Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 18 diesqKelt tung ausgeschlossen würden. Höchstens wollten sie noch den Gouverneuren das Recht zugestehen, nach Belieben ein paar Juden zu Stadtverordneten zu ernennen, von einer Beteiligung der Juden an den städtischen Wahlen wollten sie aber nichts wissen. Bei dieser Gelegenheit versicherte ein angesehenes Mitglied der Rechten, Herr Narischkin, seinem hohen Auditorium, daß die Juden die Feinde der ganzen Welt wären, daß sie von finsterem Haß gegen die Christen erfüllt, in allerlei Geheimbünden unheilvolle Ränke gegen die christliche Welt schmiedeten und daß daher kein auf sein Wohl bedachter Staat eine andere Lösung der Judenfrage finden könne, als die seinerzeit von Spanien angewandte. In dieser Rede fehlten auch nicht leise Andeutungen über den Ritualmord und dergl. Noch ergreifender schilderte Herr Su b t s ch a n i n o w die unsägliche — Christennot. Schon der große Cicero hätte nur flüsternd dem Richter ins Ohr zu sprechen gewagt, wenn es sich um eine jüdische Sache handelte. Und so sei es bis auf den heutigen Tag geblieben. „Man darf alle Stände beschimpfen, alle Ideen besudeln, jede Religion in den Kot zerren, nur das Judentum darf mit keinem Worte der Kritik berührt werden." Diese gründliche Auskunft über unsere Verhältnisse in Rußland hatte übrigens keine praktischen Folgen. Der Staatsrat hatte keine Lust, an dem von der Duma gebilligten Gesetzprojekte einschneidende Aenderungen vorzunehmen und nahm die Vorlage in der Fassung der Duma an. Immerhin hatte der Antrag der Rechten mehr Erfolg als der entgegengesetzte Antrag der „Linken" auf völlige Streichung der Einschränkungen für die Juden. Der Antrag der Rechten vereinigte eine ansehnliche Minderheit auf sich, während für den liberalen Antrag sage und schreibe vier Mitglieder des Staatsrats stimmten. Um die Landtagswahlreform (Von unserem Berichterstatter.) Lemberg. Die galizische Landtagswahlreform, die durch ein Kompromiß zwischen Polen und Ruthenen gesichert werden sollte, ist stark in Frage gestellt. In der bisherigen Gestalt scheint sie jedenfalls gescheitert zu sein. Der Statthalter und sein Mehrheitsblock mußten vor den Minoritätsparteien weichen, hauptsächlich, weil diese für einen Teil ihrer Forderungen das polnische Episkopat zu gewinnen verstanden. Sollte die Wahlreform überhaupt noch vor den Ferien zur Erledigung gelangen, so wird dies nur nach wesentlichen Aenderungen und unter einem neuen Statthalter geschehen können. Es wird jetzt eifrig in Wien verhandelt, und die nächsten Tage können allerlei Ueberraschungen bringen. Unsere Partei und mit ihr die Juden Galiziens haben am allerwenigsten Grund, wegen des Scheiterns dieses Wahlreformprojektes und des Rücktritts dieses Statthalters traurig zu sein. Zu dem mehrfach an dieser Stelle geschilderten Wahlrechtsraub an den Juden hatte sich in letzter Stunde noch ein neues Unrecht gesellt. Um die Bischöfe darüber zu „beruhigen“, daß keine „Demokratisierung" des Landtags erfolgen werde, hatte man — auf Antrag eines Parteigängers des Dr. v. Loew enstein — beschlossen, den Juden weitere drei Mandate zu nehmen, indem man Tarnopol und Drohobycz, wo zwei Abgeordnete gewählt werden sollten, zu einmandatigen Wahlkreisen machte und im Wahlbezirke Zloczow-Brzezany durch die Zuteilung des Städtchens Kozowa die Juden fast in die Minorität drückte. Auf diese Weise hätten die Juden anstatt der auf Grund ihrer Zahl mit Recht beanspruchten 25 Mandate, höchstens auf 10 Vertreter im neuen Landtage rechnen können. Wenn diese „Reform" scheitert und der Statthalter zurücktritt, so können die Juden damit nur zufrieden sein. Die Amtsführung des Statthalters Dr. Michael Bobrzynski erstrebte zweierlei: den polnisch-ruthenischen Ausgleich und die Unterdrückung der Juden. Der Ausgleich sw eg der Polen und Ruthenen 561 sollte über den politischen und wirtschaftlichen Ruin des galizischen Judentums führen. Die fünfjährige Amtstätigkeit Bobrzynskis bildet einen der traurigsten Abschnitte in der Geschichte der galizischen Juden. Die einzelnen Kapitel dieses Abschnittes lauten: Die grausame Handhabung des Schänkergesetzes im Jahre 1910, wodurch 10 000 jüdische Familien ihren Unterhalt verloren; die Volkszählung des Jahres 1910, bei der diejenigen, die die jüdische Muttersprache angaben, bestraft wurden; die Reichsratswahlen im Jahre 1911, während deren der Statthalter vor keinem Mittel zurückschreckte, um die Juden ihrer eigenen Repräsentanz zu berauben. Den Höhepunkt dieser Ereignisse bildete das Blutbad von Drohobycz; die wirtschaftliche Krise des Jahres 1912, die den jüdischen Mittelstand zugrunde richtete, ohne daß der Statthalter das geringste Verständnis für die Rettung jüdischer Steuerzahler mit Hilfe der Großbanken zeigte; endlich die letzten Landtags-Wahlreformbestrebungen. ln dem schweren Kampfe der letzten Wochen stand unsere, die zionistische, Partei allein, und versuchte das Menschenmögliche, um noch in letzter Stunde eine Besserung zu erzielen. Während der Pessachfesttage fanden in der Wahlreformangelegenheit in folgenden Orten Versammlungen statt: Z 1 o c z ö w (Referent Adolf Stand), Tarnopol (Referent Dr. Michael Ringel), Kolomea (Referent Dr. Leon Reich), Buczacz (Referent Leon Wechsler). Vorher hatten große Versammlungen in Lemberg, Brody, Drohobycz, Jaroslau, Krakau, Sambor, Stanislau,. Stryj, Tarnow, Tysmienica, Z 1 o c z o w stattgefunden. Ueberall wurde das Proportionalrecht d. h. die Schaffung von 25 Wahlkreisen mit gesicherter jüdischer Majorität gefordert und ein Mißtrauensvotum gegen die Abgeordneten Loewenstein, Kolischer, Landau, Rittei, , Sare beschlossen, die mit der Partei des Statthalters gingen. Daß auch bei gewissen polnischen Gruppen Verständnis für die berechtigten jüdischen Forderungen besteht, beweisen folgende Aeußerungen, die der Führer der Allpolen, Obmann des Polenklubs und Eisenbahnminister Exzellenz Dr. Stanislaus Glombinski, getan hat: „Ich habe vor allem verlangt, sagte er, daß in den sechs Wahlkreisen, für die Doppelmandate vorgesehen sind, das Proportionalwahlrecht eingeführt werde. Während der Beratungen in Wien einigten sich alle polnischen Parteien, daß in den sechs Wahlbezirken, die je zwei Mandate erhalten, das Proportionalwahlrecht eingeführt werde, damit für die christliche Bevölkerung je ein Mandat gesichert und ihre Unabhängigkeit von den jüdischen Stimmen festgelegt sei. Aber nach kaum zwei Monaten beschlossen die Führer der Blockparteien, das Proportionalsystem aufzugeben und die Listenwahlen einzuführen. Diese plötzliche Aenderung rührt daher, weil Herr Loewenstein sowohl seine Partei als auch die anderen Parteien zu überzeugen verstand, daß im Falle der Einführung des Proportionalwahlsystems die Juden in den Städten lauter Zionisten, die Polen lauter Allpolen wählen würden. Loewenstein und die Blockparteien sind deshalb gegen das Proportionalwahlrecht — führte Glombinski im weiteren Verlaufe des Interviews aus —, weil sich die Zionisten dafür ausgesprochen haben. Ich und meine Partei aber sagen, die Situation muß geklärt werden. Leisten die jüdischen Massen im Lande tatsächlich den Zionisten und nicht den Assimilanten Gefolgschaft, so müssen wir uns mit dieser Tatsache abfinde n, mag sie uns auch unangenehm sein. Ich vermag darin kein Unglück zu erblicken, wenn einige Zionisten im galizischen Landtag Sitz und Stimme haben werden. Das habe ich mehrmals in der Wahlreformkommission erklärt. Ich habe das Recht, in dieser Frage mitzureden, denn ich war einer der Mitbegründer des assimilatorischen Vereins „Agudat Achim" in Lemberg und einer der ersten Verfechter der Idee der polnisch-jüdischen Assimilation. Die Entwicklung hat aber gezeigt, daß die jüdischen Massen sich nicht assimi-