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Die Welt · 1913-04-25 · 17 (25.4.1913) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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532 J\r. 17 DIE^ELT wie z. B. die speziell auf die jüdischen Immigranten gemünzten Einwanderungsbestimmungen häufen, sollte sich besonders im Geschäftsleben der Antisemitismus noch mehr geltend machen oder gar — was der Himmel verhüten möge — der Haß gegen die Fremden (in Amerika sind immer die zuletzt Eingewanderten die Fremden) in Pöbelausschreitungen einen gewaltsamen Ausdruck finden, so wäre hiermit, so traurig die Tatsache im Augenblick wäre, vielleicht das sicherste Mittel zur Einigung der amerikanischen Judenheit, zur Schaffung eines amerikanischen Judentums gegeben. Fazit. Das im vorstehenden Ausgeführte läßt sich nun in einige wenige Thesen zusammenfassen, die — nicht den gesamten Charakter der amerikanischen Judenheit — aber ihre Fähigkeit zur Schaffung und Weiterbildung jüdischer Kulturwerte bestimmen sollen. Dabei ist zu bemerken, daß bei dem Geschwindtempo amerikanischen Lebens sich vielleicht schon in wenigen Jahren mit den äußeren auch die inneren Verhältnisse ändern können. 1. In der amerikanischen Judenheit bestehen nach Herkunft, religiöser Auffassung und nationaler Tendenz so streng geschiedene Gruppen, daß eine Versöhnung der prinzipiellen Gegensätze zurzeit unmöglich erscheint. 2. Ein Teil der amerikanischen Juden steht dem Judentum so verständnislos und gleichgültig gegenüber, daß er für die Erfüllung jüdisch-nationaler oder jüdisch-kultureller Aufgaben gar nicht oder nur durch einen großen neuen Stimulus zu gewinnen sein wird. 3. Ein zweiter Teil paßt sich bewußt dem amerikanischen Interessenkreise so vollständig an, daß er dazu neigt, sein Judentum als retardierendes Moment auf dem Wege zur Amerikanisierung aufzufassen und es fortzuwerfen. 4. Die beiden Kräfte, welche die einzelnen Juden noch Zusammenhalten, sind die Philanthropie und die Abwehr des Antisemitismus. Wenn wir nun vom Boden der gegenwärtig herrschenden Tatsachen fortgehen und einen Blick in die Zukunft der amerikanischen Judenheit tun, so finden wir diese ebenso unbestimmbar wie die Zukunft des amerikanischen Volkes überhaupt. Dennoch lassen sich die üblichen zwei Möglichkeiten auch hier fast mit Sicherheit Voraussagen: entweder völlige Assimilation oder die Abzweigung der jüdischen Bevölkerung und Bildung einer besonderen nationalen Gemeinschaft. Das letztere Ziel kann auf einem der drei folgenden Wege erreicht werden: entweder unbemerkt, indem bei dem allgemeinen Auseinanderfallen der innerlich noch unverbundenen Rassen auf amerikanischem Boden die jüdische Rasse sich instinktiv zusammenfindet — vielleicht dadurch, daß aus der jüdisch-sozialen Arbeit ein ganzes jüdisch-soziales Gemeinwesen entsteht. Die zweite Möglichkeit wäre ein plötzlicher Ausbruch des Judenhasses, der den davon Betroffenen die Augen über ihre Zusammengehörigkeit öffnet und — vielleicht! — gewaltsam ein amerikanisches Ghetto schafft. Der dritte mögliche Weg ist der, daß die amerikanische Judenheit durch eine neue zündende Idee sich freiwillig zu gemeinsamem Streben verbände. Daß diese Idee rein religiöser Art sein könnte, dafür fehlen alle Voraussetzungen; mehr Wirkung dürfte man sich von der nationalen Idee versprechen. Für einen Judenstaat i n Amerika, wie ihn im Anfang des 19. Jahrhunderts Mordechai M. Noah mit seinem „Mount Ararat"-Projekt erträumt hat, ist es allerdings heute, wo die Vereinigten Staaten eine weggegebene Welt sind, wohl zu spät; die einzige Möglichkeit eines jüdisch-nationalen Zusammenschlusses liegt also in der Schaffung eines jüdischen Zentrums außerhalb Amerikas. Die Frage, ob der jetzige Augenblick geeignet für den Sieg dieser (d. h. natürlich der zionistischen) Idee ist, kann sich nach den geschilderten Verhältnissen jeder selbst beantworten. Wann der Augenblick für das Durchdringen des zionistischen Gedankens gekommen sein wird, ob er durch eine jähe Katastrophe herbeigeführt werden wird oder durch die überzeugende Macht bedeutender zionistischer Persönlichkeiten, oder ob er nur ganz allmählich aus der Verteidigung gegen einen langsam wachsenden Antisemitismus, aus der Veieinheitlichung jüdisch-sozialer Arbeit emporblühen wird, das ist bei der Unbegrenztheit amerikanischer Zukunftsmöglichkeiten unerkennbar. II. Zionismus in Amerika Im Vorausgehenden sind die Hindernisse beleuchtet worden, die der Ausbreitung idealer jüdischer Bestrebungen in Amerika augenblicklich im Wege stehen. Wenn man sie alle erwägt, erscheint die Zahl von 11 000 Schekelzahlern nicht mehr unverständlich, sondern es ist fast verwunderlich, daß ein so hoch idealer Gedanke wie der Zionismus, dessen Ziele noch dazu außerhalb Amerikas liegen, so viele erklärte (und noch viel mehr unerklärte) Anhänger finden konnte. Es ist nun für das Verständnis der Bewegung in Amerika von höchstem Wert, sich klarzumachen, aus was für Elementen sie sich hier zusammensetzt und welche Ursachen den einzelnen zum Zionismus führen. Meinen eigenen und anderer Leute Erfahrungen nach gehören dem Zionismus hier diejenigen eingewanderten Juden an, die ihn bereits als eine Art von Inventarstück aus der alten Heimat mitgebracht haben; es sind dies meistens osteuropäische Emigranten oder junge Leute, die vorübergehend in Amerika weilen. Ferner ist da eine Reihe jugendlicher Personen, die von Kindheit an zum Zionismus erzogen worden sind. Soweit der Zionismus unter den eigentlichen amerikanischen Juden überhaupt Anhänger hat, sind es meistens solche, die entweder einen furchtbaren Antisemitismus in Amerika voraussehen oder den Zionismus als praktische Lösung der internationalen Judenfrage auffassen. Dagegen ist von nur sekundärer Bedeutung für die amerikanische Judenheit die Idee des Zionismus als Kulturideal, als Befreiung aus dem seelischen Konflikt, der dem feiner besaiteten Westeuropäer aus der Erkenntnis der „zwei Seelen in seiner Brust" erwächst. Diese Elemente sind es vorwiegend, die sich jenseits des Ozeans zusammengeschlossen haben, um auf die Verwirklichung des zionistischen Ideals hinzuarbeiten. Die Art der Organisation ist von den hier waltenden Verhältnissen bedingt; da sie vielfach mißverstanden wird, soll sie hier kurz geschildert werden: Es gibt in Amerika ca. 100 kleine und größere Gesellschaften, in New York allein neun, die sich zu der amerikanischen Federation und dem Orden Knights of Zion zusammenschließen. Die große Zahl von Vereinen erklärt sich daraus, daß Sprache, soziale Stellung. Bildungs- und Kulturmilieu der hiesigen Zionisten so verschieden sind, daß wohl eine gemeinsame Arbeit, aber schwerlich eine Verständigung über Details möglich wäre, ebensowenig wie eine gemeinsame Geselligkeit (wie eine Reihe von Mitgliedern sie von ihrem zionistischen Klub erwarten). Auch die Riesenentfernungen in amerikanischen Großstädten machen eine Verteilung zionistischer Versammlungsstätten über verschiedene Stadtgegenden notwendig. Die Federation regelt das Verhältnis dieser einzelnen Gesellschaften zur Zentralleitung, im übrigen aber wandelt jeder Klub seine eigenen Wege, erfüllt seine Aufgaben nach eigenem Verständnis und Gutdünken. Im wesentlichen sind diese Aufgaben natürlich für jede Gesellschaft an jedem Ort die gleichen, nämlich Sammlung von Mitteln und Kräften für die internationale Bewegung, ferner Zusammenhalten der vorhandenen Kräfte, bis der Augenblick intensiverer gemeinsamer Tätigkeit gekommen sein wird, und endlich Propaganda zur Verbreitung der Bewegung im

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