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Die Welt · 1913-05-02 · 18 (2.5.1913) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 18 565 ----------------------------- MEIßELT — Unsere Palästinapolitik und das Jerusalemer Gymnasium Manche Andeutungen in unserer Presse und Aeußerungen maßgebender Parteifreunde lassen eine gewisse Stimmung gegen den „übertriebenen Kulturismus“ in Palästina erkennen. Fern sei es mir, die Frage aufzuwerfen, was wichtiger ist, dem Volk zuerst Brot zu geben oder es zuerst zu erziehen. Wer diese Frage überhaupt zur Erörterung stellt, ist über die primitivste soziologische Erkenntnis nicht hinausgekommen. Das Leben der Gesellschaft entwickelt sich nicht nach diesem Schema. Schon begrifflich läßt sich da keine Stufenfolge oder Priorität ausdenken. Wie denn erst im komplizierten Getriebe der Wirklichkeit. Hat nicht die materialistische Erwerbskultur Amerikas zur Forderung qualifizierter Arbeit und dadurch zur Schaffung eines hochstehenden Volksunterrichts geführt? — Wir sind im Begriff, in Palästina eine neue jüdische Gesellschaft aufzubauen. Womit fangen wir an? Natürlich mit dem Fundament, werden die Klugen sagen. Das Fundament einer jeden Gesellschaft ist Landwirtschaft, also konzentrieren wir uns auf die ländliche Kolonisation. Haben wir erst 1000 Dörfer, dann werden wir auch für die Schaffung eines Marktes zur Aufnahme der Landesprodukte Sorge tragen. Ist dieser erst gesichert, dann werden wir Schulen eröffnen, wobei selbstverständlich wiederum mit dem Fundament, also der Volksschule, zu beginnen sein wird. Daß aber zur Errichtung und Verwaltung eines Netzes von Volksschulen ein Stab höher gebildeter Lehrer und Beamten notwendig ist, bedenken jene schlauen Sozialarchitekten nicht. Glücklicherweise jedoch wartet das Leben, das den neuen Bau planlos zwar, aber mit elementarer Gewalt errichtet, nicht auf die polizeiliche Abnahme des Fundamentes. An dem Tag, an dem der erste jüdische Spaten die Ackerkrume Judäas berührte, haben sich in den Städten neue Mittelpunkte zu entwickeln begonnen. Nun sind sie da, die Zentren von Handel, Verkehr, geistiger Kultur und bis zu einem gewissem Grade sogar der Verwaltung und verlangen ihr Recht. Sie verlangen das, was den Städten der ganzen Welt zuteil wird: eine rationelle Fürsorge für ihr Bau- und Gesundheitswesen, Errichtung von Schulen, Bibliotheken, Galerien, Universitäten und Aemtern aller Art. Oder stellt man sich etwa ein Gemeinwesen vor, dem diese Dinge mit Vorteil fehlen könnten? Nun hören wir jedoch den Einwand: Alles gut und schön, aber unsere Mittel sind beschränkt, und deshalb müssen wir unter den verschiedenen Aufgaben die wichtigsten aussuchen. Darauf ist zu erwidern: 1. Es gibt im Gesellschaftsleben für eine weit ausschauende Politik keine „wichtigsten“ Aufgaben. Es gibt nur unmittelbare Notwendigkeiten des Alltags. Wohngelegenheiten mögen wichtiger sein als Zeichenunterricht. Wenn aber die Konkurrenzfähigkeit unseres Bezalel von der künstlerischen Vollendung seiner Produkte abhängt, so werden wir alle die Anstellung eines gediegenen Künstlers am Bezalel als die wichtigste Aufgabe unserer Wohlfahrtspolitik ansehen. 2. Die Lösung aller unserer Aufgaben steht im Verhältnis der Wechselwirkung zueinander. Die Erweiterung der landwirtschaftlichen Anbauflächen vermehrt die ländliche Bevölkerung und mithin die Käufer für die Industrieprodukte, was das Wachsen der Städte fördert. Das Wachsen der Städte aber erweitert den Absatzmarkt für die Erzeugnisse der Landwirtschaft. Usw. 3. Nicht jede Begabung ist zur Lösung jeder Aufgabe geeignet. Je beschränkter also die Betätigungsmöglichkeiten, desto mehr brach liegende Kräfte. Angenommen, man hätte seinerzeit beschlossen, die Gründung des Jaffaer Gymnasiums zu verschieben, damit unsere geringen Mittel und Kräfte für den Ausbau des Bezalel verfügbar bleiben. Glaubt man denn, daß die mannigfachen Energien, welche das Jaffaer Gymnasium ins Leben gerufen und zum Blühen gebracht haben, sich in den Dienst des Bezalel gestellt hätten? Mit nichten. Diese Aufgabe läge ihnen nicht und so stände der Bezalel genau so da wie heute, und wir wären um eine schöne Schöpfung ärmer. Das Ergebnis dieser Betrachtungen: Wie ein lebender Organismus auf dem Zusammenwirken aller Organe beruht, der wichtigen wie der weniger wichtigen, so müssen wir danach streben, für alle Funktionen unserer heranwachsenden Gesellschaft drüben eigene Organe zu schaffen. Und dies mit aller Energie auf der ganzen II. Diese Bemerkungen scheinen mir notwendig, um auf die Einwände zu antworten, die den auf Ausbau des hebräischen Gymnasiums in Jerusalem gerichteten Bestrebungen entgegengehalten werden. Nun will ich zum eigentlichen Thema übergehen und auf Grund dieser allgemeinen Anschauungen die Notwendigkeit des Jerusalemer Gymnasiums nachzuweisen versuchen. Wie erlangen wir die Hilfe der osmanischen Judenschaft, die für unsere Arbeit in Palästina unbedingt nötig Das Lehrerkollegium und die Schüler des Hebräischen Gymnasiums in Jerusalem

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