Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 529 Jetzt heißt es also den Schimpf einstecken oder die Existenz aufs Spiel setzen. Da alle bisherigen Eingaben, Rekurse, Vorstellungen und Proteste fruchtlos blieben, hat der Vollzugsausschuß der Studentenschaft dem Senate ein Memorandum überreicht, in welchem es heißt: „Die letzte Relegierung hat unter der jüdischen Studentenschaft die Erregung von neuem aufs stärkste entfacht und wir wollen es dem hohen akademischen Senat nicht verhehlen, daß es anläßlich der letzten Delegiertenkonferenz den besonnensten Elementen nur mit größter Mühe gelang, der erregten Stimmung des größeren Teiles der Anwesenden, die zu den äußersten, der Studentenschaft zustehenden Maßregeln greifen wollten, vorläufig Herr zu werden. Noch einmal wurde der Beschluß gefaßt, an den hohen akademischen Senat im Namen der gesamten jüdischen Studentenschaft heranzutreten, um die Erfüllung der nachfolgenden gerechten Forderungen zu verlangen: 1. Der hohe akademische Senat wolle jede Satisfaktions- Verweigerung im Sinne des Waidhofner Beschlusses einer tätlichen Beleidigung gleich werten. 2. Der hohe akademische Senat wolle sein Aufsichtsrecht über die akademischen Korporationen dahin geltend machen, daß Bestimmungen, die einem Teile der Studentenschaft die Ehre absprechen, — seien sie schriftlich in den Satzungen festgelegt, oder nur gewohnheitsrechtlich in Hebung — nicht geduldet werden.“ Es ist hoch an der Zeit, daß auch das jüdische Bürgertum den Vorgängen an der Universität volle Aufmerksamkeit zuwendet. Kein Volk würde es dulden, daß seine besten Söhne unter Patronanz der berufenen Jugendbildner als ehrlos und vogelfrei behandelt werden dürfen. Ein Vortrag Dr. F. Oppenheimers in Kairo Man schreibt uns aus Kairo: Vor einigen Tagen weilte in unserer Stadt ein illustrer Gast, der bekannte Berliner Nationalökonom Dr. Franz Oppenheimer. Er hielt sich auf seiner Durchreise nach Palästina in Kairo auf und sein kurzes Verweilen blieb nicht ohne Resultat. Er hat nämlich die Aufmerksamkeit der ägyptischen Öffentlichkeit auf die jüdische Kolonisation in Palästina gelenkt. Man weiß ja in Aegypten sonst nicht allzuviel über das so nahe gelegene und durch historische Traditionen verbundene Palästina. Höchstens interessieren sich die arabischen nationalistischen Kreise für dieses Land, aber auch diese in höchst einseitiger Weise, ohne rechtes Verständnis und ohne Kenntnis der wirklichen Verhältnisse. Es war deshalb ein ausgezeichneter Einfall der „Societe Khediviale de Geographie“, Dr. Oppenheimer, der ein Fachmann für Kolonisationsfragen und Genossenschaftswesen ist, zu einem Vortrag über dieses Thema einzuladen. Eine erlesene Schar von Hörern fand sich ein. Der Vorsitzende der Gesellschaft S. E. Abbate Pascha eröffnete die Sitzung und begrüßte in überaus herzlichen und warmen Worten den Gast. Dr. Oppenheimer sprach über die Siedlungsgenossenschaft im allgemeinen und über die palästinensischen Versuche insbesondere. Es wäre überflüssig, den Vortrag auch nur ganz allgemein hier wiedergeben zu wollen. Die Theorie Dr. Oppenheimers ist hinreichend bekannt. Er entwickelte in einer kurzen Skizze die Geschichte und Theorie des Genossenschaftswesens, das er als Fortsetzung und Schlußfolgerung der Lehre der französischen Nationalökonomen, vor allem aber Proudhons bezeichnete. Zur Illustration seiner Theorie führte Oppenheimer das Beispiel der palästinensischen Kolonisation vor. Er schilderte mit warmen eindringlichen Worten die gewaltige Arbeit, die die jüdischen Siedler, die gestrigen Parias Osteuropas, die gestrigen Städter und Luftmenschen in Palästina geleistet haben, entwarf ein farbenreiches Bild der jüdischen Kolonien, die auf neuen, gesunden, auf sozialer Gerechtigkeit fußenden Prinzipien basieren. „Der Optimismus,“ schloß er seinen beredten Vortrag, „bedingt den Fortschritt. Die Wirklichkeit von heute ist die Utopie von gestern. Hoffen wir, daß die Utopie von heute die Wirklichkeit von morgen werden wird.“ Hoffentlich wird die Wirkung des Oppenheimerschen Vortrags nicht so rasch verhallen. Es wäre aber wünschenswert, daß auch die ägyptische Judenschaft mehr Verständnis für Palästina und die Kolonisation unseres alten Landes gewönne. Sie könnte ja so Vieles und so Ersprießliches leisten. Leider wird in Aegypten noch zu wenig agitiert, obwohl die Bemühungen von zionistischer Seite zugenommen haben. Oppenheimer hat dieser Agitation erheblich genützt, hoffen wir, daß ihm andere folgen, die das Feuer der Begeisterung schüren, das Interesse rege erhalten. Griechischer Antisemitismus (Von unserem Berichterstatter.) Saloniki. Gewisse Zeitungen stellen die Behauptung auf, daß Alexander S k i n a s , der Mörder des Königs Georg, jüdischer Herkunft sei. Das in Athen erscheinende „Bulletin Oriental“ sucht diese Legende dadurch zu stützen, daß es behauptet, Skinas sei der Abkömmling einer der kleinen aschkenasischen Gemeinden, die früher in Thrazien und Mazedonien bestanden hätten, später aber infolge der Verfolgungen durch sephardische Rabbiner oder durch die Bekehrung zum Christentum und zum Islam verschwunden seien. Die Albernheit derartiger Behauptungen geht schon daraus hervor, daß solche Verfolgungen seitens sephardischer Rabbiner ebenso wenig stattgefunden haben, wie die Bekehrung jüdischer Gemeinden zum Islam oder zum Christentum. Das hindert nicht, daß derartige falsche Gerüchte bestimmte Form annehmen und geradezu eine Gefahr bilden. Die jüdische Presse in Saloniki hat die Aufmerksamkeit der Behörden auf diese Art von Publikationen gelenkt, die den Frieden unter der Bevölkerung gefährden. Die griechischen Behörden haben darauf in den Athener Blättern ein formelles Dementi dieser falschen Gerüchte veröffentlicht. Ein griechischer Staatsbürger jüdischen Glaubens Die „Revue Israelite“ in Athen berichtet über einen Vorfall, der sich in dieser Art leider häufig bald in dem einen bald in dem anderen Lande abspielt. Ein gewisser vom Ausland eingewanderter Jude namens Hurstein, der jetzt auf Kreta lebt, wollte seinen besonderen griechischen Patriotismus beweisen und wußte dafür kein besseres Mittel, als daß er in einem griechischen Blatte einen Artikel schrieb, in dem er die Juden Kretas beschuldigte, schlechte Patrioten zu sein, weil sie über die griechischen Siege nicht die nötige Begeisterung bekundeten. Er benutzte diese Gelegenheit dazu, die dortigen Juden im allgemeinen und speziell die Zionisten anzugreifen, die er antipatriotischer Gesinnung beschuldigte, weil sie in Palästina die jüdische Nation konzentrieren wollten, anstatt sich bei den denjenigen Völkern zu assimilieren, unter denen sie leben. Diese niedrige Denunziation hätte möglicherweise die Feindschaft der christlichen Bevölkerung von Kreta gegen die Juden erregen können, aber glücklicherweise wurde dadurch nur die Entrüstung der anständig denkenden Leute hervorgerufen. Ein in Kreta sehr bekannter Rechtsanwalt, Herr Bozdoyani, antwortete mit einem langen Brief, der in einer anderen griechischen Zeitung veröffentlicht wurde. Dieser christliche Rechtsanwalt wies die übertriebene griechisch-patriotische Begeisterung des Herrn Hurstein zurück, die durchaus unnatürlich sei, und sprach sein Erstaunen darüber aus, daß ein Jude gegen seine Brüder derartige Beschuldigungen verbreiten könne. Er lobte den Patriotismus der