Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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558 Nr. 18 DIE3§KELT ständige Entfaltungsmöglichkeit gäbe. Ja, er war überzeugt, daß nach wenigen Generationen, wenn die Emanzipation erst durchgeführt sei, und mit ihr nicht nur die Erlaubnis, sondern auch die sittliche, aller Würdelosigkeit bare Durchführung der Mischehe, — daß dann die Stammeseinheit des Judentums verschwinden werde. Das beunruhigte ihn nicht, im Gegenteil. Denn die Ewigkeit des Judentums war ihm die Ewigkeit der Idee, das Ewige aber könne nicht durch seinen Zusammenhang mit dem Irdischen erhalten bleiben, nein, es müsse gerade von den national-korporativen Elementen, die sich ihm beigesellt haben, befreit werden, um rein als Idee sich entfalten zu können. Worin aber bestand die einigende Idee des Judentums? Es ist schwer, ja unmöglich, aus seinen eigenen Aeußerungen eine klare Definition zu erhalten. In dem ersten Aufsatz, den er mit vierundzwanzig Jahren schrieb, bekennt er sich zur zeremonienfreien jüdischen Religion, nicht ohne sich in einen seltsamen Widerspruch zu verwickeln. Wie er das Christentum stets durch seine Dogmen, die Menschwerdung Christi, die Seligkeit durch den Glauben bestimmt fand, nicht etwa durch das Gebot der Nächstenliebe, das ja vielen Religionen gemeinsam ist, so schilt er auch hier auf die vermittelnde Richtung, die wohl mehr zur Verflachung als zur Humanität führe und die Sittlichkeit selbst, das innere Wesen der Menschheit, intolerant für das Eigentum eines bestimmten Glaubens in Anspruch nehme. Man sollte glauben, daß nun auch sein Judentum individuelle Farben trüge, aber er nennt das unbesiegbare Vertrauen auf eine göttliche Führung und den endlichen Sieg des Rechten und Guten. Die Wahrhaftigkeit, den Gott der Wahrheit und der Liebe, — nicht einmal die Freiheit von Dogmen erklärt er, wie ja wohl Zeitgenossen taten, als Merkmal der jüdischen Religion. In späteren Schriften spricht er noch allgemeiner von der Pietät, der Elternliebe, der Ehrfurcht vor elterlichen Sitten und Lieberlieferung, — so besuchte er zuweilen den reformierten Tempel in Hamburg, sieht in den freien menschlichen Bestrebungen um Emanzipation, Bildung, Wohltätigkeit ein einigendes Band des Judentums, während die Einheit der religiösen Lieberzeugung schwankend geworden sei, ja, gegen Ende seines Lebens ist er bereit, wenigstens in Parenthese zuzugeben, daß man richtiger von der Geburt, als vom Glauben redete, und so dürfen wir wohl annehmen, daß es im Grunde nicht eine einzelne jüdische Lehre war, die ihn an die jüdische Gemeinschaft fesselte. Der Grund für seine Treue war vielmehr ein angeborenes Gefühl für Würde, für Ehre. Das eigentliche Unglück des Juden ist ihm die entsetzliche Demut, eine Folge der Erniedrigung und Schwäche, die er zur Würde und zum Selbstgefühl umgestaltet wünschte. Dazu scheint ihm schon in der Erziehung die körperliche Ausbildung der Kinder notwendig, „denn das Gefühl der Kraft macht sicher, heiter und gutmütig", wie er denn selbst schon in der Jugend Anpöbeleien mit Ohrfeigen beantwortete und, als er einmal gegen Heine einen heftigen persönlichen Angriff, den er durchaus aufrecht hielt, gerichtet hatte, diesem sagen ließ, daß er zu einer Reise nach Paris und zu jeder Satisfaktion bereit sei. Darum wollte er der herrschenden Religion und der herrschenden Klasse mindestens so lange kein Zugeständnis machen, als sie die Juden unterdrückte. Daher seine Betonung der Dogmen im Christentum, daher heftige Bemerkungen, wie etwa von dem Leichengeruch in den Verhandlungen des Preußischen Herrenhauses, daher der ironische Ton: anders als zur Zeit der Evangelisten übe das Evangelium in der Gegenwart seine Anziehungskraft auf die reichen, nicht auf die armen Juden aus. Daher seine grimmige Erwiderung auf die Behauptung eines Gegners, daß die Abneigung des Christen gegen die Juden eine physisch-moralische Idiosynkrasie sei, gegen die sich ebenso schwer ankämpfen lasse, wie gegen den Widerwillen, den mancher gegen Blut oder Insekten habe: „Wenn das Scheußliche, was sich in diesem Worte zusammendrängt, der wirkliche Inhalt der Stimmung der Christen gegen die Juden wäre, dann sei in Gottes Namen das Band der Menschheit zwischen uns zerrissen. Dann werde Abscheu mit Abscheu, Ekel mit Ekel, Verachtung mit Verachtung erwidert." Er war im Gegensatz zu den damaligen Liberalen kein Freund des Kampfes gegen die Orthodoxie, er hat es, obwohl ihr in keiner Weise nahestehend, stets zurückgewiesen, daß es für das Gesetz verschiedene Klassen von Juden je nach der „Rückständigkeit“ ihrer Weltanschauung geben könne, — eine Anschauung, die uns durch Bismarcks Rede von 1847 vertraut ist, — und als einmal die Liberalen Frankfurts eine Erklärung gegen die Speisegesetze, die Beschneidung, den Talmud planten, wollte er sie nicht ohne Mißbehagen, aus sittlicher Notwendigkeit unterschreiben. Als aber die Reformer es mit der Angst bekamen, eine zahmere Deklaration verfaßten, und, um nicht mit den Staatsbehörden in Konflikt zu geraten, das Alte Testament verschonten, dagegen den Talmud ablehnten, da erklärte Riesser, daß die zweite Erklärung sich zur ersten verhalte wie unedle Feigheit zu würdiger Offenheit, wenn die Bibel höflich geschont werde, der vornehmen Verwandtschaft mit dem Christentum und der hohen Polizei wegen. Diese Konvenienz gegen die Staatsbehörde sei ein ungeheurer verderblicher Rückschritt, den er nicht mitmachen werde. Ja selbst seine Achtung vor der inneren Lieberzeugung des einzelnen tritt vor dem Gesichtspunkte der Ehre einmal in den Hintergrund. Die Mitglieder des Vereins zur Durchführung der Emanzipation, dessen Gründung er in seiner Erstlingsschrift vorschlägt, sollen versichern, ihren Glauben nicht mit dem herrschenden vertauschen zu wollen, selbst wenn ihr Gemüt zu dessen Lehre sich hinneige, bevor die rechtliche Gleichstellung der Juden erreicht sei. Die Art des Kampfes für dieses Ziel, die Begründung seiner Forderungen war bedingt durch seine Auffassung der Momente, die seinen Ideen widerstrebten. An einen natürlichen, in der Rasse begründeten Judenhaß glaubte er nicht, weil er ihn von den Bedingungen seiner Natur aus nicht verstehen konnte. „Unbegründete Liebe mag schön sein, aber unbegründeter Haß ist abscheulich. Es gibt nichts Hassens werteres als jenen Haß, nichts Verachtenswerteres als jene Verachtung." Ja, einstmals habe es eine Verfolgung der jüdischen Religion gegeben. Damals, als das Christentum überhaupt noch die Ungläubigen, auch in seinen eigenen Reihen, habe ausrotten wollen, jetzt aber sei jenes Gefühl geschwunden, und eine Verachtung um der Geburt willen sei Gemeinheit und Dummheit. Auch die Religion gebe nur den Vorwand her, in Wahrheit handle es sich um nichts als um die Furcht vor der Konkurrenz, ob man nun den Juden das Handwerk verbiete oder sie nicht zu Universitätsdozenten ernenne. Riesser hat die Zeit nicht mehr erlebt, in der der Judenhaß wieder in Reinkultur hereinbrach. Ob es ihm gegangen wäre wie Emanuel Lasker, der sich in seiner tiefen Enttäuschung dem schwachen Trost hingab, daß der kleine Strom nur eine flüchtige Welle im Strome der Geschichte darstelle, ob er wie Berthold Auerbach im Bewußtsein vergeblicher Lebensarbeit zusammengebrochen wäre, wir können es nicht entscheiden. Wenn ihn etwa ein Stück des alten Judenleides ergriff, so suchte und fand er Trost in den „reinen Höhen menschlicher Beziehung", in Verhältnissen der Freundschaft und des Vertrauens, im Glauben an die Vernunft, und — im Kampf für seine Gemein- Dem Konkurrenzneid, den er zu sehen glaubte, setzte er das Gesamtwohl und den Rechtsgedanken entgegen. Das Gesamtwohl fordere im Gegensatz zur Privilegien-