Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 17 (1913)
- Issue
- 17 (25.4.1913)
- Date
- 1913-04-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 527 o!!□□□□□□ WELTCHRONIK □□□□□□ Zangwill als Politiker Berlin. Die englischen Blätter berichten, daß Israel Zangwill demnächst seine Kandidatur für das Parlament an Stelle des zurücktretenden Mr. Stuart Samuel aufstellen wird. Es ist vielleicht möglich, daß Zangwill das Whitechapler Mandat erhalten wird. Warum auch nicht? Geist hat Zangwill mehr als ein „M. P." nötig hat, und reden kann er, wie kaum ein anderer. Ob aber Mr. Zangwill selbst dabei viel gewinnen wird, ist sehr fraglich. Denn Mr. Zangwill versteht vieles, sehr vieles, nur ein einziges Gebiet ist ihm verschlossen: Die Politik. Mein Gott, muß denn ein Mensch alles verstehen? Ist es denn nicht genug, wenn man hübsche Novellen, passable Komödien schreiben kann? Ist Maurice Barres ein guter Politiker? Und dabei ist er vielleicht ein noch bedeutenderer Dichter als Zangwill. Gewiß, es gab einen Literaten, der ein hervorragender Politiker war, ja — der Politiker par excellence: Aber der hieß D i s r a e 1 i! Und Mr. Zangwill würde sich wahrscheinlich schön bedanken, wenn man ihn als Schriftsteller in eine Reihe mit Lord Beaconsfield stellen wollte. Non Omnibus omnia . . . Und um dieses zu illustrieren, ließ Mr. Zangwill vor kurzem einen „Speech" von Stapel, über Itoismus natürlich. Hübsch geredet, zweifellos, aber immer daneben. Glänzende Paradoxe, aber so seltsam verworren und widerspruchsvoll, daß man nicht recht weiß, wozu sie gesprochen wurden. Etwa um die Hörer in der „Union of Jewish Literary Societies“ zu düpieren? Er erzählte ihnen zuerst, daß das Judentum in der Diaspora zugrunde gehe, daß es eines Zentrums bedarf usw. Aber darauf fügte er hinzu, Amerika sei das prädestinierte Land, das sämtliche Juden Europas aufnehmen könne. Schön. Auch ein Standpunkt. Aber dann folgt ein Purzelbaum. Und der heißt — Ito. Ist Amerika das gelobte Land, können die Juden dort Unterkommen, eventuell sogar oben aufkommen, wozu dann die Ito? Dann überlassen wir einfach die Sache ihrem Lauf und sehen zu, was aus dem „Schmelztiegel" herauskommen wird. Das ist eine ernste Frage und kein Anlaß zu Scherzen. Aber Zangwill ist ein Meister logischer Sprünge und leistet erhebliches auf diesem Gebiet. Also Amerika und Ito. Aber warum Ito und nicht ein anderes Land, warum ein X und nicht ein bereits gegebenes, warum nicht Palästina? Ja, sagt Zangwill, in Palästina wohnen 600000 Araber, es ist also okkupiert. Wir aber brauchen ein ganz unbewohntes leeres Land, eine Art tabula rasa. Nun gibt es ja allerdings ein paar leere Länder. Aber leider etwas zu weit entlegen. Am Nordpol, am Südpol, vielleicht auch am Aequator. Es wäre ja ganz hübsch, wenn man dort die Juden ansiedeln könnte. Was Scott nicht zustande gebracht hat, werden Juden schon fertig bringen. Aber vielleicht melden sich auch dort ein paar Samojeden oder sonstige „Autochthonen" und dann müßte Zangwill sich nach einem anderen „leeren" Platz Umsehen. Eine sehr hübsche und spannende Beschäftigung, besonders für einen Romanschriftsteller. Ob’s für ein Volk auch so spannend und lohnend ist, wer fragt danach? Wer wird sich denn um solche Kleinigkeiten kümmern? Die Hauptsache ist, daß Mr. Zangwill einen Anlaß zu einigen neuen mehr oder weniger gelungenen Paradoxen hat. Ein staunenswerter, vor allem aber ein ungemein realistischer Politiker! Nicht wahr? Hoffen wir, daß er baldigst ins englische Parlament einziehen wird als ein neuer Disraeli! Criticus. Die Ausschließung der russisch-jüdischen Studenten von der Leipziger Universität Leipzig. Unter der Einwirkung der Ausländerhetze an den deutschen Universitäten hat der Senat der Universität Leipzig beschlossen, daß künftig nur solche Studenten aus Rußland in Leipzig immatrikuliert werden sollen, die ein zweisemestriges Hochschulstudium in ihrer Heimat aufweisen können. Dieser Beschluß bedeutet eine, wenn auch vielleicht unbeabsichtigte, völlige Ausschließung der russisch-jüdischen Studenten von der Leipziger Universität. In einer vom Verband der ostjüdischen Studentenvereine in Westeuropa versandten Erklärung wird hierzu ausgeführt: „Der weitaus größte Teil der in Deutschland studierenden russischen Staatsangehörigen — etwa 80 °/o — besteht aus Juden, die in Rußland auf Grund der für sie herrschenden Ausnahmegesetze vom Universitätsstudium fast vollständig ausgeschlossen sind, und zwar durch die Bestimmung, daß an den russischen Universitäten Juden in ganz beschränktem Maß (3—5 °/o der Zahl der nichtjüdischen Studierenden) aufgenommen werden können. Es ist also dem größten Teil der jüdischen Jugend die Möglichkeit genommen, an einer heimatlichen Universität auch nur immatrikuliert zu werden, und demnach sind diese schon von Anfang an auf die Gastfreundschaft der deutschen Universitäten angewiesen. Der Beschluß der Universität Leipzig . . . beraubt, wie auf der Hand liegt, gerade die russischen Juden vollständig jeder Möglichkeit, an der Universität Leipzig zu studieren. Er geht in dieser Hinsicht also weit über die Forderungen hinaus, welche die antisemitischen Blätter aufstellen." Im übrigen soll die Verordnung der Leipziger Universitätsbehörden sogar rückwirkende Kraft bekommen. In Leipzig besteht nämlich die eigenartige Vorschrift, daß. jeder Ausländer nach vier Semestern seine Immatrikulation erneuern muß. Den russischen Medizinern, die gerade jetzt vier Semester absolviert haben, wurde die „Neuimmatrikulation" aut Grund der jüngsten Bestimmung versagt. Sie mögen zunächst vom sächsischen Kultusminister und Reichskanzler die Erlaubnis zur Ablegung des Physikums erlangen, dann würden sie wiederum Aufnahme finden. Vorläufig aber sind sie ausgeschlossen. Man sollte es kaum für möglich halten, daß eine deutsche Hochschule von dem Range und den Traditionen der Leipziger Universität derartige drakonische Maßregeln gegen ausländische Studierende ergreift, die in ihrer Heimat ihres Glaubens und ihrer Abstammung wegen drangsaliert und gewaltsam von den Stätten der Wissenschaft ferngehalten werden. Wahrlich, ein trauriges Zeichen der Zeit! Ausschließung russisch-jüdischer Studenten von der Universität München München. Auch an der hiesigen alma mater sollen künftig, wie in Leipzig, jüdische Studenten aus Rußland nicht mehr immatrikuliert werden! Ein jüdischer Student, der in Rußland ein Gymnasium absolviert und in Bern sein erstes Semester verbracht hat, erhielt auf sein Gesuch um Immatrikulation an der Universität München folgende gedruckte Erwiderung: