Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1913-05-02 · 18 (2.5.1913) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316567-3316592--57387-3375845
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 18- — PIEffiELT — -- — ■ 559 Wirtschaft die freie Konkurrenz, — damit stellt er den Strom des damaligen Liberalismus in den Dienst seines Kampfes. Das Recht aber kenne keinen Unterschied der Bürger. Selbst wenn die Juden eine Nation wären, so sei es der Zivilisation unwürdig, sie nicht gleichstellen zu wollen. In dem organischen Gang der geschichtlichen Fortbildung habe sich das Recht von dem Standpunkt der Wilden, die den Fremden aufessen, weit entfernt: mit Anerkennung gedenkt er Amerikas, das seine Neger, Frankreichs, das in den Kolonien seine Farbigen gleichstellte. „Die Gesetzgebung hat die Bedingungen des Rechtsanspruchs für alle auf gleiche Weise festzusetzen, sie hat es mit der Tat, mit der Pflicht, mit der Leistung, nicht mit der Persönlichkeit zu tun, gegen welche sie blind ist, wie die Gerechtigkeit“. Da die deutschen Juden rechtlich keine Fremden, sondern Deutsche seien, da sie rechtlich heimatlos sein müßten, wenn man ihnen ihr Deutschtum bestreite, so habe die Gesetzgebung sie eben als solche anzuerkennen, und nicht irgend einen Gesichtspunkt der Ehre anstelle des heiligen Begriffes des Rechtes zu Es ist kaum nötig, dem Bilde noch hinzuzufügen, inwieweit wir uns zu Gabriel Riesser gehörig fühlen, wie weit wir glauben, ihn überwunden zu haben. Vor allem, wir empfinden die Gemeinsamkeit des Blutes und der Geschichte als lebendigen, ideetragenden und ideebeherrschten Wert, und bedürfen nicht mehr, auch wenn das religiöse Band schwindet, eines mehr oder weniger bewußten Trutzjudentums. Mag sein, daß die Kraft, die wir national nennen, die an und aus der Stammeseinheit Kulturwerte zeugt, vor hundert Jahren noch schlummerte, vieles deutet darauf hin, daß sie erst in der Zeit der Emanzipation oder doch seit dem ungehinderten Anteil an der Ganzheit kulturellen Lebens sich entfaltete, nachdem dem deutschen Juden eine jüdische Kultur abhanden gekommen war: genug, uns wurde die Nation zum unverlierbaren Erlebnis. Aber daß Riesser sie nicht empfand, lag sicherlich auch an der Grundstimmung seiner Seele, die ihn den Männern der Paulskirche gesellte: an der Richtung auf eine von den Tatsächlichkeiten des irdischen Daseins losgelöste Idee. Daher seine ethische Gesinnung, die eine nationale Abneigung als unwürdig und unsittlich brandmarkte, sein Glaube an die ewige Idee des Judentums, für deren Fortwirken der Körper der Judenheit belanglos sei, der reine Individualismus seines Rechtsbewußtseins, demgegenüber die an das Stammestümlich- Nationale gebundenen Entfaltungen des menschlichen Geistes so gut wie verschwinden. Daß ein solcher Mann, die Inkarnation reinen Rechtsgefühls, der Führer im Kampf um die Gleichstellung wurde, war vielleicht notwendig. Der Kampf darf noch nicht zu Ende sein, wir hoffen, daß eine wirkliche Gleichstellung dem deutschen Juden den letzten Rest knechtischer Gesinnung nehme, aber wir denken um seinetwillen nicht auf unsere ernsteste Aufgabe zu verzichten, die Sorge für die Zukunft des jüdischen Volkes. Es bedarf auch dieses Verzichtes nicht. Mögen die Konflikte des deutschen Judentums tiefer sein, als die abstrakte Lehre der allgemeinen Menschenrechte zuzugeben bereit war, die Aufgabe ist, soweit es sich um öffentlich-rechtliche Dinge handelt, dieselbe geblieben. Durchzuführen ist sie nur in dem Sinne Riessers: subjektiv mit der persönlichen Würde, die ihn beseelte, objektiv getragen von der Idee des Rechts. Es darf bezweifelt werden, ob sie heute so erfaßt zu werden pflegt. Der Verein, der sich ihr seinen Statuten nach widmet, und der sich in begreiflicher Verehrung auf Gabriel Riesser zu berufen pflegt, hat, niemand wird es leugnen, der Sache des Judentums wertvolle Dienste geleistet. Aber dessen sollten sich die Männer, die an seiner Spitze stehen, bewußt sein, wie schmählich weit sie sich von den Wegen Riessers entfernt haben. Wenn sie soeben erst, in bewußter Rücksicht auf die herrschende Meinung, eine Scheidewand zwischen ihrer deutschen Gesinnung und der der Zionisten, oder meinetwegen eines Teils der Zionisten errichten, nicht gerade in besonders mutiger Form, dann sollte ihnen der Gedanke an die unbedingte Ehrfurcht Riessers vor den Ideen des absoluten Rechts, an seine publizistische Stellung zur Orthodoxie, an seine Behandlung der Rassenfrage, an seine aufrechte Haltung gegenüber den Staatsgewalten und den Staatslehren die Schamröte ins Gesicht treiben. Wenn sie in Ermangelung eines großen Gedankens in Denunziationen und Denunziatiönchen den größten Teil ihrer Kräfte erschöpfen, so wollen wir uns an Gabriel Riessers Worte halten: Die erste Frage ist für uns immer die, welches Mittel das würdigste, die zweite, welches das zweckmäßigste ist. o /?= O II □ □ □ □ j □ WELTCHRONIK □ □ □ I □ □ II o Antisemitismus im deutschen Bankgewerbe Berlin. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß der Antisemitismus die wirtschaftliche Zurückdrängung der Juden mit besonderem Eifer betreibt. Der Grund liegt nicht, wie die Schauermärchen der antisemitischen Zeitungen melden, in dem geschäftlichen Verhalten der Juden, sondern in einer ganz allgemeinen Erscheinung, die, allen Beschwörungskünsten unserer naiven Assimilanten zum Trotz, immer wiederkehrt, wo Juden sich in größerer Zahl niederlassen. Es ist der Konkurrenzneid der christlichen Bevölkerung, der die wirtschaftliche Position der Juden unaufhörlich zu untergraben strebt. „Ote toi, que j’y me mette.“ Dieser Konkurrenzneid, der aus dem schweren wirtschaftlichen Ringen der Gegenwart entsteht, sucht sich in den Juden ein Opfer, weil die Juden als eine besondere Bevölkerungsgruppe leicht einen Vorwand bieten, unter dem man ihre wirtschaftliche Stellung angreifen kann. Wir finden diese Erscheinung überall, auch in den Ländern, die als besonders freiheitlich und fortgeschritten gelten. Diese judenfeindliche Bewegung erhält nun neuerdings eine Stütze in der fortschreitenden Bureaukratisierung und Syndikalisierung der großen Betriebe. Während früher einzelne Juden durch besondere Tüchtigkeit ihre Geschäfte entwickeln konnten, und so die angesehensten Geschäftshäuser insbesondere im Bankgewerbe schufen, sind nunmehr durch die Zusammenfassung der Kapitalien in ganz großen Unternehmungen bureaukratisch regierte Betriebe entstanden, die — aus den erwähnten antisemitischen Gründen — den Juden den Zutritt verweigern. So sehen wir z. B. in Deutschland, daß das Bankgewerbe — früher geradezu eine Domäne der Juden — den jüdischen Einfluß immer mehr ausschaltet. Aehnliche Erfahrungen machen jüdische Bewerber täglich bei vielen großen industriellen Unternehmungen, in deren Aufsichtsrat vielfach noch Juden sitzen. Ueber einen krassen Fall von Antisemitismus dieser Art berichtete kürzlich die Finanzzeitschrift „Plutus". Danach nimmt der A. Schaaffhausensche Bankverein in seiner Kölner Hauptniederlassung keine Juden auf. Die Direktion des Instituts erließ dann folgende Erklärung:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.