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Die Welt · 1913-05-09 · 19 (9.5.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
19 (9.5.1913)
Date
1913-05-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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586 DIE3&ELT Nr. 19 land Rückhalt und Stütze? Welches sind denn die Ziele des Zentralvereins? Ziele? Das wäre eigentlich eine ganz überflüssige Mehrzahl. Alles, was der Zentralverein tut und zu tun gedenkt, gipfelt in einem einzigen Ziel, mündet in einer einzigen Hoffnung: Gleichberechtigung der Juden. Nun ist „Gleichberechtigung" sicherlich eine sehr wichtige Sache, die Grundlage und Voraussetzung alles bürgerlichen Lebens. Aber sind denn die Juden in Deutschland nicht „gleichberechtigt"? Vor dem Gesetz, nach der Verfassung? Ist denn nicht die Gleichheit aller Bürger der Eckstein jeder Verfassung? Wer an der Gleichberechtigung eines Teils der Bürgerschaft rüttelt, tastet die Verfassung an, untergräbt die Freiheit des Landes überhaupt. Die Gleichberechtigung der Juden ist keine rein jüdische Sache. Sie geht allerdings unmittelbar am nächsten die Juden an, aber auch alle anderen Kreise der Bevölkerung sind direkt daran interessiert. Freiheit und Gleichheit sind Einheiten, von denen man nichts abziehen kann, ohne daß sie Brüche werden, in die Brüche gehen. „Der Mensch ist frei geboren", dieser unsterbliche Satz Rousseaus ist die Grundlage aller modernen Staaten und daran läßt sich nicht mehr rütteln. Reden wir nun einmal frei und offen. Sind denn die Juden in Deutschland nicht gleich berechtigt? Sie haben alle Rechte, die einem Staatsbürger zukommen. Nichts wird ihnen vom Gesetz vorenthalten, nichts verweigert. Versperrt etwa das Gesetz den Juden den Zugang zu den Staatsämtern und Würden? Schließt denn das Gesetz die Juden vom Offizierkorps aus? Oder vom Beamtenstand? Oder vom diplomatischen Dienst? Keineswegs. Das Gesetz kennt keine Schranke. Sonst wäre ja Deutschland kein Verfassungsstaat. Nicht um Gleichberechtigung handelt es sich, nicht um eine Ausnahmegesetzgebung, sondern um Gleichbeliebtheit, Gleichgeachtetsein. Und daß diese uns verweigert werden, dagegen kann man kaum aufkommen, wenigstens nicht mit den Methoden des Zentralvereins. Historisch betrachtet war ja der Zentralverein berechtigt. Er ist zu einer Zeit gegründet worden, als die Wogen des Antisemitismus mit ungeahnter Wucht und Wut hinauf schäumten und das Verfassungsleben Deutschlands wegzuschwemmen drohten. Es war die Zeit der schärfsten Reaktion, der Ausnahmegesetze, der inneren Krise in Deutschland. Das alte junkerherrliche Preußen konnte sich noch nicht in die neuen Verhältnisse fügen, es stemmte und sträubte sich. Der Antisemitismus der Stöcker und Konsorten war nur eine Abzweigung, ein Aermel des großen Reaktionsstroms, der Deutschland überflutete. Alle freiheitlichen Elemente wehrten sich, wie sie nur konnten. Das Proletariat organisierte sich, die Juden organisierten sich ebenfalls. Der Sturm wurde abgeschlagen, und zwar für alle Zeiten. Man darf kein übertriebener Pessimist sein. Man darf nicht immer und überall Gefahr wittern. Und gerade die „Staatsbürger jüdischen Glaubens" sollten nicht so ängstlich und schwarzseherisch sein. Denn sonst — ja sonst müßten sie Zionisten werden, und zwar Zionisten von des Antisemitismus Gnaden, Zionisten aus Furcht (eine Spielart von Zionisten, die übrigens jedem tiefer blickenden und stolzeren Juden höchst unsympathisch ist). Und sollte wirklich einmal der Sturm sich wiederholen, dann wäre es nicht Sache der Juden allein, eine Schutzwehr gegen ihn zu errichten. Alle Parteien — die Konservativen und Verfassungstreuen mit eingerechnet — müßten sich gegen diese Zertrümmerung der Verfassung auflehnen. Die Nationalliberalen wie das Zentrum, die Freisinnigen und die Sozialisten, alle würden sie in diesem Punkte Zusammengehen. Nicht aus Liebe zu den Juden, sondern wegen der „salus publica". Eines aber wird uns keine deutsche Partei, keine liberale Majorität erkämpfen können — die Gleichbeliebtheit. Denn Liebe kann man auf gesetzlich-formalem Wege nicht erwirken. Und auch nicht Achtung. Der Deutsche liebt nicht den Polen, Dänen, den intransigenten Elsässer. Aber er achtet ihn. Denn diese biedern sich ihm nicht an, bekennen sich offen und freimütig zu ihrem Volkstum und verlangen als Nation Gleichberechtigung. Nicht für eine persönliche, individuelle Gleichberechtigung kämpft der Däne oder der Pole. Diese ist durch das Gesetz gewährleistet und darf gar nicht in Frage gestellt werden. Ihr Kampf gilt der Gleichstellung ihrer Nation, der Anerkennung der Rechte ihres Volkstums. Das ist der moderne Kampf um Gleichberechtigung, der stolzer Menschen und Bürger würdig ist. Jede andere Form ist veraltet, ja unwürdig, unsozial. Und dies eben wäre die Aufgabe des neuen Vereins: Die staatsbürgerlichen Interessen der deutschen Juden so zu vertreten, daß unser Judentum nicht dabei zu Grunde geht und daß wir von den Nichtjuden nicht verlangen, daß sie uns als Urgermanen betrachten. Also: Kein wehleidiges Geschrei über diesen oder jenen antisemitischen Angriff; ernste, würdige Bekämpfung der antisemitischen Vorurteile — nicht durch Ableugnung unserer jüdischen Art, sondern durch Hinweis auf unsere Leistungen als Bürger und als Juden. Erringung der Achtung unserer Umgebung durch offenes Beharren auf unserem Judentum, das kein Judentum der Phrase, sondern der Tat sein soll. Dann wird — vielleicht! — die Achtung sich in Sympathie wandeln, dann wird sich — vielleicht! — zur formalen Gleichberechtigung die tatsächliche, die Gleichbeliebtheit, gesellen .... Nicht völlig wird Judenleid und Judenhaß schwinden, auch in den westlichen Staaten, wo die Zahl der Juden beschränkt, das kulturelle Niveau der Bevölkerung ein hohes ist, wird viel davon Zurückbleiben. Doch die Hoffnung dürfen wir hegen, daß das stolze, aufrechte, nationale Judentum sich mehr Achtung und Sympathie verschaffen wird, als das deutschtümelnde, der inneren Auflösung entgegentreibende Zentralvereinsjudentum. Was soll denn heute noch der Zentral verein, der sein alles auf ein einziges Ziel gesetzt hat, das gar kein Ziel ist? Abwehr kann nie Ziel sein. Ziel ist Streben, ist Verlangen, neues zu erreichen, setzt Bewegung und bewußtes Wollen des Höheren, Besseren voraus. Welches Ziel hat nun der „Zentralverein"? Und was kann er dem Judentum Deutschlands bieten? Welche neue Ideen leiten ihn? Jede Organisation, die sich nicht entwickelt, ist ein Hemmschuh und eine Bremse. Da sie nicht in die neuen Verhältnisse hineinwachsen kann, negiert sie sie. Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren — seit der Gründung des Zentralvereins — geändert, aber noch mehr das deutsche Judentum. Die Antisemitismus - Vogelscheuche ist ungefährlich geworden. Aber im Judentum selbst beginnen sich neue Kräfte zu regen, beginnt ein Wille zur positiven Arbeit, zur inneren Umgestaltung wach zu werden. Es ist der „elan vital" des jüdischen Menschen. Diesen Elan in richtige Bahnen zu leiten, die Keime und Knospen nicht verkümmern zu lassen, das ist ja die Aufgabe der nationaljüdischen Bewegung. Und dies ist die neue Situation, der der Zentralverein nicht gewachsen ist. Da er nicht mehr positiv arbeiten konnte, wurde er ein Hemmnis und eine Negation. Das hat man schon längst gewußt. Die Krise reifte langsam, wie eine schleichende Krankheit, bis sie endlich ausbrach. Und es war gut, daß es zum Bruch kam. Unausgesprochene Mißverständnisse können sehr leicht sozusagen psycho-traumatisch werden. Allerdings, der Bruch hätte in einer anderen, feineren, urbaneren Form vor sich gehen können. Aber — tu Pas voulu, George Dandin! Dr. A. Coralnik.

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