesen ist. Doch begnügen wir uns vorläufig, sie objektiv und kritiklos wiederzugeben. Folgende Tabellen sind Dr. Jacob Sega 11 entnommen:

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