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Die Welt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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592 DlESäKELT Nr. 19 3. Jungen Datums ist gleichfalls das von unserem Gg. Dr. Marraorek geleitete ,,D ispensär Zadoc-Kah n". Diese Poliklinik wurde vor ca. 2 Jahren begründet, anläßlich einer antisemitischen Kampagne, welche den neuankommenden Juden vorwarf, durch Einschleppung von Krankheiten eine Gefahr für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung zu bilden. Es bietet dem jüdischen Arbeiter die einzige Gelegenheit, gratis Konsultation und Ratschläge in Jargon" zu erhalten, der vom gesamten Personal gesprochen wird. Wie notwendig diese Gründung war, beweist die hohe Frequenz, die letzthin auf über 3000 per Monat gestiegen ist. Die Anstalt hat ein Budget von nur 15 000 Frcs. pro Jahr, und auch dieses wird nur in prekärer Weise aufgebracht. Das Dispensär leistet in seinem beschränkten Rahmen enorme Dienste, jedoch hat sich im Laufe seiner Tätigkeit geofienbart, daß die Gesundheitsverhältnisse im Ghetto des 4. Kreises sehr schlechte sind. Ein jüdisches Krankenhaus ist ein. höchst dringendes Bedürfnis. Leider scheint dessen Schaffung noch in weiter Ferne. Es besteht wohl das Rothschildsche Krankenhaus, dasselbe ist aber jahrein, jahraus überfüllt. 4. Die jüdische Volksuniversität. Dem etwas hochtönenden Namen entspricht leider weder das Lokal, noch die Tätigkeit. Drei mittelgroße Räume im Hofe einer engen Gasse: ein Lesesaal mit jüdischen Zeitungen aller Länder und einer leidlichen Bibliothek; ein Schulzimmer, in welchem allabendlich die französische Sprache unterrichtet wird, und ein Versammlungslokal, in welchem wöchentlich ein Vortrag gehalten wird, und das auch diversen anderen Vereinen sowie den zionistischen Komiteesitzungen als Heim dient. Wer einmal einer Versammlung in dieser Universität beigewohnt hat, bestreitet nicht mehr die Notwendigkeit eines jüdischen Vereinshauses. Auch die „Association des Jeunes J u i f s“ ist aus den Reihen der eingewanderten Juden resp. ihrer Söhne hervorgegangen. Alle diese Institutionen zählen einige französische Juden, die ihre .Mitwirkung nie versagen, in ihren Reihen, jedoch die Initiative und die Leitung ist ausschließlich bei den Eingewanderten, und der Gharakter ist ausgesprochen jüdisch. Das Gros der i.anzösischen Juden steht diesen Schöpfungen vollkommen 'ern. Au? diese Zustände hat ein Ereignis der letzten Zeit ein grelles Licht geworfen. Die eingewanderten Juden hatten beschlossen, eine große Synagoge zu errichten, die gleichzeitig eine Talmud-Thora und Vereinslokale enthalten sollte. Mit vieler Mühe wurden die ersten Mittel zu dem kostspieligen Bau aufgebracht und dieser Tage fand die feierliche Grundsteinlegung mitten im Ghetto des 4. Kreises statt. An dieser Zeremonie, die doch in erster Linie eine solche des Kultus ist, nahm das Konsistorium, diese rein kulturelle Organisation, nicht teil. Ja, der Druck der führenden Kreise auf die konservativen (!) Rabbiner war so stark, daß nicht ein einziger französischer Rabbiner erschienen war. Diese Boykottierung hat in weitesten Kreisen Bedauern und Entrüstung hervorgerufen. Die Spannung ist, wie aus dem vorstehenden Falle hervorgeht, auf einen sehr hohen Grad gestiegen. - Wenn man all die dafür vorgebrachten Ursachen prüft, so bleibt nur die eine bestehen: Die französischen Juden waren seit etwa 30 Jahren auf dem besten Wege einer vollständigen Assimilation. Die Ankunft einer jüdischen Masse und die seit mehreren Jahren hier einsetzende Reaktion haben diesem Marsch oder, besser gesagt, diesem Galopp, ein Ende gesetzt. Obwohl man bereit ist, alle Bedingungen und Demütigungen anzunehmen, ist heute ein Vertuschen der Judenfrage und ein geräuschloses Untertauchen absolut unmöglich, ln ihrem Aerger über das Mißlingen ihres Vorhabens machen nun die Assimilanten die Einwanderung aus dem Osten allein dafür verantwortlich. Uebrigens beginnt man auch in einigen französischen Kreisen auf das Bedenkliche dieser Zustände aufmerksam zu werden. Der zuletzt geschilderte Vorfall'bewog .die „Archives. Israelites“, dem Konsistorium und den Rabbinern eine deutliche Rüge zu erteilen. Das Blatt erklärte das Verhalten derselben als unverständlich und unschön, nicht etwa vom Standpunkt der Humanität oder der Prinzipien des Liberalismus, auf die diese Juden sonst schwören, sondern vom Standpunkte des Judentums, eine Beweisführung, an die man schon lange nicht mehr gewohnt ist. Auch der „Univers“ wagte es, in einem guten Artikel von „Ben-Ami“ über die in der „Welt“- wiederholt erwähnte Federation jüdischer Vereine, der die französischen Juden flugs eine leblose Konkurrenzgründung entgegenstellten, diesen letzteren klar zu machen, daß ein jüdischer Verein nicht damit zufrieden sein sollte, mit jüdischem Gelde oder unter Juden zu arbeiten, sondern daß er für das Judentum etwas schaffen müsse, um seinen Namen zu verdienen. Die eben geschilderte Umkehr der Presse, welche der jüngeren Generation der Rabbiner nahe steht, ist. beachtenswert, allein große Bedeutung für die Beeinflussung des jüdischen Lebens hat sie nicht. Um wirklich auf das jüdische Leben Einfluß zu gewinnen, müßten diese Zeitungen zunächst sagen, was sie unter Judentum verstehen; sie müßten einen Standpunkt einnehmen, der logisch und historisch begründet ist, der allen Zeitströmungen zu widerstehen vermag, und der heißt: National juden- H. B. (Paris). Athen und Jerusalem Von Davis Trietsch Der Aufschwung des neuen Griechenland zeigt sich nirgends so:stark, wie in der alten Hauptstadt Athen. Man kann sogar sagen, daß von Athen die Wiedergeburt des Landes ausging. Athen war „Fahne und Heiligtum“ der modernen Griechen. Athen, und nicht Piraeus oder Patras, — Athen, und nicht das flache Land. Und so war es denn auch Athen, das den Griechen der Diaspora in erster Linie allezeit in ihren Träumen vorschwebte. Hierhin flössen ihre Sympathien und ihre Opfergaben, und hauptsächlich aus ihren Opfergaben entstand das neue Athen und das moderne Griechenland. Man hat Athen „eine zusammengeschenkte Stadt“ genannt. Was sie an Museen, wissenschaftlichen Instituten, Schulen etc. etc. besitzt, das ist zumeist von den Auslandsgriechen gestiftet worden, die es in Odessa oder in Konstantinopel, in Alexandria oder in New York zu Vermögen gebracht haben, und von denen viele die geliebte Hauptstadt nie mit Augen gesehen haben*). Es gilt jenen Griechen als Pflicht, Athen größer und schöner machen zu helfen, und mancher hat sein Lebelang gefeilscht, gewuchert und gegeizt, um im Tode, noch seine heilige Stadt fürstlich zu beschenken. Soviel von Athen. Auch Jerusalem ist geistige Heimat und Hauptstadt und Heiligtum einer überallhin verstreuten, alten Gemeinschaft, deren Glieder — ob sie es wollen oder nicht — täglich und stündlich an ihre Herkunft aus jenem Lande *) Eduard Engel schreibt im „Berliner Tageblatt“. „Ueberhaupt ist es eine der rührendsten Erscheinungen im neugriechischen Staats- und Volksleben: die -freiwillige Hingabe der Bürger an ihr Vaterland. Keiner zahlt in Cniechenland gern Steuern, so wenig wie irgendein anderer Kulturmensch; jedoch von seinem Ueberffuß gibt jeder Grieche gern freiwillig dem Vaterlande oder der Vaterstadt ein Scherflein ab. — Athen wäre nicht die schöne, mit Schulanstalten ersten Ranges, mit ausgezeichneten Krankenhäusern, mit physiologischen und chemischen Laboratorien usw., mit einer Akademie, einer großartigen Bibliothek und womit nicht sonst noch geschmückten Stadt, wenn nicht alles das von opferfreudigen. Griechen geschenkt worden wäre . .

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