Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 18 563 DIE^ELT freisinnigen Klüngeln Gefolgschaft leisten und immer wieder ein paar nichtjüdische Mandatsjäger in die Höhe heben, die ihre Wählerschaft bei der ersten, geeigneten Gelegenheit verraten, anstatt sich als bewußte Juden zusammenzuschli eß en und so bündnisfähig mit den wirklich freisinnigen nichtjüdischen Elementen zu werden. In gleichem Sinne sprachen die Herren Plaschkes und Dr. Paul Weisengrün. Schließlich wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in der es heißt: „Die Wählerversammlung nimmt die beschämenden Vorgänge im fortschrittlichen Parteilager mit Entrüstung zur Kenntnis und drückt den Mandataren, insbesondere denjenigen der Leopoldstadt ihr schärfstes Mißtrauen aus, da sie ihre Mandate gröblichst mißbraucht haben. Statt, wie sie es gelobten, ihren einheitlichen Kampf gegen die christlichsoziale Reaktion zu führen, verbrauchen sie ihre Kraft in gegenseitiger Befehdung. Sie haben die Reaktion gestärkt und die Wählerschaft verraten.“ Schließlich gibt die Versammlung der Hoffnung Ausdruck, daß bei den nächsten Wahlen die gewitzigte jüdische Wählerschaft ihre Stimme auf bewußtjüdische Kandidaten vereinigen werde. Der Antisemitismus in der englischen „Marconi“-Affäre (Von unserem Berichterstatter.) London. Wenn es noch einer Bestätigung bedurft hätte, dann hat die Aussage des früheren Redakteurs der „Eye-Witness“, der publizistischen Hauptanstifterin der englischen Marconi-Affäre, klargemacht, daß die ganze Kampagne aus rein antisemitischen Motiven. ins Werk gesetzt worden ist. Nach diesem Zeugen sollte in England eine anti-jüdische Bewegung geschaffen werden, die, ähnlich wie bei der Dreyfus-Affaire in Frankreich, den „jüdischen Einfluß“ vernichten sollte. Mr. Hilaire B e 11 o c, der Spiritus rector dieser antisemitischen Gerüchte, der inzwischen ebenfalls von der parlamentarischen Untersuchungskommission verhört worden ist, erklärte wiederum, daß er gegen die unterdrückten und armen jüdischen Massen nichts einzuwenden habe und nur die internationale jüdische Finanz bekämpfe. Aus dem jüdischen Leben Salonikis (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Der Stadtpräfekt von Saloniki hat dem hiesigen Großrabbiner mitgeteilt, daß gemäß der Anordnung des griechischen Ministeriums die Gemeindesteuer, die sogenannte Gabe 11 a , in Zukunft mit Hilfe der Stadtbehörden eingezogen werden könne. Dank dieser Bestimmung wird der Eingang der Steuer in Zukunft regelmäßiger erfolgen, was im Interesse der Gemeindeinstitutionen durchaus nötig ist. Die jüdischen Vereine unserer Stadt entfalten eine lebhafte Tätigkeit. Kürzlich veranstaltete der Turnverein „Makkabi“ eine Diskussion über „Zionismus und Sozialismus“. An der lebhaften Debatte beteiligten sich insbesondere die Herren Isac Alvo, A. Pardo und D. F1 o r e n t i n. Ferner veranstaltete der „Makkabi“ einen literarischen Abend, an welchem ein junges Mädchen, Fräulein Marie Matarasso, eine Ansprache hielt, in der sie die Gleichgültigkeit der jüdischen jungen Mädchen tadelte und sie aufforderte, sich mit jüdischen Dingen zu beschäftigen. Sogleich nach dem Vortrag bildete sich auf Veranlassung von Fräulein Rahel Cohen ein jüdischer Verein junger Mädchen, der die Grundlage für die Bildung einer Damenabteilung des „Makkabi“ schaffen wird. Die Söhne des kürzlich verstorbenen Herrn Nahama M a 11 a h haben zur Erinnerung an ihren Vater für den Fonds zum Bau einer jüdischen Schule, die auf Veranlassung des „Nouveau Club“ errichtet werden wird und für die der Hilfsverein eine Subvention zugesagt hat, die Summe von 10000 Francs gestiftet. Luxus-Ausgaben Vor kurzem feierte die „Jewish Publication Society“ in Philadelphia ihr fünfundzwanzig jähriges Jubiläum. Nach amerikanischer Art, mit amerikanischer Ueberschwänglichkeit. Festsitzungen, Vorträge, schließlich ein Bankett. Und dann sagt man noch, die Leute in Amerika hätten so wenig Zeit, seien so sehr „busy“! ... Es ist ja allerdings recht fraglich, ob denn das fünfundzwanzigjährige Jubiläum der amerikanischjüdischen Verlagsgesellschaft wirklich eine Festgelegenheit ist. Wir europäischen Juden haben wenigstens bisher nicht allzuviel von den Erfolgen und den praktischen Resultaten der Kulturarbeit dieses Verlagsinstituts gehört. Wir wissen, daß das größte jüdische Kulturwerk, das in Amerika geschaffen worden ist — die „Jewish Encyclopedia“ — in einem christlichen Verlag — bei Funk u. Wagnall — erschienen ist. Allerdings ist die Encyclopädie alles eher als ein Standard-Work, aber es war doch in gewissem Sinne eine Tat. Welches große, grundlegende Werk hat die „J. P. S.“ zu verzeichnen? Gewiß, die Schriften von Prof. Schechter, Jastrow usw., die von der J. P. S. herausgegeben wurden, sind wertvoll, aber schließlich erscheinen auch in anderen englischen und amerikanischen Verlagsanstalten Werke jüdischer Gelehrsamkeit. Was ein jüdisch-amerikanischer Verlag eigentlich als seine Hauptaufgabe betrachten sollte, die Verbreitung jüdischen Wissens unter den Massen, die Förderung wirklich jüdischer Kultur, dieses Ziel ist von der J. P. S. kaum erreicht worden. Kann auch gar nicht erreicht werden. Die breiten jüdischen Massen in Amerika, auf die es ankommt, die „downtown“-Juden lesen nicht englisch, brauchen auch nicht die Vermittlung des Englischen. Kann überhaupt eine englischjüdische Literatur in Amerika entstehen? Man sehe sich einmal die gegenwärtigen Zustände an. Die „jiddischen“ Zeitungen von New York und Chicago haben Riesenauflagen, haben einen gewaltigen Leserkreis. Man vergleiche nur damit die dürftigen Verhältnisse der englisch-jüdischen Presse in Amerika. Kleine Wochenblätter, Monatsschriften von geringem literarischen Wert. Sonst bringt die englisch-jüdische Kultur nichts hervor. Und der Grund? Die von amerikanischer Kultur bereits imprägnierten Juden haben ihre jüdische Eigenart zum großen Teil eingebüßt, sind als Juden unproduktiv. Ungefähr wie in Europa. Ebenso wie die verschiedenen „Archives Israelites“ sind all die zahlreichen englisch-jüdischen Revuen in Amerika Zwittergebilde und gehören keiner Literatur an. Gewiß, man darf nicht ohne weiteres den Stab brechen über diese oft ehrlich gemeinten Versuche, Judentum und Landeskultur zu amalgamieren. Hie und da kann auch dieses Beginnen Nutzen bringen. Aber überschätzen soll man diese arme, zur Unfruchtbarkeit verdammte, sich selbst negierende Literatur nicht. Und ebensowenig darf man den Wert der jüdisch-literarischen Arbeiten in den — nichijüdischen Sprachen überschätzen. Da hören wir z. B., daß Jakob Schiff 50 000 Dollars für die Herausgabe einer neuen englischen Bibelübersetzung gespendet hat. Das ist recht schön und lobenswert. Aber es fragt sich wohl, wozu hat sich Herr Schiff diese Ausgabe geleistet? Nicht, daß uns etwa die Vermögensverhältnisse des Herrn Schiff so sehr am Herzen lägen. Aber wohl unsere Vermögensverhältnisse, die des jüdischen Volkes. Denn die 50000 Dollars sind eine jüdische Nationalspende — aber an unrichtigem Platze, eine Verschwendung des Nationalvermögens. Eine neue englische Bibelübersetzung! Wozu? Für wen? Reicht denn die wunderschöne alte King-James-Uebersetzung nicht aus? Gerade dieses Bibelenglisch ist so stimmungsvoll, so feierlich, so reich. Was ist denn Carlyles Stil anderes,