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Die Welt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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590 Nr. 19 DIE^ELT hat, auf Verlangen der Zentralhilfskommission, ein Lokalkomitee gebildet, das unter Leitung der Direktors der dortigen Gemeindeschule fungiert. Eine ganze Anzahl von Soldaten hatten zu den Feiertagen Urlaub erhalten und sind entweder durch Bemühungen des Großrabbinats bei jüdischen Familien untergebracht oder auf seine Kosten verpflegt worden. Fünf jüdische Gefangene aus Bulgarien, die in Ismidt kaserniert sind, erhielten durch die Fürsorge der Zentralhilfskommission für die Feiertage besondere Erleichterungen und alles Notwendige. ln den verschiedenen Stadtteilen wurden durch einheimische wohltätige Bemühungen, die durch Sendungen vom Auslande unterstützt wurden, Hunderte von armen jüdischen Kindern, in erster Reihe die Kinder der Kriegsflüchtlinge, eingekleidet. Spanien und die sephardischen Juden des Balkans Der „Osmanische Lloyd“ brachte vor kurzem nach österreichischen Blättern die Notiz, daß ein spanischer Senator ein Komitee gebildet habe zur Erleichterung des Eintrittes der sephardischen Balkanjuden in den spanischen Staatsverband, da sie von der Neuordnung der Dinge auf dem Balkan wenig erbaut seien. Wenn diese Notiz auf Wahrheit beruht, so hätte sie zur Voraussetzung, daß die früher in der europäischen Türkei lebenden Juden bereit seien, ihre bisherige osmanische Staatszugehörigkeit ohne weiteres aufzugeben. Das scheint jedoch durchaus nicht allgemein der Fall zu sein. Der türkische Großrabbiner, an den sich infolge dieser Meldung ein Redakteur des Blattes wandte, erklärte diesem, daß, soweit ihm bekannt, die Mitteilung unzutreffend sei; es könnte vielleicht der Fall sein, daß ganz vereinzelt der eine oder andere Balkanjude spanisch werden wollte, aber eine große Anzahl derselben werde ihrer osmanischen Untertanenschaft zweifellos auch unter der neuen Herrschaft treu bleiben. Dem wäre noch hinzuzufügen, daß die Avancen, die seit dem Ausbruche des Balkankrieges Spanien den sephardischen Juden zu machen schien, offenbar recht wenig ernst gemeint waren, da einige Juden, die sich an die spanischen Behörden gewandt hatten, um ihrer Einladung zu folgen, einfach abschlägig beschieden wurden. Es handelte sich also wohl lediglich um eine Stimmungsmache, und auf seiten der Juden wiederum, die hier und da spanienfreundlich auftraten, um einen puren Austausch angebotener Höflichkeiten. Auch die sephardischen Juden des Balkans besitzen ein historisches Gedächtnis, sowohl für das Gute, das ihnen die Moslems erwiesen, wie für die grausamen Verfolgungen, unter denen ihre Ahnen in Spanien zu leiden hatten. Emigrantenelend (Von unserem Berichterstatter.) Petersburg. Die Zahl der jüdischen Auswanderer, die die für die Beschaffung eines Auslandspasses erforderlichen recht beträchtlichen Mittel nicht aufbringen können, ist bekanntlich ziemlich groß. Derartige Auswanderer sehen sich genötigt, zu Grenzschmugglern ihre Zuflucht zu nehmen. In letzter Zeit häuften sich nun die Fälle, wo diese Versuche ein trauriges Ende nahmen. In S o s n o w i t z wurden 34 jüdische Emigranten, fast sämtlich aus dem Gouvernement Minsk, die mit Hilfe eines dortigen „Agenten“ die Grenze passieren wollten, festgenommen und nach ihren Geburtsstädten abgeschoben. Aehnlich erging es einer aus 52 Personen bestehenden Gruppe von Emigranten im Kreise R o s s i e n i, Gouvernement K o w n o. Bei dieser Gelegenheit wurden zwei Emigranten von der Grenzwache verwundet. In der Nähe von Alexandrowsk wurden 44 Emigranten mitsamt dem Agenten festgenommen. Ein Emigrant wurde verwundet, die anderen wurden in ihre „Heimat“ abgeschoben. Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß die Emigranten bei solchen Gelegenheiten um ihre kümmerlichen Habseligkeiten kommen und, nach Hause zurückgekehrt, sich in schwierigeren Verhältnissen befinden, denn je. Die Boykottbewegung in Polen Die Boykotthetzer der Fabrikstadt Skirardow entfalten eine lebhafte Agitation, die die Ausweisung sämtlicher 12 000 ortsansässiger Juden zum Gegenstände hat. Neue Judenausweisungen in Rußland Petersburg. In Riga erhielten vor kurzem 200 jüdische Familien den Befehl, die Stadt zu verlassen. Ueber 100 Familien dürfen nur noch zwei Monate zur Ordnung ihrer geschäftlichen Angelegenheiten in der Stadt verweilen, während den restlichen Familien eine Frist von sechs Monaten zugebilligt wurde. Im Kreise Dubno stehen 1500 Juden vor der Ausweisung. Da die zweimonatige Frist für die Hunderte von ausgewiesenen jüdischen Familien in Kursk dieser Tage abgelaufen ist, hat der dortige Gouverneur Muratow der Polizei strengen Auftrag erteilt, die Ausweisungen unnachsichtlich durchzuführen. Die Beschwerden der betroffenen Familien an den Senat sind erfolglos geblieben. Zur Beilis-Affaire K i e w. . Die Entscheidung in der B ei I i s-Affäre dürfte nun bald fallen. In gutunterrichteten Gerichtskreisen wird mit Bestimmtheit versichert, daß die Verhandlung gegen Beilis noch im Laufe des Monats Mai stattfinden wird. Da die erste Untersuchung wie die ergänzende Untersuchung Maschkewitsch’ keinerlei stichhaltiges Belastungsmaterial gegen Beilis zutage gefördert hat, wird der bedauernswerte Angeklagte, der nun schon bald zwei Jahre unschuldig im Gefängnis schmachtet, voraussichtlich freigesprochen werden müssen. Hingegen wird damit gerechnet, daß der Gerichtshof in irgendeiner Weise die Mordtat als ein „aus religiösen Motiven“ begangenes Verbrechen kennzeichnen wird. Darum dürften in dem bevorstehenden Prozeß die Zeugenaussagen nur eine geringe Rolle spielen und das Hauptgewicht auf die „wissenschaftlichen“ Gutachten gelegt werden. Die Anklageschrift beruht z. T. auf dem „theologischen“ Gutachten des katholischen Mönchs P r a n a i t i s , der das Vorhandensein eines „Blutritus“ bei den Juden durch angebliche Zitate aus jüdischen Geheimschriften zu erweisen sucht. Seine phantastischen Ausführungen werden insbesondere durch das berüchtigte Gutachten des Psychiaters S i k o r s k i ergänzt, das gewissermaßen das Rückgrat der Anklageschrift bildet. Es ist nun von Interesse zu erfahren, wie europäische Gelehrte von Weltruf dieses Gutachten beurteilen. Eine ganze Reihe bekannter Professoren, wie Forel, Bleuler, Bonhöf fer, Meyer und andere, haben das Gutachten nachgeprüft und ausnahmslos über das Sikorskische Machwerk den Stab gebrochen. Die Professoren v. J a u r e g g und O b erst e i n e r wollen sich mit dem Sikorskischen Gutachten gar nicht befassen, da sie bezweifeln, ob es ein Psychiater geschrieben habe. Und wie die „psychiatrischen“ Schlußfolgerungen als völlig widersinnig gekennzeichnet werden, so erweisen sich auch die gerichtsärztlichen Auslassungen von Obolonsky und Tufanow als vollkommen falsch, und sämtliche Fachgenossen widerlegen deren Versicherung, daß der Mord an Justschinsky durch besonders reichliche Blutentleerung charakterisiert sei. Damit fällt das ganze Gebäude des „Ritualmordes**' in sich zusammen.

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