Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XVII. JAHRO. BERLIN, 2. Mai 1913 unV?j? V'ann 'X P'i rt"3 IMHAI T* M- CALVARY: Im Kampf um die Gleichstellung — WELTCHRONIK — H. KADIS CH: Jüdisch-politische ^I/AL 1 Streiflichter aas Österreich — A. ELIASBERG: Unsere Palästinapolitik und das Jerusalemer Gymnasium — PALÄSTINA-RUNDSCHAU — AUS DER BEWEGUNG — FEUILLETON: HUGO HERRMANN: Juden und Deutsche Im Kampf um die Gleichstellung Zum Gedächtnis Gabriel Riessers. Von Moses Calvary Ein eigenartiges Geschlecht, die Männer der Paulskirche! Träumer und Phantasten gescholten, den Blick unbeirrt auf das Ziel des staatlichen Lebens, nicht auf seine natürlichen Triebkräfte gerichtet, sind sie es doch gewesen, die das heutige Deutsche Reich, das Reich Bismarcks, zwar nicht unmittelbar kausal bestimmten, aber gleichsam in seiner Idee zuerst erlebt und durch den Widerhall, den sie weckten, erst ermöglicht haben. Unter ihnen taucht, ganz ihrer Art, ein Jude auf, vor dem selbst der Haß Treitschkes Halt machen mußte: Gabriel Riesser. Ein Mann, der sein Leben, neben und innerhalb jener Arbeit an der Verfassung des Deutschen Reiches, im wesentlichen der Gleichstellung des deutschen Judentums gewidmet hat. Wir deutschen Zionisten haben allen Grund, uns seiner dankbar zu erinnern, auch wenn man nicht die fünfzigste Wiederkehr seines Todestages dazu benutzt hätte, wiederum die Zionisten den deutschgesinnten Juden absprechend gegenüberzustellen. Wir werden uns freilich hüten, so zu tun, als ob sich in diesen fünfzig Jahren im jüdischen Dasein nichts geändert hätte: eine tiefe Kluft trennt die jüdische Gegenwart von der damaligen Zeit, und es hieße, den Männern des Emanzipationskampfes schlechten Dienst abstatten, wollten wir ihre lebendigen Ideen, wie begründet sie ihrer Zeit gewesen sein mögen, nun als versteinerte Prinzipien in alle Ewigkeit mitschleppen. Gabriel Riesser war keine komplizierte Natur, von jüdischer Zerrissenheit wahrlich frei, es gibt unter den Juden von geistiger Bedeutung kaum einen, der so einfach, aus so wenigen Grundkräften heraus verständlich wäre. Von einer starken, geistigen Leidenschaft erfüllt, eine Kämpfernatur, selbstbewußt im besten Sinne, von reiner Wahrheitsliebe und unbedingter Mannhaftigkeit, strebte er einem Ziele zu, der Verwirklichung des Rechts. Das Recht ist ihm die höchste Aufgabe seines Lebens, die Bestimmtheit durch Grundsätze des Rechtes die wesentliche Bedingung der Gesetzgebung. Der bis zur Einseitigkeit hochgespannte Gedanke der Herrschaft des Rechts läßt ihm alle andern Lebensformen in den Hintergrund treten. Die Lehre von den allgemeinen Menschenrechten ist die natürliche Grundlage seiner Weltanschauung, und nur diejenigen Begebenheiten sind ihm wahrhaft wichtig, die dieser Theorie sich restlos einfügen: die allgemein menschlichen und die staatlichen. Aus dieser Gesinnung heraus ist auch seine Stellung zur Judenfrage mit einem Blicke zu verstehen. Am Recht ist zunächst seine Auffassung der Nation orientiert, sie ist ihm ein organisatorischer Begriff. „Nation ist eine durch ein politisches Band, durch gemeinsame Zwangsgesetze, durch eine gemeinsame höchste Gewalt verbundene Gesamtheit." Es gibt aber keine rechtliche, politische Einheit, die die Juden zusammenfaßte, sie sind in jeder „weltlichen" Beziehung ohnmächtig. In einer Eingabe, die er für die Juden Badens verfaßt, bekennen diese sich zur Badischen Nation. Daß die Juden in diesem Sinne keine Nation sind, es braucht kein Gott vom Himmel herunterzukommen, um uns das zu erklären. Aber wir wollen die Frage nicht auf eine Definition zuspitzen, es erhebt sich ja doch dahinter nur das neue Problem, aus welchem Untergründe seiner Seele Riesser notwendig zu seiner Definition gekommen ist. Es ist sicher, die jüdische Nation in unserm Sinne hat er nie erlebt. Der gewaltige Drang nach Zusammenfassung all der wogenden deutschen Kräfte zu einer staatlichen Einheit, der Wille, die allgemeinen Rechte des Menschen zu einer Verfassung zu gestalten, das hat ihn mächtig gepackt; daß aber die Blutsgemeinschaft außer einer Art Familienpietät noch allgemeine geistige Werte erzeugen könne, daß aus dem Stammestum höhere Kräfte als bloß naturwissenschaftlich bedingte erwachsen, das blieb ihm stets verschlossen. Mit Heine hat er als Jude gar nicht, nur als Kritiker sich auseinanderzusetzen, Börne ist ihm zufällig von jüdischen Eltern geboren. Auch die Religion ist ihm kein Stammeserzeugnis. Der jüdische Stamm war in Riessers Geschichtsauffassung nie der Träger, sondern die Hülle der jüdischen Religion gewesen, heute nicht mehr erhaltenswert, wenn nur erst die freiheitliche europäische Entwicklung der Religion eine selb-