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Die Welt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. IQ die^elt 587 □□□□□□ WELTCHRONIK Die Resolution der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gegen den Zentralverein Im Anschluß an den Bericht in unserer vorigen Nummer über die außerordentliche Tagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland bringen wir hier den Wortlaut der Resolution, die in jener Versammlung einstimmig gefaßt wurde: „Die am 1. Mai d. Js. in Berlin versammelten Vertrauensmänner der Zionistischen Vereinigung für Deutschland weisen in Uebereinstimmung mit den Erklärungen ihres Zentralkomitees den Versuch des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, sich zum Richter über die Anschauungen der deutschen Zionisten aufzuwerfen, als ungebührliche Anmaßung zurück. Den Vorwurf mangelnder Vaterlandsliebe haben Antisemiten von jeher gegen das Judentum in seiner Gesamtheit erhoben. Nunmehr hat der Zentralverein die Waffe dieser Denunziation gegen seine eigenen Stammes- und Glaubensgenossen gerichtet. Nur Parteihaß konnte dazu verleiten, mit dem vieldeutigen Wort „Nationalismus“ gefährlichen Mißbrauch zu treiben und auf Grund willkürlicher Begriffsdefinition Judentum und Deutschtum gegeneinander auszu- Die national jüdische Gesinnung ist das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke und der Wille, für seine Erhaltung und Entwicklung in der Zukunft durch Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina zu wirken. Diese Gesinnung steht mit den Interessen keines Staates und keines Volkes in Widerspruch und kann die deutschen Zionisten niemals hindern, gemäß ihrer historisch gegebenen Stellung am politischen und kulturellen Leben Deutschlands tätigen Anteil zu nehmen. Die deutschen Zionisten haben bisher im Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens die Vertretung der staatsbürgerlichen Interessen der deutschen Juden erblickt und ihm deshalb ihre Mitarbeit nicht entzogen, obwohl der Zentralverein oft genug seiner Aufgabe nicht gerecht wurde. Nach der unerhörten Stellungnahme des Zentralvereins gegen den zionistischen Teil der deutschen Juden erklären die deutschen Zionisten den Zentralverein als unfähig und nicht mehr legitimiert, in Zukunft die Gesamtheit der deutschen Judenheit zu vertreten. Die Vertrauensmänner der Zionistischen Vereinigung für Deutschland fordern daher die deutschen Zionisten zum Austritt aus dem Zentralverein auf. Sie halten es für dringend erforderlich, daß ein Verein gegründet wird, der unter strikter Wahrung der Neutralität in allen innerjüdischen Fragen für die Rechte aller deutschen Juden eintritt.“ Neue Erhebungen in der Hilsner-Affäre (Von unserem Berichterstatter.) Prag. Es scheint, als ob jetzt wirklich die Wiederaufnahme des Hilsnerprozesses nicht mehr ganz in den Bereich der Unmöglichkeit gehörte: Es werden wenigstens zurzeit im Aufträge des Justizministeriums vom Piseker Kreisgerichte Erhebungen angestellt, die dartun sollen, ob eine Wiederaufnahme des Prozesses notwendig ist. In der zweiten Hälfte des verflossenen Monates wurden beim Prager Strafgerichte im Requisitionswege einzelne Personen, die damals in Polna an der Affäre gearbeitet hatten, einvemommen. Es waren dies der ehemalige Gendarmeriewachtmeister K1 e n o v e c, der seinerzeit Hilsner verhaftete, und die beiden Detektivinspektoren S p a c e k und Fort, die mit dem damaligen Chef des Prager Sicherheitsdepartements in Polna weilten und dort Erhebungen pflogen. Die beiden Inspektoren wurden befragt, was sie über die Affäre wissen. Sie gaben auch an, daß Hofrat Olic ein umfassendes Material über die Affäre besitze. Am 29- April wurden nun die beiden Inspektoren nochmals vor den Untersuchungsrichter Dr. Erben zitiert. Hofrat Olic hat bekanntlich seinerzeit mit ihnen Protokolle aufgenommen. Hofrat Olic ist von der Unschuld Hilsners überzeugt; bei der damaligen Untersuchung wurden die Aussagen verschiedener Zeugen für gewichtiger gehalten als die seinen. Als Hofrat Olic nach Polna kam, um dort Erhebungen an Ort und Stelle zu pflegen, warf ihm förmlich der dortige Bürgermeister vor, wozu er komme, man habe ja schon den Mörder. Hilsner sei es . . . Man wird also jetzt abwarten müssen, mit welchem Eifer die österreichischen Gerichte sich der Aufdeckung eines eklatanten Justizirrtums widmen. Wenn man nach der Sorglosigkeit schließen sollte, mit der man das Treiben des Hetzkaplans Hrachowsky in Kolin noch immer duldet, kann man allerdings nicht sehr optimistisch sein. Der Verrat an den deutschliberalen Juden (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Mit beispielloser Zähigkeit haben die Juden der Sudetenländer dem deutschen Liberalismus Gefolgschaft geleistet. Sie erhielten die nationalen Trutzvereine, zahlten Extrazüge für deutsche Volkstage und leisteten überdies den schwersten Tribut: Sie gaben den kleinen Landjuden dem Boykott preis. Der Bürgermeister A b e 1 e s der jüdischen politischen Gemeinde Nikolsburg Unterzeichnete den in ganz Mähren verbreiteten Hetzaufruf gegen die „slawische Hochflut“, der Präsident der jüdischen Kultusgemeinde Brünns, Herr Dr. F i a 1 a, hielt noch im Vorjahre eine flammende nationaldeutsche Rede im Brünner Deutschen Hause, die in dem überwiegend slawischen Lande kräftigen antisemitischen Widerhall weckte, und wo es galt, den „deutschen Besitzstand“ zu wahren, strömte der deutschfreiheitlichen Partei jüdisches Geld zu, wurden mit Selbstverleugnung jüdische Hausierer, Agenten, Kaufleute dem tschechisch-nationalen Boykotte als Kanonenfutter geopfert. Nun ist eingetreten, was die bewußten Juden längst voraussahen : Skrupellos haben die Deutschfreiheitlichen ihre „israelitischen Konnationalen“ an die Judenhasser verraten. Der Führer der Deutschen in den Provinzen Böhmen, Mähren und Schlesien, Exminister Dr. Schreiner, propagiert mit durchschlagendem Erfolge das Wahlbündnis zwischen Deutschfreiheitlichen und Christlichsozialen. Mit infamer Roheit, die der deutschen Treue wahrlich keine Ehre macht, haben die deutschliberalen Politiker ihre Ernährer, die jüdischen Wähler, von sich gestoßen, weil „drüben“ die sicheren Mandate winken. Zu spät wendet sich die „Neue Freie Presse“ gegen den von ihr großgezogenen deutschen Nationalverband, der auf den Kuhhandel vergnüglich eingeht, und jammert darob, daß sich ihr Schoßkind christlichsozial gehäutet hat. Durch eine jahrzehntelange, verlogene, deutschtümelnde Politik der assimilatorischen Presse sind die Juden der gemischtsprachigen Länder in die heutige traurige Situation geraten und vogelfrei geworden. Der arische Abgeordnete Ganser hat gegen die deutschfreiheitlich - christlichsoziale Verbrüderung öffentlich Stellung genommen und wurde dafür vom Obmanne des deutschen Nationalverbandes, Dr. Groß, brüsk aufgefordert, den Klub zu verlassen — ein Beweis, wie weit der Pakt bereits gediehen ist.

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