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Die Welt · 1913-04-25 · 17 (25.4.1913) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 17 531 DIE LT Judentum und Zionismus in Amerika *) Von Helene Hanna Verbindende Momente. Trotz aller dieser Hemmungen auf dem Wege zu einer jüdischen Einheit sind dennoch zwei Plattformen vorhanden, auf denen sich die widerstreitendsten Interessen begegnen: die eine ist die Wohltätigkeit , die andere die Abwehr des Antisemitismus — zwei Bestrebungen, die gelegentlich miteinander verschmelzen. Am Beginn dei jüdischen Siedlung in Amerika steht jedenfalls eine Vereinigung der beiden Bestrebungen, indem die ersten jüdischen Einwanderer, um das Recht zur Ansiedlung zu erlangen, sich verpflichten mußten, selbständig für ihre Bedürftigen zu sorgen, so daß diese keinem anderen Gemeinwesen zur Last fielen. Daraus mußte sich in der Praxis eine jüdischsoziale Arbeit entwickeln. Seither sind die Schranken gefallen, durch die der Judenheit Sonderverpflichtungen aufgebürdet wurden, aber freiwillig besteht das Institut der ausschließlich jüdischen Philanthropie noch fort und hat sich in unvergleichlicher Weise entwickelt. Was es ist, das auch den allem jüdischen Geist scheinbar entfremdeten Juden veranlaßt, für speziell jüdische Wohltätigkeitsinstitute zu spenden und zu arbeiten — ob äußerliche Motive, religiöse Beweggründe, ein Rassenverwandtschaftsgefühl oder die unbewußte Furcht vor dem Kommen eines aus Mißgunst gegen das bedürftige jüdische Proletariat geborenen Antisemitismus, ist im einzelnen kaum festzustellen. Tatsache ist es jedenfalls, daß die anscheinend ganz unzusammenhängende Judenheit Amerikas unvergleichlich großartige philanthropische Werke geschaffen hat und in der hochherzigsten Weise für das Wohl ihrer Armen und Kranken wirkt. Bei der Blässe und Widerstandslosigkeit, zu der das Judentum in Amerika gekommen ist, muß man heute schon diese von Juden für Juden geschaffenen Institute — selbst wenn sie sich in ihrem Charakter weit vom jüdischen Ritus und Volksgefühl entfernen — als Pfeiler der nationalen Einheit, mindestens als Hindernisse auf dem Wege zur Assimilation ansehen. Bei fortschreitender Entjudung dürfte allerdings auch die jüdische Wohltätigkeit ihren nationalen Charakter einbüßen, indem sie ihre Institute (wie dies stellenweise schon jetzt geschieht) unter den Schutz staatlicher oder städtischer Behörden stellt und damit nicht jüdischen Einflüssen erschließt. (Zur Erläuterung: Gelegentlich eines Besuches bei der Leiterin eines Heimes für gefallene jüdische Mädchen — kein ausschließlich jüdisches, sondern ein von jüdischem Gelde unterhaltenes munizipales Institut — traf ich einen jungen Italiener, der sich bereit erklärte, die Mutter seines Kindes zu heiraten, falls es ihm erlassen würde, bei der Erziehung des Kindes irgendwelche jüdischen Riten zu beobachten — eine Forderung, die ihm von einem gerade anwesenden christlichen Mitgliede des Aufsichtsrates auch bewilligt wurde.) Nun ist aber, wie schon früher erwähnt, das Problem der jüdischen Fürsorge in Amerika so unermeßlich groß, daß es fast alle Kräfte in Anspruch nimmt und der amerikanischen Judenheit für die Beschäftigung mit internationalen Judenfragen wenig Raum läßt. Daß dennoch das Interesse für die Stammesgenossen außerhalb Amerikas nicht gänzlich geschwunden ist, hat sich schon häufig in Aktionen bei nichtamerikanischen Vorgängen geäußert, z. B. bei den Protesten gegen die Pogrome der achtziger Jahre, gegen die Vorgänge von Tisza Eslar und erst in diesen Tagen durch eine Hilfsaktion zugunsten der bedrängten Balkanjuden. Daß die Philanthropie viel mehr den Charakter amerikanisch-sozialer Arbeit als denjenigen jüdischnationaler Kulturpflege oder religiöser Nächstenliebe trägt, dürfte daraus erhellen, daß im Vergleich mit den für das physische Wohl der Hilfsbedürftigen und ihre Ausbildung für den Wirtschaftskampf geopferten Riesensummen die Spenden für j ü d i - Cohn (New York) (Schluß.) sehen Unterricht winzig sind — so winzig, daß z. B. in New York Religionsschulen nur für etwa ein Drittel aller jüdischen Kinder vorgesehen sind, und auch der ihnen gewährte Unterricht erfolgt meistens in gänzlich unzulänglicher Weise und Umgebung. Wie verwischt die Grenzen zwischen Wohltätigkeit und Sozialpolitik sind, geht auch aus den früher zitierten Beispielen des Industrial Removal Office und des American Jewish Committee hervor. Wegen der Unklarheit über die Ursachen und Motive für ein speziell jüdisches Wohltätigkeitswesen läßt sich auch kein zuverlässiger Schluß auf dessen unbegrenzte Fortdauer ziehen, läßt es sich nicht als einen der Pfeiler ansehen, auf dem sich eine jüdische Kultureinheit aufbauen muß. Viel gewichtiger in dieser Beziehung ist die andere Arbeit, in der sich amerikanische Juden aller Schattierungen zusammenfinden: die Abwehr des Antisemitismus. Je größer dieser „gemeinsame Feind“ wird, desto stärker muß in der amerikanischen Judenheit das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Wille zu gemeinsamer Arbeit werden. Die Wege, welche diese Abwehr einschlägt, sind allerdings heute noch himmelweit verschieden, gehen aber, wie auch anderswo, nach zwei Hauptrichtungen: bei den einen (in der Mehrzahl befindlichen) ein Ducken, Verstecken, Sichanpassen, bei den anderen ein unermüdlicher Hinweis auf die Bedeutung der Juden für den Aufbau des Staatswesens und eine Bekämpfung der von den Feinden mit Recht gerügten Uebelstände im jüdischen Volke. Hier ist der Punkt, wo die Wege der jüdischen Wohltätigkeit und der Abwehr des Antisemitismus sich vereinigen. In dem Maße nämlich, wie durch philanthropische und soziale Werke die Not der jüdischen Massen gehoben wird, muß der amerikanisch-antisemitische Vorwurf schwinden, daß die gänzlich mittellos einwandernden Juden die Löhne drücken und daß ihre Leistungsfähigkeit, ihr Nutzen für das Land in keinem Verhältnis zu den Kosten steht, die sie dem Staate verursachen. In demselben Maße auch muß die (nicht ganz unberechtigte) Beschuldigung schwinden, daß die hohe jüdische Kriminalität eine Gefahr für das Land bedeute. (Auf diese zu hohe Kriminalität amerikanischer Juden einzugehen, ist hier nicht am Platze; nur kurz seien ihre vermutlichen Ursachen erwähnt: 1. der zu plötzliche Uebergang aus dem Sklavendruck der osteuropäischen Ghetti in die unbegrenzte amerikanische Freiheit des Individuums; 2. die fast unsittlich materielle Tendenz amerikanischen Lebens; 3. die Zusammenpferchung jüdischer Massen in überfüllten Behausungen und die daraus entstehenden Schäden für Leib und Seele; 4. der Mangel religiöser oder sonstwie ethischer Erziehungsinstitute für die Jugend; 5. das Aufhören des elterlichen Einflusses auf die Kinder — eine Erscheinung, die ihrerseits auf die Ueberlegenheit der in Amerika erzogenen jungen Generation über die alte an Wissen und moderner Bildung zurückzuführen ist, sowie darauf, daß vielfach die Eltern von den Einnahmen der jungen Kinder abhängig sind und nicht die Kinder von denjenigen der Eltern. In den jüdisch-sozialen Verhältnissen Besserungen zu schaffen, ist nicht allein ein Werk der Humanität, sondern zugleich ein Schritt zur Regeneration des jüdischen Volkes und ein Gebot der Klugheit. Daß so viele sich der Notwendigkeit einer so praktischen Bekämpfung des Judenhasses gar nicht bewußt werden, liegt wohl daran, daß der Antisemitismus in Amerika vorerst nur ein gesellschaftlicher, also überhaupt nur für feinere Naturen wahrnehmbar ist. Sollten sich aber die noch vereinzelten und verschleierten antijüdischen Regierungsmaßnahmen, *) Vergl. Nr. 15 der „Welt“ dieses Jahrg.

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