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Die Welt · 1913-04-25 · 17 (25.4.1913) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
17 (1913)
Issue
17 (25.4.1913)
Date
1913-04-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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526 . DIE2a&ELT Nr. 17 Kann man etwas dagegen ein wenden? Ist das nicht ein Sieg der Demokratie? Aber für die Juden der betreffenden Länder wird es ein harter, nicht zu verschmerzender Schlag sein. Was fängt ein Jude, sagen wir, mit einer slovenischen Hochschulbildung an? Er wird isoliert vom großen, breiten Kulturleben, weggedrängt von der Heerstraße der europäischen Zivilisation; er wird eingepfercht in die dürftigen Verhältnisse des kleinen Landstrichs, der seine engere Heimat ist. Ich habe selbst die Tragödie jüdischer Eltern beobachten können, die ihre Kinder in ruthenische Gymnasien schicken mußten, sie zu „Vollblutruthenen“ heranreifen sahen, Zeugen sein mußten, wie sie in einer fremden, noch unentwickelten, primitiven, kleinstädtischen Nationalkultur auf gingen. Ist das nicht eine Zertrümmerung der jüdischen Einheit, der Kontinuität der jüdischen Geisteskultur? Diese Motive — rein praktischer Natur — waren es, die auch die Prosaischsten, die Nüchternsten unter uns zur Erkenntnis führten, daß ein Weg zu suchen sei, um die Zerstreuung des jüdischen Intellekts aufzuhalten, ihn von neuem zu konzentrieren, zu sammeln. Und dieser Weg bot sich von selbst — die Schaffung einer eigenen jüdischen Universität. Gerade das Beispiel der kleinen, schwachen Völker zeigte uns die Möglichkeit der Erfüllung unseres Traumes. Können 11 Millionen Juden nicht das erreichen, was die li/2 Millionen Slovenen oder Vlamen durchzusetzen imstande sind? Sind wir so arm, daß wir uns alles, auch das Allernotwendigste, versagen müssen? Was die anderen können, können wir auch. Vielleicht noch mehr und noch besser. Man nennt uns das Volk des Buches, die Intellektuellen — es sei. Wir müssen es bleiben, wenn wir überhaupt bestehen wollen. Aber wir müssen unsere eigene Intellektualität entwickeln, unsere eigene, wahre Kultur von innen heraus reifen lassen. Gewiß, Chemie, Geodäsie, und Mathematik bleiben unter allen Himmelsstrichen dieselben. Da gibt es keine nationalen Unterschiede, keine psychischen Abtönungen. Aber wohl in den Geisteswissenschaften. Und vor allem in der Methode, Wissenschaft zu lernen und zu lehren. Warum sind die Juden die Vorzugsschüler an den Schulen? Etwa weil sie wirklich die Fähigsten sind? Ich glaube nicht an diese ursprüngliche, angeborene Befähigung. Der Grund liegt ganz wo anders, im verschiedenen Denk- und Auffassungstempo der Juden. Der Jude lernt nicht besser, denkt nicht tiefer, als die andern, aber — rascher. Seine geistige Beweglichkeit, Geschwindigkeit ist größer. Man sollte eigentlich den Juden einen ganz anderen Unterricht zuteil werden lassen. Er müßte kondensierter sein, er sollte den spezifischen Fähigkeiten der jüdischen Jugend angepaßt werden. Man wirft den Juden vor, daß sie auf geistigem Gebiete nichts Erhebliches, nichts Hervorragendes leisten. Und manche sogenannte „Psychologen“ ä la Chamberlain wollen daraus sogar die geistige Inferiorität der Juden ableiten. Eine klägliche Psychologie! Nicht an den Juden liegt es, sondern an den Lehranstalten, die nicht für sie zugeschnitten sind. Man lasse einmal Juden nach ihrer Art Wissenschaft treiben und das Märchen von der Inferiorität wird verschwinden, wie viele andere Judenlegenden . . . Materielle und psychische Motive, die Sorge um das leibliche Wohl und um die geistige Gesundheit der Juden sind es also, die uns dazu führen, an eine eigene Universität zu denken. Die Doktrinäre und die — Dummen wollen es, können es nicht verstehen. Die jüdischen Sozialdemokraten in Rußland wollen darin eine Rückschrittsbewegung, eine Aeußerung des „isolierenden Chauvinismus“ erblicken und höhnen. Der Herr verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie reden, denn sie sind blind für die Wirklichkeit. Wie sollten sie unsere Gründe verstehen, wenn sie die Abgründe des Judentums nicht sehen können? Nun gut, aber wie und wo eine solche Universität errichten? Offen gestanden, macht mir das „Wie“ keine Sorgen und kein Kopfzerbrechen. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Besonders aber, wo eine zwingende, unaufschiebbare Notwendigkeit vorhanden ist. Wir haben alles, was man braucht. Wir verfügen über Lernbegierige, Lernenmüssende und Lehrfähige. Wir könnten auch über Mittel verfügen — wenn das Volk es wollte. Und daß es wollen wird, daß es uns unterstützen wird, daran kann ich nicht zweifeln. Denn sonst müßte ich am Volke verzweifeln. Allerdings, es ist viel, sehr viel Geld nötig, mehrere Millionen. Aber am Geldmangel ist noch nie eine nationale Sache zunichte geworden . . . Wie ist es nun mit dem „Wo“? Soll die Universität in einem europäischen Freistaate, im alles absorbierenden Amerika, oder im Lande „Weißnichtwo“ gegründet werden? Und dies ist die Frage, die die meisten beschäftigt. Wir haben unsere Antwort bereit. Das Wandern und Suchen, sagen wir, ist vom Uebel. Gerade weil die Universität, die wir im Auge haben, den jüdischen Geist in einen einzigen Strom leiten, die disjecta membra sammeln und konzentrieren soll, müssen wir nach einem Zentrum suchen, das in Wahrheit national wäre. Und dieses ist vorhanden. Geboten von der Geschichte, von den Verhältnissen. Jabne ist der Name. Jabne hieß der Ausstrahlungspunkt der jüdischen Kultur und Jabne muß der Rückstrahlungspunkt heißen. Es ist nicht Romantik, nicht Vergangenheitskult. Ich bin für eine Universität in Palästina nicht wegen des Zauberklanges des Namens Palästina und nicht einmal wegen der historischen Reminiszenzen, die allerdings sehr stark ins Gewicht fallen. Es sind vielmehr praktische Erwägungen, von denen ich ausgehe. Palästina ist der einzig mögliche Ort, wo die jüdische Konzentration, das Sichbesinnen auf sich selbst, das Werden und Schaffen aus eigenen Kräften, das Stehen auf eigenen Füßen möglich ist. Darum und nur darum bin ich für Palästina und für eine Universität in Palästina . . . Das sind ja Präliminarien und Voraussetzungen. Allgemeine, vage Worte! Gewiß, aber eigentlich kommt es nur darauf an. Nicht die Ausführung ist das Schwierige an der Sache, sondern der Wille zur Ausführung, die Erkenntnis der Zeitgemäßheit und Notwendigkeit. Alles übrige wird sich, muß sich finden. Dr. A. Coralnik. DIE WELT Preis der Einzel-Nummer 30 Pfennige ist auf allen Berliner Bahnhöfen, ferner in den Kiosken der Firma GEORG STILKE zu haben.

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