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Die Welt · 1913-05-02 · 18 (2.5.1913) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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564 Nr 18 DIE3§KELT als ein modernisierter Bibelstil? Und den hat ihm die alte englische Bibel eingegeben. Die Engländer brauchen wohl kaum eine neue Bibelübersetzung. Und die Juden? Was fangen die amerikanischen und sonstigen englisch-redenden Juden mit der neuen englischen Bibel an? Werden sie sie denn überhaupt lesen? Es ist ja eine Tatsache, der man sich nicht verschließen darf: Ist einmal ein Jude so weit, daß er die Bibel in der Ursprache nicht mehr lesen kann, so liest er sie überhaupt nicht mehr. Oder sie lesen sie, wie Fremdle, wie wir etwa die Vedas, die Aveste oder die orphischen Gesänge lesen — aus Kuriosität. Das innige, intime Verhältnis zwischen dem „Volke des Buches“ und dem „Buche“ hat sich — bei den modernen Juden — gelockert. Wer nicht die hebräische Bibel zu lesen versteht, der hat auch kein richtiges Verständnis für den Geist, die Eigenart der Schrift. Gewiß, — nicht der Buchstabe und nicht die Sprache sind für die Bibel das ins Gewichtfallende. Die babylonischen Juden haben ihre Bibel in der aramäischen Übersetzung gelesen und haben doch eine große jüdische Kultur geschaffen. Aber das war ein natürlicher Prozeß, es war keine Umsetzung der Werte, sondern bloß der Worte. Heute ist es aber um die Werte zu tun. Und hier sollte die philanthropische Kulturtätigkeit ansetzen. Eine neue englische Bibelausgabe ist eine Luxussache. Sie wird dem amerikanischen Judentum wenig frommen. Und Jakob Schiff hätte sich wohl ein größeres Verdienst um die amerikanische Judenheit erworben, wenn er die 50 000 Dollars für die Gründung und Unterstützung hebräischer Sprachkurse, moderner jüdischer Kulturinstitute, einer jüdischen Hochschule usw. verwendet hätte. Es wäre vielleicht nicht so eklatant, keine „Tat“ für die „ganze englisch-sprechende Welt“, wie etwa die Bibelübersetzung, aber das jüdische Volk, die „down-town“-Juden, die Armen und Kulturhungrigen wären ihm sicherlich dankbarer. Weniger Ruhm, aber mehr Nutzen. Für Luxus haben wir Juden jetzt keine Mittel ... c. Jüdisch-politische Streiflichter aus Oesterreich Von Dr. H. Kadisch Schon der Umstand, daß der nächste Kongreß in Wien, der Metropole des Habsburger Reiches stattfinden wird, sowie die Tatsache, daß 21/2 Millionen Juden innerhalb der schwarz-gelben Grenzpfähle wohnen, erheischt es, daß die gesamte zionistische Bewegung den Verhältnissen des Donaureiches und der Lage seiner jüdischen Bürger in der nächsten Zeit erhöhte Aufmerksamkeit zuwende. Schwieriger als in den meisten anderen Staaten ist hierzulande bei unseren äußerst komplizierten — für den Ausländer fast unverständlichen — Verhältnissen eine zionistische Propaganda, die dauernde Erfolge bezweckt und daher Juden mit einer einheitlichen Weltanschauung — die allein konsequente Zionisten sein können — erziehen will. Die Hauptursache dieser Schwierigkeiten besteht einerseits in den steten Nationalitätenkämpfen in beiden Reichshälften, durch welche auch die Juden in feindliche nationale Lager gespalten werden, sowie in der Trennung der Juden der Monarchie durch den — Dualis- Unter den mit deutschem, tschechischem, polnischem, italienischem, magyarischem oder serbo-kroatischem Chauvinismus infizierten Juden ist (wie ich mich nun in der ganzen Monarchie überzeugt habe) die zionistische Propaganda aussichtslos oder erzeugt einen „Zionismus auf Kündigung“. Es ist daher die energischste Bekämpfung des fremdnationalen Chauvinismus und des aus ihm resultierenden Rassenantisemitismus im gesamten Donaureiche das dringendste Gebot und die unerläßliche Vorbedingung der Gewinnung der Juden für die jüdisch-nationalen und zionistischen Ideen. Und im gegenwärtigen Momente muß dies um so nachdrücklicher betont werden, als in allen gemischtsprachigen Gebieten unserer Monarchie die rassenantisemitischen Chauvinisten den reichsverderbenden und kulturmörderischen Nationalitätenhader, zum Schaden des Reiches, der Völker und speziell des jüdischen Volkes, immer von neuem schüren und es nun glücklich wieder zum Scheitern sowohl des deutsch-tschechischen, als auch des polnisch-ruthenischen Ausgleichs brachten. Die Folgen davon werden — wenn nicht in zwölfter Stunde ein unerwarteter Umschlag eintritt, — die Auflösung nicht nur des böhmischen und galizischen Landtages, sondern auch des österreichischen Abgeordnetenhauses sein. — Für die Neuwahlen rüsten sich aber bereits die Antisemiten aller Nationen, und Extrem-Nationale sowie Christlichsoziale reichen sich die Bruderhand bei Deutschen, Tschechen, Polen usw.! Die beiden großen Parteien der deutschen Bourgeoisie, die deutsch-freiheitlichen“ Deutschnationalen und die Christlichsozialen, haben bereits einen diesbezüglichen Pakt geschlossen, der einerseits die Zahl der antisemitischen deutschradikalen Mandate in Böhmen und andererseits die Wiedereroberung Wiens durch die Christlichsozialen bezweckt. Ebenso werden im tschechischen Lager National-Radikale und Christlichsoziale kooperieren und in Galizien sehen wir jetzt bereits das Bündnis der Allpolen, der podolischen Konservativen sowie der russophil gesinnten Ruthenen zum Zwecke einer gegen die demokratischen Elemente der Polen, Ruthenen und speziell auch gegen die Juden sich richtenden Wahl„reform“aktion. Infolge der letzten Balkankrise und der Zuspitzung der Gegensätze zwischen Oesterreich und Rußland hat Galizien und haben insbesondere die galizischen Juden schwer in wirtschaftlicher Hinsicht gelitten, eine Landtags- und gar eine Reichsratskampagne würde ihnen daher im jetzigen Momente keineswegs erwünscht sein. Immerhin müssen die Juden Galiziens und Gesamtösterreichs für alle Fälle vorbereitet sein und der „J ü - dische National verein für Oesterreich“ muß jetzt bereits alle Vorkehrungen für die eventuelle Auflösung des österreichischen Abgeordnetenhauses treffen, die ja doch nur die Frage einer kurzen Zeit sein kann. So wenig der Parlamentarismus der Habsburger Monarchie überschätzt werden kann und so unfähig er sich auch auf seinen bisherigen Grundlagen zur Erledigung der Reichs- und Volksnotwendigkeiten erwiesen hat, so viele Enttäuschungen er speziell auch den österreichischen Juden brachte, ist es doch eine Unmöglichkeit, bei den kommenden Wahlen Gewehr bei Fuß stehen zu bleiben und die Juden der Monarchie den assimilatorischen Wortführern zu überlassen. Vielmehr muß auch bei den schlechtesten Aussichten jede Wahlkampagne zum Zwecke der Nationalisierung der jüdischen Volksmassen, zur politischen Erziehung und Emanzipation von den bestehenden Parteien benützt werden. Die Devise aber, mit der die nationalen Jungjuden in die Wahlkampagne ziehen, muß in Gesamtösterreich, wenn wir nicht unsere Grundprinzipien verleugnen und wenn wir die jüdischen Volksmassen einheitlich erziehen und einheitlich organisieren wollen, ebenfalls einheitlich formuliert werden. Großzügig und verständlich muß die Devise Gesamtösterreich durchbrausen: Ein gleichberechtigtes jüdisches Volk unter gleichberechtigten Völkern in einem modernen, völkerversöhnten Neuösterreich.

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