Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 19 (9.5.1913)
- Date
- 1913-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 19 591 nebelt Die jüdische Einwanderung nach Nordamerika im Jahre 1912 New York. Nach amtlichen Angaben betrug die Zahl der jüdischen Einwanderer nach den Vereinigten Staaten im Jahre 1912 81 106 Seelen. Von diesen landeten im Hafen von New York 64 738 Personen, in Philadelphia 7505, in Baltimore 4364, in Boston 2634 und in Galveston 1575. Im Januar 1913 landeten im New Yorker Hafen 5346 Juden, in Philadelphia 352, in Baltimore 386, in Boston 362 und in Galveston 127. Von den Einwanderungsbehörden zurückgewiesen wurden im Januar d. J. in allen genannten Hafenstädten 88 Juden. Die 5364 jüdischen Einwanderer, die im Januar d. J. in New York landeten, brachten Barbeträge in Höhe von 136 000 Dollar in ihre neue Heimat mit. Wiederwahl eines jüdischen Parlamentariers in England (Von unserem Berichterstatter.) London. Am 29. April fand im Bezirke Whitechapel die Ersatzwahl fürs Parlament statt, da das Mandat des früheren Abgeordneten Sir Stuart Samuel für ungültig erklärt worden war. Sir Samuel war früher Mitglied einer Firma, die in Geschäftsverbindung mit dem Staatssekretär für Indien stand, was von judenfeindlicher Seite weidlich ausgebeutet wurde, obwohl die persönliche Integrität Samuels klar zutage lag. ln der Ersatzwahl wurde nun Sir Stuart Samuel, der der liberalen Partei angehört, gegen den Unionisten Kapitän Browne mit 166 Stimmen Majorität wiedergewählt. Sir Samuel äußerte sich nach der Wahl, die Antisemiten hätten es verstanden, die einflußreichsten Kreise, insbesondere die führenden Männer der englischen Kirche, gegen seine Wiederwahl mobil zu machen. Die ganze Organisation der Kirche habe gegen ihn gearbeitet. Von unionistischer Seite wird dagegen entschieden bestritten, daß der Wahlkampf gegen Samuel judenfeindlichen Charakter gehabt hätte. Die Juden in Irland Während die Volkszählung in Großbritannien keine konfessionellen Momente berücksichtigt und die Zahl der Juden aufs Geratewohl geschätzt werden muß, hat der Census in Irland eine Rubrik, worin die Religion angegeben wird. Wir erfahren daher, daß es im Jahre 1912 in Irland 5148 jüdische Seelen gegeben hat. Bei einer Bevölkerung von 4 390 219 ist dies ein höchst geringfügiger Prozentsatz. Irland hatte immer eine ganz kleine Anzahl Juden aufzuweisen. Obwohl Juden in Irland schon seit einigen Jahrhunderten ansässig sind und das irische Parlament im Jahre 1746 eine Naturalisations-Bill zu Gunsten der Juden annahm, haben die dortigen Juden sich nie recht einbürgern können. 1871 gab es in Irland nur 258 Juden; 1881 453 und, trotz der späteren Einwanderung aus Rußland, 1891 1779 und 1901 3771 jüdische Seelen. Geber die Hälfte der jüdischen Bevölkerung wohnt in Dublin. Außer Sir Otto J a f f e in Beiford, ehemaligem Lord Mayor der Stadt und deutschem Konsul, hat die ganze jüdische Bevölkerung im Königreiche keine nennenswerte Persönlichkeit aufzuweisen. Auch kann der materielle Zustand kaum als befriedigend bezeichnet werden. Das Betätigungsfeld der Juden ist theoretisch natürlich unbegrenzt, praktisch aber auf einige Handwerks- und Handelszweige beschränkt. Es ist überhaupt eine interessante Beobachtung, daß in denjenigen Teilen des Vereinigten Königreiches, die einst der verstorbene Lord Salisbury als die keltische Ecke des Landes bezeichnete, die Juden sich nur kümmerlich entwickeln können und sich überhaupt nicht recht wohl fühlen. Natürlich ist Irland, wo der katholische Klerikalismus und ein scharf zugespitzter Protestantismus sich in endloser Fehde bekämpfen, nicht das Land, wo der Toleranzgedanke heimisch werden kann. Die wenigen Juden haben daher ziemlich viel von religiöser Gehässigkeit zu leiden. In aller Erinnerung ist noch die regelrechte Judenhetze, die, durch die Anstiftung eines katholischen Priesters, gegen die Juden in Limerick vor einigen Jahren stattfand. Auch in Schottland und Wales (die anti-jüdischen Ausschreitungen in Dowlais!) haben die Juden wenig von der dortigen engherzigen Bevölkerung zu erwarten. Kein Wunder daher, daß die jüdische Einwanderung nach diesen Gegenden verhältnismäßig sehr klein ist. Die eingewanderten Juden in Paris lm Pariser Judentum sind heute zwei grundverschiedene Tendenzen wahrnehmbar. Auf der einen Seite die französischen Juden, deren Entwicklung seit einigen Jahren einen Stillstand erlitten hat: Ihr Judentum erschöpft sich in dem bißchen Kultus konservativer (!) Färbung, dessen Unterhalt übrigens auch nur dank der Familie Rothschild bestritten werden kann; auf dem Gebiete der Wohltätigkeit, das die „geistlichen** Führer als urjüdisches und allein-jüdisches Schaffen hinstellen, beschränkt man sich darauf, die aus einer besseren Zeit überkommenen, alten und veralteten Institutionen im alten Tempo weiterzuführen. Die Einrichtung und Leitung derselben stehen vielfach in schreiendem Gegensatz zu einer vernünftigen sozialen Tätigkeit und tragen den wirklichen Bedürfnissen kaum Rechnung. Ihnen gegenüber stehen die aus den verschiedenen Ländern Osteuropas eingewanderten Massen, deren Seelenzahl man auf ca. 100 000 schätzen kann. Im Anfang ökonomisch schwach und ganz fremd in dem neuen Lande, standen sie unter dem Banne der „Einheimischen“, die zu gut drei Viertel aus dem Elsaß und aus Deutschland stammen. Seither aber, als ihre Zahl und ihr Wohlstand wuchs und sie im Lande festen Fuß faßten, suchten sie auch am jüdischen Leben den ihnen gebührenden Anteil zu erlangen. Und ihre Mitwirkung hätte für das jüdische Leben große Bedeutung gewonnen, wenn ein umsichtiger Führer es verstanden hätte, den eine gute jüdische Tradition bringenden Scharen den Weg zu den französischen Juden zu öffnen. Aber das wurde immer versäumt; und das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen ist noch heute ein sehr schlechtes. Den Eingewanderten blieb nun nichts übrig, als selbständig für ihre Bedürfnisse zu sorgen. Sie haben in den letzten Jahren neben den in ihrer Heimat üblichen Chewroth usw. eine ganze Reihe von Institutionen ins Leben gerufen, die allein unter den jüdischen den neuen Bedürfnissen Rechnung tragen und modernen Charakter haben. Leider sind ihre Kräfte nicht stark genug, um den Erfordernissen auch nur annähernd gerecht zu werden. 1. Das israelitische Asyl. Diese in jeder anderen Großgemeinde selbstverständlich von dieser selbst unterhaltene Anstalt wurde hier im Jahre 1900 „durch die Initiative russischer und rumänischer Juden begründet“, wie die Titelblätter der Veröffentlichungen noch heute auf weisen. 2. Seit zwei Jahren ist dem Asyl eine Krippe angegliedert, in welcher die Kinder alleinstehender Arbeiterinnen tagsüber bewahrt werden. Diese beiden Anstalten sind gut eingerichtet und von Fachleuten sorgfältig überwacht. Es ist ohne weiteres klar, daß sie der arbeitenden Bevölkerung große Dienste leisten. Ihr Budget ist dank einer eifrigen Propaganda gesichert. Jedoch sind sie wegen der großen Notlage der betreffenden Bevölkerungsklasse nicht immer in der Lage, den Bedürfnissen des betreffenden Viertels (des 18.) zu genügen. Gar nicht in Betracht kommen sie aber, wegen des beschränkten Umfanges und der großen Entfernung, für den 4. Kreis und die benachbarten, wo sich ein noch viel größeres Ghetto be-