Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 562 lieren wollen. Die Assimilanten vermögen über die jüdischen Massen nur mit unserer und der Regierung Unterstützung zu herrschen. Das mag vielleicht für uns traurig sein, es ist aber eine Tatsache. Meiner Ueberzeugung nach kann man niemandem eine Nationalität aufzwingen. Heute herrschen ungesunde Verhältnisse. Wir vermögen uns nicht damit abzufinden, daß die Juden immer die Regierung unterstützen, einerlei, ob die Regierung den Polen geneigt ist oder nicht. Die assimilatorischen Abgeordneten intrigieren ununterbrochen. Sie hetzen die Demokraten gegen die Allpolen oder umgekehrt und schaden den polnischen Interessen. Wenn Herr Loew enstein im Landtage es als Gefahr bezeichnet, daß Zionisten gewählt werden können, so betrachte ich das als einen Beweis der assimilatorischen Ohnmacht und als Beweis, daß sich die Assimilanten nur mittels Terror und Korruption an der Oberfläche des politischen Lebens halte n." Ein vernichtenderes Urteil über die Assimilation hat wohl nie ein Nationaljude abgegeben. Wir müssen nun abwarten, was aus den Verhandlungen der nächsten Tage wird und dann wiederum mit aller Energie unsere Ansprüche verfechten. Nahum Sokolow in Amerika (Kabel-Telegramm unseres Korrespondenten.) New York, 24. April 1913. Heute fand hier im großen Saal der Cooper-Union ein Meeting unter dem Vorsitz von Herrn Dr. M a g n e s statt, bei dem die Herren Nahum Sokolow und Nathan Straus Ansprachen hielten. Herr Straus erklärte unter dem stürmischen Beifall der Versammlung, daß er sich zum Programm des Zionismus voll und ganz bekenne und die Tätigkeit der zionistischen Organisation in jeder Weise fördern werde. Die Antwort der Zionistischen Vereinigung für Deutschland auf die Resolution des Zentral Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Berlin, 1. Mai 1913. Heute fand hier im Saal des Brüdervereinshauses eine außerordentliche Tagung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt, bei der die deutschen Ortsgruppen, das Kartell Zionistischer Verbindungen, der Bund Jüdischer Corporationen, die Jüdische Turnerschaft, sowie die übrigen zionistischen oder nationaljüdischen Verbände in Deutschland durch 90 Delegierte vertreten waren. Der Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Dr. A. H a n t k e , eröffnete die öffentliche Sitzung, der mehrere hundert Personen als Zuhörer beiwohnten, um 3 Uhr nachmittags und erteilte Herrn Rechtsanwalt Dr. Klee das Wort zu seinem Referat. In längeren Ausführungen beschäftigten sich sodann die Herren Dr. Klee (Berlin), Dr. Moses (Mannheim), Kurt Blumenfeld (Berlin) und Julius Simon (Mannheim) mit der bekannten Resolution des Zentralvereins und begründeten eine Gegenerklärung, die die deutschen Zionisten zum Austritt aus dem Zentralverein auffordert und die Gründung eines Vereins verlangt, der unter strikter Wahrung der Neutralität in allen innerjüdischen Fragen für die Rechte aller deutschen Juden eintritt. Diese Resolution wurde unter dem Beifall der Versammlung von den Delegierten einstimmig angenommen. Die Spaltung der Freisinnigen Wiens Die Vorgänge im Gemeinderate. — Die Folgen für die Juden. — Protestversammlung des jüdischen Volksvereins. (Von unserem Berichterstatter.) Wien. Vor Jahresfrist gelang es den Christlichsozialen, trotz schmutziger Parteiaffären, trotz „Gott Nimm" und trotz Wühlereien zahlreicher Parteiabtrünniger, von 164 Gemeinderatsmandaten 134 zu gewinnen. Das Rezept, den drohenden Parteizerfall hintanzuhalten, war einfach: Sie fragten den Wiener nicht nach seinem Partei- und Programmbekenntnis — sondern lediglich nach seiner Stellung zum jüdischen Mitbürger. Die Abstimmung ergab in der allgemeinen Kurie, daß fast das ganze nichtjüdische bürgerliche Wien seine Judenfeindschaft deklarierte und daß in den übrigen Wahlkörpern die nichtjüdischen Stimmen der „Freiheitlichen“ an den Fingern zu zählen waren. Wer nach dieser furchtbaren Niederlage hoffte, daß wenigstens das Grüppchen Oppositioneller Zusammenhalten und der gewaltigen Majorität die Stirn bieten werde, sieht sich durch die jüngsten unerhörten Vorgänge im Gemeinderate bitter enttäuscht. Vierfach gespalten stehen die Freisinnigen mit geballten Fäusten einander gegenüber und beschimpfen sich in öffentlichen Versammlungen ganz unflätig. Luegers Erbe, Weißkirchner, hält sich an den Grundsatz seines Meisters, daß es nützlich ist, dem geschlagenen Gegner Gnaden zu spenden und zeigt sich geneigt, Oppositionelle in ein paar Ausschüsse hineinzulassen, ohne aber, wie es parlamentarischer Brauch ist, der Minorität prozentuellen Anteil an allen Ausschüssen, insbesondere am Stadtrate, zu gewähren. Sofort taten sich einige von Juden gewählte Streber, die gern in die christlichsoziale Sonne rücken möchten, sowie einige jüdische Gemeinde- und Bezirksmandatare, die den bürgermeisterlichen Gnadenakt mit sklavischem Entzücken entgegennahmen, als „Arbeitswillige" zusammen und stehen dem neuen Herrn von Wien zu Diensten. Der christlichsoziale Renegat S i 1 b e r e r, den die unverantwortlichen assimilatorischen Führer während der letzten Wahlen im Triumphe durch die Leopoldstädter Wählerversammlungen führten, nützte flink die Gelegenheit, um in öffentlicher Sitzung im eigenen und im Namen von drei andern nichtjüdischen „Freisinnigen" zu erklären, daß sie nicht mehr „oppositionell" sind. (Heimg’funden! rief treffend ein sozialdemokratischer Gemeinderat.) Bald nach den skandalösen Gemeinderatssitzungen, in welchen die feindlichen freisinnigen Brüder gegeneinander losfuhren, zeigte sich, daß die Juden die Zeche zahlen werden und daß das Entgegenkommen der Antisemiten beim Judenpunkte Halt macht In den für die Juden so wichtigen H eimatsrechtsausschuß, mit dem man die betrogene jüdische Wählerschaft für die neue „Arbeitspartei" köderte und für den der jüdische Gemeinderat K o d i c e k designiert war, wurden die Herren nicht hineingelassen und ebenso in den Disziplinarausschuß nicht. Nicht zu reden von dem Hohnlachen der Judenfeinde, denen die ganze Angelegenheit natürlich nur eine jüdische Katzbalgerei ist, an der sie sich weiden, wie an einem Pratergaudium... Zum Schaden, daß die Opposition zerschlagen und verraten ist, kommt also noch der Spott. Der „Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt“ hielt eine massenhaft besuchte Protestversammlung ab, in welcher der Obmann des Vereins, Ober-Ing. Robert Stricker die Zustände innerhalb der freisinnigen Gemeinderatsopposition und insbesondere das Verhalten des verantwortlichen Leopoldstädter Reichsratsabgeordneten Dr. Ofner kritisierte, der es nicht der Mühe wert fand, einzugreifen. Abermals habe sich gezeigt, wie schädlich und lächerlich es sei, wenn die Juden diversen politischen, pseudodies|eelt